Chen Chenchen in Berlin: Der Anti-Ai Weiwei - DER SPIEGEL
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Foto: Chen Chenchen/ MO-Industries/ Migrant Bird Space

Chinesische Gegenwartskunst Der Anti-Ai-Weiwei

Kunst aus China ist in Deutschland gleichbedeutend mit Ai Weiwei. Es geht aber auch anders. Das zeigt die erste Solo-Ausstellung des Nachwuchskünstlers Chen Chenchen in Berlin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anfang Mai, eine Schlagzeile: "Ai Weiwei verlässt Berlin". Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung, schreibt der Berliner Tagesspiegel  , habe der chinesische Künstler angekündigt, die Hauptstadt zu verlassen. Damit, heißt es weiter, habe er einige Aufregung ausgelöst: "Schließlich ist Berlin stolz darauf, Wahlheimat des hoch gehandelten Künstlers und weltbekannten Menschenrechtsaktivisten zu sein."

Ai Weiwei, der "weltbekannte Menschenrechtsaktivist", der "wichtigste Regimekritiker Chinas" (taz) , der "Märtyrer-Künstler" (Die Zeit) , verlässt Berlin. Und jetzt, nur kurz darauf, kommt ein junger chinesischer Künstler mit seiner ersten Solo-Ausstellung in die Hauptstadt, die gleichzeitig seine Europa-Premiere ist. Chen Chenchen nennt sich der Mann. Der eine geht, der andere kommt. Doch es sind nicht einfach nur zwei chinesische Künstler, die den Platz tauschen.

Ai ist 60 Jahre alt. Chen 31.

Ai ist zum Teil im Westen ausgebildet, er hat mehr als ein Jahrzehnt in New York verbracht. Chen ist ein chinesisches Eigengewächs, er hat nie im Ausland gelebt.

Ais Kunst ist politisch. Auch Chens Kunst ist politisch. Aber sie entzieht sich der schnellen Interpretation. Sie läuft nicht Gefahr, sich auf den politischen Holzhammer reduzieren zu lassen.

Funktionsjacke, Mord an der Uni und ein Laptop

Chen Chenchen sitzt in einem Café in Berlin-Mitte. Der junge Mann steckt in Turnschuhen und einer Funktionsjacke, neben ihm liegt ein Rucksack. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man ihn für einen chinesischen Touristen auf Durchreise halten. Aber dann klappt er seinen Laptop auf, zeigt auf ein paar Fotos und beginnt, den Titel seiner Ausstellung zu erklären.

"The Mercy of not Killing" heißt sie. Der Titel geht auf eine Mordserie zurück. 2004 bringt der chinesische Student Ma Jiajue vier Kommilitonen um, die mit ihm ein Zimmer im Studentenwohnheim seiner Universität teilen. Was die chinesische Öffentlichkeit erschüttert: Der schüchterne Student hat kein Motiv, er erschlägt seine Kommilitonen mit einem Hammer, angeblich weil sie ihn beschuldigen, beim Kartenspielen geschummelt zu haben. An chinesischen Unis wird die Bluttat aus Mangel an Erklärungen in einen Witz verkehrt: "Ich danke meinem Mitbewohner für die Gnade, mich nicht ermordet zu haben." Diesen Witz hört Chen damals immer wieder, selbst heute stolpert er ab und zu im Netz über ihn. Gnade und Gleichgültigkeit, Alltag und Absurdität, der dünne Lack der Zivilisation - Chen ist fasziniert von dem Satz. Er sucht nach einer Möglichkeit, ihn in Kunst zu verwandeln.

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Foto: Chen Chenchen/ MO-Industries/ Migrant Bird Space

Zum ersten Mal setzt er die Idee mit der Performance "The Mercy of Not Killing 1.0" um, die er 2016 im Ming Contemporary Art Museum in Shanghai zeigt. Dort hängt sich Chen eine Stunde lang an eine Emporenbrüstung. Er ist mit einem Seil gesichert, aber das sieht das Publikum, das an ihm vorbeiläuft, nicht. Es steht vor der Frage: Helfe ich dem Mann? Oder trete ich ihm auf die Hände und lasse ihn in den Abgrund stürzen?

