Cartoonist Dagsson: Strichmännchen mit Goldhändchen - DER SPIEGEL
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Cartoonist Dagsson Strichmännchen mit Goldhändchen

Je simpler, desto grausamer: Der Cartoonist Hugleikur Dagsson braucht für jedes seiner Bilder nur wenige Striche. Aber die setzt er so unerbittlich, dass manche seine Arbeiten verbieten wollen. Und andere sie ihm aus den Händen reißen.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich weiß auch nicht, wie meine Eltern darauf gekommen sind", sagt Hugleikur Dagsson, "aber irgendetwas werden sie sich dabei gedacht haben". Hugleikur bedeutet "Gedankenspiel" und ist in Island ein beliebter Name für Pferde. Und Hugleikurs Eltern hatten offenbar einen Hang zum Ausgefallenen. Was in Island nicht ungewöhnlich ist. Der Vater, gelernter Historiker und Theologe, schrieb Erzählungen, die Mutter übersetzte Theaterstücke ins Isländische. Hugleikur, 1977 in Akureyri im Norden der Insel geboren, besuchte zuerst eine ganz normale Schule, danach die Kunstakademie in Reykjavik. Dabei wollte er gar nicht Künstler werden, nicht einmal Kunstlehrer. "Ich probierte alles Mögliche aus, immer auf der Suche nach mir selbst."

Zwei Jahre unterrichtete er autistische Kinder, dann moderierte er eine Kultursendung im isländischen Radio. Dass einer nicht das macht, was er gelernt hat, auch das ist in Island eher die Regel als die Ausnahme. Professoren arbeiten als Fremdenführer, Bauern schreiben Romane, Pfarrer züchten Schafe. Der Isländer als solcher ist extrem flexibel und bricht gerne immer wieder zu neuen Ufern auf, wie seine Vorfahren, die Wikinger.

"Die Botschaft kommt sofort an"

Und so beschloss Hugleikur eines Tages, dass er doch ein Künstler werden möchte. Obwohl Island ein Land mit einer ungewöhnlich großen Künstlerdichte ist - bezogen auf die Bevölkerung gibt es wohl nirgendwo in der Welt mehr Schriftsteller, Musiker und Maler. Es gibt allerdings nur wenige Comic-Zeichner, dabei sind Comics sehr beliebt. "Ich war schon als Schüler verrückt nach Cartoons von Johnny Ryan, Sam Henderson und Alan Moore", nach Gilbert Shelton ("Freak Brothers"), Art Spiegelman ("Maus") und Robert Crumb ("Fritz the Cat") sowieso.

Heute ist Hugleikur Dagsson nicht nur der bekannteste Cartoonist Islands, er spielt sogar in der Champion-Liga der Comic-Produzenten mit. Eben ist bei Penguin in London sein zweites Buch erschienen ("Is This Supposed to be Funny?"), nachdem das erste ("Should You Be Laughing At This?") vor einem Jahr aus dem Stand ein Beststeller wurde.

Dabei hat er erst vor fünf Jahren ganz klein angefangen. Kurz vor Weihnachten 2002 kam sein erstes Buch ("Love us") auf den Markt. Da kein Verlag interessiert war, stellte er auf eigene Faust 600 Exemplare auf einem Kopierer her und verkaufte sie Stück für Stück auf der Straße, in Cafes und Kneipen. Ein Jahr später, zu Weihnachten 2003, brachte er auf die gleiche Weise 600 Exemplare von "Kill us" unter die Leute. Für europäische Verhältnisse eine Mini-Auflage, für Island weit mehr als ein Achtungserfolg. Jeder 500. Isländer kaufte das Buch; auf die Bundesrepublik umgerechnet wären das 160.000 Käufer. Auch das dritte Buch, "Fuck us", Weihnachten 2004 erschienen, war schnell vergriffen.

Damit war Hugleikurs Karriere als Verleger beendet, seine nächsten zwei Bücher, "Save us" und "Join us", wurden von einem richtigen Verlag gedruckt und vermarktet, mit je 3000 Auflage. Dieses Jahr erscheint nun "Buy us". Mit sechs Comic-Bänden ist "Dagsson" ein Markenzeichen für Cartoons geworden. "Ich kann mir meinen Erfolg nur damit erklären, dass meine Comics so einfach sind. Die Botschaft kommt sofort an." Und was ist die Botschaft? "Das weiß ich nicht. Das hängt vom Leser ab."

Selbstmörder, Kindesmissbrauch und Kannibalismus

Dagsson ist der Minimalist unter den Cartoonisten. Er zeichnet seine Figuren mit wenigen Strichen, so wie Kinder Mama und Papa, Dackel Waldi und Kater Poldi zeichnen. Wahrscheinlich denkt jeder Leser: "Das könnte ich auch!" – wenn er sich nur trauen würde, sein eigenes Leben so radikal zu simplifizieren, wie Dagsson es tut. Sein Steinbruch sind alltägliche Situationen, die er in einem Notizbuch skizzenartig festhält, um sie dann am Zeichentisch ins Extrem zu treiben. "Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, habe ich fünf bis zehn neue Ideen. Zwei bis drei sind wirklich gut, der Rest landet im Papierkorb."

Nicht alle finden das, was Dagsson macht, gut oder witzig. "Ban This Sick Book" titelte "The Irish Sun" nach dem Erscheinen des ersten Bandes bei Penguin. Die Witze über Mörder, Selbstmörder, Kindesmissbrauch und Kannibalismus seien geschmacklos und Ekel erregend. So sei das Leben, in jeder seiner Zeichnungen stecke ein wahrer Kern, konterte Dagsson, "schlimme Dinge passieren gleich nebenan, und das ist eben meine Art, darauf zu reagieren".

Inzwischen reagiert er auch, indem er Theaterstücke schreibt. "Avoid us" für das Stadttheater von Reykjavik, ein Drama über drei "dysfunktionale" Familien; "Uterus" für das Nationaltheater, ein Science-Fiction-Musical über "Teenager-Mütter und das Schicksal unseres Planeten im Jahre 2019". Beide wurden mit Erfolg aufgeführt. Jetzt arbeitet er an seinem dritten Stück. Es soll "Die Kreatur aus der Schwarzen Lagune" heißen und von einem Wesen handeln, das halb Fisch und halb Mann ist – "ein absoluter Außenseiter, wie der Elefantenmensch". Die Figur kommt in alten isländischen Schauergeschichten vor, nur die Handlung "muss noch entwickelt werden".

Im Oktober ist Hugleikur mit seiner Freundin Hrafnhildur nach Amsterdam gezogen. Dort sind im Winter die Tage länger, das Bier und die Zigaretten billiger, und wenn ihn das Heimweh packt - Icelandair fliegt täglich von Schiphol nach Keflavik. Auf die Dauer ist Island eben doch ein kleines Land.