Casting-Show "Popstars": Motzer gegen Plapper-Punk - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Casting-Show "Popstars" Motzer gegen Plapper-Punk

"Neue Engel braucht das Land", behauptet ProSieben und sucht seit gestern wieder "Popstars", die genauso erfolgreich werden sollen wie einst die No Angels. Zum Auftakt war aber viel interessanter, wie sich Detlev "D!" Soost und Nina Hagen in der Jury zofften.
Von Peer Schader
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man hat das Schlimmste befürchtet: Auf ProSieben läuft die sechste "Popstars"-Staffel, und Nina Hagen sitzt in der Jury! Eine Frau, die ungern in ganzen Sätzen spricht, und wenn doch, dann bloß mit verzogener Stimme: quietschend, röhrend, r-rollend. Allein die Trailer, in denen Hagen den Sender-Claim "We love to entertain you" langzog wie einen Kaugummi und das "Popstars"-Motto "Neue Engel braucht das Land" verfremdete, waren schwer zu ertragen.

Umso erstaunlicher ist: Das alles macht der Show fast gar nichts aus. Im neuesten Aufguss der "Mutter aller Castingshows", wie ProSieben die von RTL 2 entwendete Sendung nennt, war Hagen sogar ein echter Lichtblick zwischen Dauermotzer Detlef "D!" Soost und dem farblosen Musikproduzenten Dieter Falk.

Wenn Falk und Soost sich bei vorsingenden Mädels einig waren: "Für mich bist du nicht weiter", machte Hagen ein betrübtes Gesicht, spielte die Show-Mama und sagte: "Aber das klappt schon noch." Oder: "Du musst an dir arbeiten!" Bei einer besonders hoffnungslosen Kandidatin schrie Soost einmal: "Sie soll an sich arbeiten, Nina? Wie lange denn?" Hagen jedoch blieb cool.

Seit Jahren kann man sich über die übertrieben scharfe Kritik des ProSieben-Choreographen ärgern. Daran hat sich nichts geändert: Soost hört sich 16-Jährige an, die ein bisschen schief was von Mariah Carey trällern, dann wird er patzig oder beleidigend: "Spinnst du? Willst du uns verarschen? Überleg dir, wessen Zeit du verschwendest!", musste sich eines der Mädchen anhören. Einer muss ja der Böse sein.

Quasseln für die Quote

Dass Soost aber mal jemand die Stirn bieten kann, hätte man nicht gedacht. "Lass mich bitte ausreden", sagte "D!" zu Hagen, als die beiden unterschiedlicher Meinung waren, ob sie ein Mädchen mit in die nächste Runde nehmen oder nicht. Soost sagt immer "Lass mich mal ausreden", weil sein Gegenüber sich dann entlarvt fühlt, unhöflich gewesen zu sein. Doch Hagen konterte bloß: "Nee, du redest mir zu viel" – und plapperte einfach weiter dazwischen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, mal reinzuschauen, was "Popstars" sechs Jahre nach Gründung der "No Angels" im Fernsehen treibt - auch wenn das Konzept hinlänglich bekannt ist: Mittelbegabte Hobbysängerinnen lassen sich von einer Jury auseinandernehmen, ein paar schaffen es in den sogenannten "Recall", wo den meisten die Stimme versagt oder der Text wegbleibt. Manche müssen gehen, dann folgen Tränen, Enttäuschung, Verzweiflung.

Die Auftaktfolge mit dem ersten Casting in Frankfurt, für das ProSieben erstaunlich wenig Überraschungen parat hatte, kam erstaunlich gut an: Insgesamt sahen 3,2 Millionen zu, bei den für die Werbeindustrie wichtigen Zuschauern von 14 bis 49 Jahren schaffte die Show über 22 Prozent – das sind zehn Prozent mehr als ProSieben sonst hat - ein riesiger Erfolg.

Nachdem auch "Deutschland sucht den Superstar" Anfang des Jahres wieder Quote machte, erlebt die Castingshow ein kleines Comeback. Aber "Popstars" ist nicht "DSDS". Die ProSieben-Variante hat keinen Schwätzer wie Dieter Bohlen zu bieten, keine Durchgedrehten, die sich auch für die peinlichsten Aufführungen nicht zu schade sind, bloß Mädchen, die gerne so wären wie die Stars, die sie täglich im Fernsehen sehen.

Grammatik ist out

Richtig interessant wird es meist erst im Workshop, wenn die Zuschauer Zeit haben, sich an die übrig gebliebenen Kandidatinnen zu gewöhnen. Bis dahin muss es reichen, sich über die irre Jury zu amüsieren. "Das geht voll den Rücken hoch, die Arme, die Muskulatur, alles steht nach oben", sagte Hagen nach einer guten Performance – und man hätte ihr gerne zugerufen: Gänsehaut, Nina, du meinst Gänsehaut!

Wenn "Pur"-Produzent Dieter Falk sich nicht ganz sicher war, sagte er: "Ich bin so ein bisschen gemischte-Gefühle-mäßig unterwegs." Und ein andermal: "Wie sind eigentlich die Freundeskreise bestellt, dass sie teilweise indiskutable Stimmen hierher empfehlen?" Gute Frage. Gegenfrage: Wie ist eigentlich ProSieben bestellt, dass sie dort unbekannte Kuschelpopmacher ohne Grammatikprüfung auf Sendung gehen lassen?

Immerhin versteht sich ProSieben auf die Akquisition von Werbespots: Zwischen all den weinenden Mädchen, für die der Traum vom Star im Casting platzte, schaltete der Sender einen 15-Sekunden-Spot ins Programm. Der Absender war eine Versicherung, die für ihre Altersvorsorge warb. Seit "Popstars" ahnen schließlich auch die Jüngsten: Darum kann man sich gar nicht früh genug kümmern.


"Popstars": donnerstags, 20.15 Uhr, ProSieben.

Mehr lesen über