Candida Höfer im Museum Kunstpalast Düsseldorf - DER SPIEGEL
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Candida-Höfer-Ausstellung Freude am Blödsinn

Candida Höfer gilt als scheu und spröde, als die große Dame der deutschen Fotografie: Doch in den Siebzigern wirbelte sie als leichtfüßiges Mädchen durch die schräge Kunstszene Düsseldorfs. Eine Ausstellung bringt jetzt beide Welten zusammen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Candida Höfer noch eine junge Frau war, wohnte sie im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort. In der Nähe lag das Café Da Forno. Und das Eis dort war lecker.

Die scheue, spröde und große Dame der deutschen Fotokunstszene war damals in der Filmklasse der Akademie eingeschrieben, wo die Abgabe eines 16-mm-Opus anstand. Also machte sie sich mit viel Freude am Blödsinn und möglichst wenig verstiegenem Kunstwillen zusammen mit dem britischen Multimediakünstler Tony Morgan an die Arbeit - in der Eisdiele Da Forno.

Nacheinander nahmen die beiden an einem Tischchen Platz und filmten sich gegenseitig beim Verzehr einer Tasse Kaffee. Dabei versenkten beide Unmengen von Zucker in ihrem Heißgetränk, als könnten sie so der bewusst banalen Filmhandlung die nötige Würze geben.

Dieser süße kleine Vier-Minuten-Clip aus dem Jahr 1975 bildet nun den Anfang einer Ausstellung, die anders ist als die Höfer-Schauen der letzten Jahre. Sie konzentriert sich auf Arbeiten, die in der Düsseldorfer Zeit entstanden sind. Dazu zeigt sie - jetzt, da die Künstlerin im Februar 70 Jahre alt wird - den Teil ihres Werkes, den man "Höfer vor Höfer" nennen könnte. Und nebenbei enthüllt die Schau auch ein wenig von der persönlichen Geschichte der Künstlerin.

Zarte Andeutung eines Selbstporträts

Candida Höfer lebt heute zurückgezogen in Köln. Im großen, spärlich möblierten Haus mit Rheinblick, das einst ihrem Vater Werner Höfer gehörte, dem Moderator der legendären TV-Sonntagmittagsinstitution "Internationaler Frühschoppen". In den Siebzigern aber, zur Zeit des Da-Forno-Experiments und der darauf folgenden Jahre in der legendären Fotografieklasse von Bernd Becher, wirbelte sie durch das rege, schräge Kunstgetriebe Düsseldorfs. Sie war modisch frech gekleidet, trug hellblauen Lidschatten und erinnerte mit ihren langen, glatten Haaren, dem geraden Pony und den mandelförmigen Augen ein wenig an die Sängerin Katja Ebstein. Und sie konnte, wie das Da-Forno-Filmchen belegt, ausgelassen flirten und lachen.

Sie stand im Gedränge bei einer Aktion von Joseph Beuys in der Galerie Schmela. Sie fotografierte bei einer Gerhard-Richter-Ausstellung in der Galerie Konrad Fischer. Sie knipste, als das heute berühmte Künstlerduo Gilbert & George mit Metallicfarbe bemalt als "Singing Sculpture" auftrat. Sie hing mit einer Künstlerclique in legendären Kneipen wie dem Ohme Jupp oder dem Ratinger Hof herum. Und Konzerte von Roxy Music oder Lou Reed ließ sie auch nicht aus.

In jenen Jahren entstanden Fotosequenzen von Menschen im Wartesaal des Hauptbahnhofs, auf der Kirmes oder der Rennbahn, von Promenierenden im Opernfoyer. Und immer wieder machte sie Aufnahmen von Fenstern und Schaufenstern, in denen sie sich beiläufig spiegelt, als wolle sie die zarte Andeutung eines Selbstporträts durchscheinen lassen.

Schwindel und Desorientierung

Irgendwann aber muss sich in ihr der Hang zum Scheuen verstärkt haben. Als sie ein Fotoprojekt zum Leben von Türken in Deutschland auf deutsche Wohnstuben erweitern wollte, fiel ihr auf, wie sehr es ihr widerstrebte, Menschen herumzudirigieren und in ihre Privatsphäre einzudringen. Etwa gleichzeitig entdeckte sie bei einem Auftrag für ein Fotobuch über Spielautomaten, wie sehr sie die Konstellationen von Dingen und Innenräumen interessierten.

Nach und nach verschwanden die Menschen aus ihren Bildern. Dafür hielt sie nachts oft die Vorstellung von bestimmten, geheimnisvoll wirkenden Räumen wach. Und tagsüber machte sie sich daran, Zutritt zu ihnen zu bekommen und das Wesen jener Museumssäle, Archive, Bibliotheken, Kirchen oder Theater in jenen grandios auratischen Tableaus zu erfassen, die sie bekanntmachten. Spätestens seit sie 2002 zur documenta und im folgenden Jahr zur Venedig-Biennale eingeladen war, wurde sie in einem Atemzug mit ihren Becher-Klassenkollegen Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth genannt.

Seit 2011 hat sie eigens für die Düsseldorf-Ausstellung einige Motive aufgenommen: das Benrather Schloss, die Sankt-Maximilian-Kirche und mehrmals, ziemlich großartig, das Foyer des Dreischeibenhauses - schillernd wie in flüssiges Blei getaucht.

"Es gibt noch viele Innenräume, auf die ich neugierig bin"

Dabei hat sie auch durch die Glasscheiben dieses ikonischen Hochhauses hindurch in Richtung Tausendfüßler fotografiert, auf jene filigrane Autohochstraße, die kürzlich abgerissen wurde. Und wie in ihren frühen Fensterbildern ist wieder die verschwommene Silhouette der Fotografin zu ahnen - als habe sie sich mit dieser Reflexion von früheren Reflexionen über 40 vergangene Lebensjahre hinweg selbst zuwinken wollen.

Doch kaum meint man, sie bei einer kleinen Sentimentalität zu ertappen, da biegt sie schon wieder in eine neue, sprödere Richtung ab. Im letzten Jahr hat sie das Treppenhaus des Neuen Stahlhofs aufgenommen. Verwirrende Bilder sind da entstanden: Einmal surrt der spiralförmige Stufenverlauf nach unten weg. Einmal scheinen sich die Geländer in ein weiß gleißendes Nichts hinaufzuschrauben.

Kein Abstand, keine Übersicht, keine Symmetrie. Stattdessen: Schwindel und Desorientierung. Saugen die abstrahierenden Nahansichten dieser strudelförmigen Treppen jetzt ihre großen, weiten, detailreichen Raumtableaus auf? Die Künstlerin wehrt ab: "Damit experimentiere ich, und damit arbeite ich weiter. Aber es gibt noch viele Innenräume, auf die ich neugierig bin und die ich sehen möchte und vielleicht fotografieren werde."

14. September 2013 bis 9. Februar 2014 im Museum Kunstpalast, Düsseldorf; www.smkp.de ; Katalog im Richter|Fey Verlag: 39,90 Euro, im Museum: 29,90 Euro.