Casting-Wahnsinn Germany's Next Kurt Bohlen
Das Konzept ist so weise, als hätten's die antiken Griechen erfunden. Castings-Shows verbinden den Elite-Gedanken (der Beste soll gewinnen!), ohne den eine Nationalökonomie in Zeiten des globalen Turbokapitalismus ja gar nicht mehr auskommt, mit basisdemokratischen Elementen. Bei den guten Shows kann der mündige Zuschauer die Kandidaten direkt wählen - und muss sich nicht über obskure Listen noch obskurer Parteien echauffieren. Einfach, direkt und per Telefon - also ganz ohne vom Sofa aufzustehen. Volksnäher geht's ja wohl nicht!
Das stimmt sogar im doppelten Sinne: Denn Deutschlands Casting-Juroren gehen unentwegt dorthin, wo's richtig weh tut. Was sonst ist Dieter Bohlens "Deutschland sucht den Superstar" als der Versuch, den bei ihm so zahlreich vorsingenden Ausländernachwuchs symbolisch zu integrieren?
Und was anderes ist Thomas Gottschalks heute Abend startendes Casting-Projekt "Musical-Showstar 2008" als televisionäre Standortpolitik, mit der Deutschlands Position in der globalen Entertainment-Industrie gestärkt werden soll?
SPIEGEL ONLINE hat es auf dem Schirm: Casting-Shows haben das Potential, gesellschafts-, kultur- und wirtschaftspolitische Probleme zu lösen und jegliche (Führungs-)Personalsuche basisdemokratisch zu gestalten sie sind also eine ganz feine Sache. Her mit mehr! Wir hätten da ein paar Ideen:
"Deutschland sucht den Supersozi"
Anlass: Beck kann's nicht.
Sender: 9Live
Kandidaten-Pool: Deprimierte SPD-Mitglieder und Michael Naumann.
Zielgruppe der Show: Hämische CDU-Mitglieder und Michael Naumann.
Jury: Elder Salesman Gerhard "der Gasmann" Schröder, SPD-Rechtsausleger und -Linksausfeger Johannes Kahrs sowie der schwäbische Polit-Kleinunternehmer Oswald Metzger.
Ablauf: Die Jury testet die Kandidaten auf Ausschlusskriterien wie Vollbart-Vergangenheit, Saumagen-Konsum (Magenabstrich!) und den Words-per-Minute-Output (wer unter drei liegt, fliegt). Um ein linkspopulistisches Come-Beck zu verhindern, folgt als Highlight eine Lügendetektor-Runde. Johannes Kahrs stellt perfide Fangfragen ("Sehen Sie Oskar Lafontaine eher als Links- oder als Rechtspopulist?"), Oswald Metzger will wissen, ob die Bewerber schon einmal davon geträumt haben, "mit Andrea Ypsilanti zu knutschen". Gerhard Schröder, mit dezentem Putin-Button am Revers, testet die energiepolitische Kompetenz der Kandidaten: "Ohne Gas kein Spaß. Stimmen Sie dieser Aussage zu?"
Die letztgültige Entscheidung trifft nicht die Jury, sondern das Vote-Volk per Telefon fast wie eine echte Urwahl! Jeder Anruf kostet 1,99 Euro, davon landen in schlecht verteilungsgerechter Tradition je 99 Cent beim Sender und der Partei, beide sind ja bekanntlich etwas klamm. Der übrige Cent geht dagegen an einen guten Zweck: Das Forschungsprojekt des Politologen Franz W. "Roter, Bete! Eine Volkspartei entvölkert sich selbst", das Michael Naumann nach dem zweiten vorhersehbaren Wahl-Debakel seiner Karriere - sprich: diesem Casting - mit feuilletonistischer Verve begleiten wird.
"Ich Hartz-Mann, Du Jane"
Anlass: Die galoppierende Entfrauung Ostdeutschlands bei gleichbleibend hoher Anzahl an männlichen Transferleistungsempfängern stürzt die fünf neuen Länder in eine demographische Krise. Anders ausgedrückt: Ohne paarungswilliges Jungmädelvolk für Tankstellen-Dauergäste stirbt der Osten wech. Ausweg: Dieses Kuppel-Casting, bei dem zehn Paare gekürt und mit einer Polstergarnitur, einem Aldi-Lebensmittelgutschein sowie einem Abo der "Super Illu" beglückt werden.
Sender: RTL2
Juroren: Carmen Nebel, Kurt "Waschen und rasieren Sie sich, dann finden Sie auch Job und Frau!" Beck und Die Prinzen.
Kandidaten-Pool: Ledige Ronnys, Kevins, Silvios, Falkos etc. (polizeiliches Führungszeugnis und Hartz-IV-Nachweis erforderlich). Damen im gebärfähigen Alter, die schon immer mal wissen wollten, wie der Begriff soziale Mobilität nach unten zu verstehen ist.
Zielgruppe der Show: Menschen mit Abitur.
Ablauf: Die Frauen müssen unter Zeitdruck Hartz IV-Bögen korrekt ausfüllen, gemeinsam mit den Prinzen Karaoke zu Gunther Emmerlich-, Pur- ("Streng dich an") oder Böhse Onkelz-Songs ("Ich bin Bomberpilotin ...") falsettieren oder unter der fachfraulichen Anleitung von Carmen Nebel gutwürgerliche Hausmannskost zubereiten ("Hackbällchen im Dosenbierteigmantel", "Tote Grütze", "Strammrechter Max").
