Castorfs Dostojewski Von Hunden und Wunden
Wofür liebt man Frank Castorf, wenn man ihn liebt? Für seine pubertären Witzeleien? Für seinen zeitabgewandten Musikgeschmack? Für seine anarchische Wut auf allen Biedersinn? Oder für seine Sturheit, die dazu führt, dass ihm immer weniger Zuschauer folgen wollen bei seinen wagneroperlangen Bühnenexzessen?
Fünfeinhalb Stunden dauert seine Bearbeitung von Dostojewskis 1861 geschriebenen Roman "Die Erniedrigten und die Beleidigten", die im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt wurde und dessen Ende - es war weit nach Mitternacht - nur noch ein paar versprengte Groupies und Kritiker erlebten. Die anderen hatten längst die Flucht ergriffen vor all dem hektischem Gefasel, wildem Gestikulieren, wüstem Leerlauf.
Warum auch hat Dostojewski bloß so dicke Bücher geschrieben. Bücher voller Liebe und Hass, Heimweh und Weltflucht, Verrat und Verführung, Schuld und Sühne. Daraus lässt sich vortrefflich eine dramatische Gebrauchsanweisung fürs Unglücklichsein basteln, weshalb Castorf vor drei Jahren schon Dostojewskis "Dämonen" inszeniert hat, ebenfalls bei den Wiener Festwochen. Später hat er den Roman zusammen mit seinem Volksbühnen-Ensemble sogar verfilmt.
Munteres Mixen von Ausbeutern und Ausgebeuteten
Vielleicht stammt daher auch seine Idee, aus "Die Erniedrigten und die Beleidigten" ein Reality-TV-Drama zu machen. Und so hat Bert Neumann, Castorfs bewährter Bühnenbauer, in der neuen Halle E des Wiener Museumsquartiers einen Container hingestellt. Alles, was die Protagonisten darin so machen - schreien, stolpern, schmusen -, nehmen die Zuschauer durch die poetisch illuminierten Fenster wahr. Oder über jene Leinwand, die auf dem Container-Dach steht und auf der meistens grobkörnige, zu Grimassen verzerrte Gesichter zu sehen sind. Manchmal leuchten auch bunte Bilder aus der Werbewelt auf: lustvoll Suppe löffelnde "Knorr"-Familien, "Blendax" strahlende Gebissträger oder heroische "Marlboro"-Männer, die pittoresk vernebelt gen Sonnenuntergang schunkeln. Die haben, so die Botschaft, was die armen Dostojewski-Figuren nicht haben - Glasnost, Perestrojka und viele Konsumgüter.
Nicht wirklich neu bei Castorf, dieses muntere Mixen von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von West- und Ost-Nostalgie, von entertaining und teaching. Und auch dieses Handkamera-Verfahren mit den verwackelten Bildern kennt man schon, das funktionierte bereits in "Endstation Sehnsucht" und "Berlin Alexanderplatz", das Castorf zuletzt in Zürich zu einem Fünf-Stunden-Kraftakt verhackstückte, welchen Alfred Döblin ganz sicher nicht wiedererkannt hätte. Aber ums Wiedererkennen ging es Castorf ja noch nie. Eher schon um Systemkritik und ums Spaßhaben. Die Kritik kommt hier aber immer platt und linientreu daher. Und der Spaß, sofern welcher da ist, verliert sich in der hastigen Unfertigkeit, in der vermeintlichen schauspielerischen Realitätshaltigkeit der Inszenierung: kein Satz ohne Zigarette, keine Gefühle ohne eruptive Zappelei. Das nervt irgendwie, auch wenn damit streckenweise ein Lebensgefühl transportiert wird, welches im heutigen Russland durchaus vorherrschen mag.
Vom Schmutz der Großstadt und von der Sehnsucht der Egoisten erzählt Castorf, von Hunden (denen die Menschen so ähneln) und von Wunden (die die animalisch enthemmten Menschen haben). Und davon, dass es in der Großstadtwelt wenige Gewinner und viele Verlierer gibt. Und dass sie alle um ihre erotische und finanzielle Existenz kämpfen: Nelly, das halbwüchsige Waisenkind (Kathrin Angerer); Wanja (Martin Wuttke), der verachtete Schriftsteller; Natascha (Jeanette Spassova), die Tochter aus verarmten Haus; Aljoscha (Milan Peschel), der willensschwache Sohn des Fürsten; und der Fürst selbst (Henry Hübchen), der als tyrannischer Turbu-Kapitalist seine Vorurteile pflegt und das Böse in die Welt bringt. Was bleibt? Ein großes Gewusel.