Doppelt hart wird's für die als eher sprechfaul geltenden Ost-Hartzianer: Unter der Anleitung von Kurt Beck müssen sie Sätze artikulieren, die mehr als sieben Wörter enthalten; die meisten pennen bereits weg, als Beck das dritte Wort vorspricht. Wenig hilfreich: Jeder Satz Becks beginnt mit "Die Linkspartei ..."
"Germany's Next Top Cop"
Anlass: Schäuble ist ein Softie. Das Land braucht einen neuen Alpha-Bullen mit echter Schnüffel-Nase.
Sender: ZDF
Juroren: Horst "Papa Rasti" Herold, geistiger Vater der Rasterfahndung, "Aktenzeichen xy"-Moderator Rudi Cerne und Lidl-Chef Dieter Schwarz.
Kandidaten-Pool: ZDF-Rentner, Stasi-Offiziere a.D., Law-and-Order-Feti- und Faschisten.
Zielgruppe der Show: ZDF-Rentner, Stasi-Offiziere a.D., Law-and-Order-Feti- und Faschisten.
Ablauf: In einem ersten Fitness-Test müssen die Kandidaten ein paar Knie- und Rechtsbeugungen vornehmen. Anschließend gilt es, wahlweise die Privatsphäre einer muslimischen Familie mit Migrationshintergrund oder eines Attac-Aktivisten zu verletzen: Wird da etwa zwangsverheiratet? Gammeldöner serviert? Kritische Soziologie betrieben? Alles ist erlaubt, der Zweck scheinheiligt jedes Mittel: Kameras im Klokasten, Postboten-Bestechung, Denunzianten-Prämien, Durchsuchungen on- und offline, ölige Privatermittler. Doch obacht! Wer sich erwischen lässt, wird mit einer "Stern"-Enthüllungsgeschichte nicht unter drei Seiten bestraft.
Beim großen Grundgesetz-Quiz "Vorsicht, Verfassung!" müssen die Kandidaten innerhalb von einer Minute möglichst viele Paragrafen nennen, die sie zu umgehen gedenken - und vor allem wie! Die Antworten bewertet das sogenannte "Papier"-Tiger-o-Meter. Das dem Nazometer nachempfundene, nach Hans-Jürgen Papier, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts benannte elektronische Tierchen, brüllt um so lauter, je gesetzesbrüchiger die Kandidaten-Vorschläge sind.
"The Next Dieter Bohlen"
Anlass: Die Show sucht neue Casting-Juroren mit diesem Format ist die Suche nach dem Perpetuum Mobile des Privatfernsehens, der perfekten Verwertungskette, endlich vorüber.
Sender: Wir tippen auf RTL.
Juror: Dieter Bohlen.
Kandidaten-Pool: Jeder, der nichts mehr zu verlieren hat.
Sender-Zielgruppe: Jeder, der nichts mehr zu gewinnen hat.
Ablauf: Die Kandidaten müssen im Vor-Casting ihre Ego-Vernichter-Qualitäten beweisen. Eine Parade von hilf-, perspektiv- und wehrlosen Hilfsköchen und Nagelstudio-Assistentinnen versucht, sich gegenseitig mit Bohlen-Sprech zu demütigen. Das Ganze funktioniert streng sozialdarwinistisch: Wer zuerst heult, muss gehen.
Die fiesesten zehn ziehen in die Motto-Shows ein. Da gilt es im "Look like a Lude"-Contest zu bestehen, die Kandidaten müssen ihre Eigen-PR-Talente unter Beweis stellen ("Dein Bild in der 'Bild'!") oder ihre Partnerwahl rechtfertigen ("Luder oder Liebe?"). Die drei Erstplatzierten moderieren die nächste Staffel von "The Next Dieter Bohlen". Und so weiter.
"DSDNDWDNAUDAKSI"
Anlass: Bedeutungsverlust des deutschen Debattenfeuilletons. Daher "DSDNDWDNAUDAKSI" - Deutschland sucht den nächsten Debatten-Feuilletonisten, weil Nazi-Sauce anödet und die 68er keine Sau interessiert.
Sender: Phoenix
Kandidaten-Pool: Das geisteswissenschaftliche Prekariat.
Zielgruppe der Show: Zielgruppe? Phoenix?
Juroren: Deutschlands prominenter Theseologe Frank S., Götz Aly, Historiker con ira et studio, sowie Volker Panzer, Kunst-Kaminfeuer-Feuilletonist beim ZDF.
Ablauf: Die Kandidaten müssen in Leitartikeln das außenpolitische Konfliktpotential von Frank-Walter Steinmeiers Nickelbrille historisch ausloten oder in pointierten Essays die allgemeine Krise der Wohnzimmerschrankwand aus Eiche-Furnier und deren Folgen für eine etwaige Renaissance des deutschen Bürgertums eruieren. Die besondere Herausforderung dabei: Jedes Thema wird zweifach bearbeitet, die Texte müssen dabei eine jeweils gegenteilige Position einnehmen.
Wer gewinnt, bestimmt die Vox Populi (sämtliche 357 Zuschauer dürfen "per Postkarte abstimmen oder uns ihre Wahl auch gern mittels elektronischer Post zukommen lassen"). Der Erwählte freut sich über einen Pauschalistenjob im Feuilleton einer großen Frankfurter Tageszeitung. Dort erregt er fortan nicht mehr mit seinen "verdienstvollen" 80-seitigen Hausarbeiten zum "Maschinenmenschen bei Ernst Jünger" sein fünfköpfiges Germanistik-Hauptseminar, sondern mit 80-zeiligen Debattenbeiträgen zum selben Thema seine fünfzigköpfige Zeitungsleserschaft.
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