In der Performance "The Mercy of Not Killing 2.0", die als Multimedia-Installation in Berlin zu sehen ist, treibt Chen diese Idee auf die Spitze. 2017 lässt er zehn Fensterputzer an einem 35 Meter hohen Wasserturm in der ostchinesischen Stadt Wuxi baumeln. Eine Drohne, die über dem Turm schwirrt, filmt das Ganze. In Berlin wird das Video, das die an dem Turm hängenden Chinesen zeigt, auf den Boden projiziert. Der Zuschauer hat das Gefühl, den Fensterputzern auf die Hände zu treten.

Als sie "The Mercy of Not Killing 2.0" im Ullens Center for Contemporary Art in Peking gesehen habe, habe die Installation ihre Aufmerksamkeit in Beschlag genommen, sagt Eva Morawietz, die Kuratorin der Pop-up-Galerie MO-Industries, die die Ausstellung zusammen mit der Berliner Galerie Migrant Bird Space zeigt. "An Chen Chenchen hat mich begeistert, dass er kompromisslos ist und seine Kunst so viele Ebenen hat. Er gehört zu einer Generation chinesischer Künstler, die in Deutschland absolut unterrepräsentiert ist."

Konzeptkünstler und Musiker

Am frühen Abend führt Chen Chenchen durch die Räume der Galerie Migrant Bird Space. Neben der Multimedia-Installation sind ein Video einer Performance ("Spring") und eine Mockumentary über den gealterten Chen Chenchen zu sehen ("Wish you were here"). Außerdem der Werkkomplex "Possible Babies" mit dem Video-Spiel "Find Chen Chenchen and Kill Him". In ihm macht der Zuschauer in einer an den Ego-Shooter Counter-Strike erinnernden Sci-Fi-Welt Jagd auf Chen Chenchen. Noch sind es ein paar Tage bis zur Ausstellungseröffnung. Aber es gibt viele Fragen. In welchem Winkel soll der Projektor an der Wand montiert werden? Wie viel Abstand muss zum Eingang bleiben? Nach längerer Diskussion dreht sich Chen ab und flüstert: "Puh, deswegen mache ich auch Musik. Da muss ich mich nicht um solchen Kleinkram kümmern."

Chen Chenchen wird 1987 als Chen Chen in der ostchinesischen Stadt Hangzhou geboren. Er ist Absolvent der Chinesischen Hochschule der Künste, einer der angesehensten Kunsthochschulen des Landes. Als er einen Kommilitonen kennenlernt, der den gleichen Namen trägt, aber in seinen Augen kein guter Künstler ist, nennt er sich fortan Chen Chenchen. Er ist nicht nur als Konzeptkünstler bekannt, sondern auch als Indie-Musiker. Er hat die Produktionsfirma Enigma Works gegründet und tritt als Solo-Act auf. Die Musik aus dem Video zu "The Mercy of Not Killing" hat er komponiert. Fragt man ihn, was seine Generation von früheren Künstler-Generationen unterscheidet, fällt ihm der Konkurrenzdruck ein. Mehrere tausend Bewerber habe es in seinem Jahrgang an der Chinesischen Hochschule der Künste gegeben. Nur 30 seien zugelassen worden. "Es gibt ja ein paar chinesische Künstler, die im Westen besonders berühmt sind", sagt er: "Die stammen aus einer Zeit, in der es viel weniger Konkurrenz gegeben hat als heute."

Chen Chenchen in Berlin

Chen Chenchen in Berlin

Foto: Andrea Katheder/ MO-Industries

Es ist eine Anspielung auf Ai Weiwei, den "weltbekannten Menschenrechtsaktivisten". Fragt man den jungen Künstler aus China jetzt, wie er es mit der Politik hält? Oder ist das anmaßend? Ai Weiwei hat jüngst in einem Interview mit der Kulturzeitschrift "Lettre International" kritisiert, dass ein Etikett wie "Dissidenten-Künstler" das moralische Überlegenheitsgefühl des Westens zeige.

Fragen, aber wie?

Chen Chenchen ist, zum Glück, ein kluger Künstler. Er fängt von allein damit an. Vor Kurzem ist sein Profil auf Weibo, dem chinesischen Twitter, für eine Weile von den Internetzensoren blockiert worden. Um gesperrte Internetseiten zu besuchen, benutzt er ein VPN, eine verschlüsselte Verbindung zu einem Server, der freien Zugang zum Internet bietet. "Ich weiß, dass man mich das im Westen sehr oft fragen wird", sagt er: "Ich glaube nicht, dass man unpolitisch sein kann. Aber das bedeutet nicht, dass ich politische Parolen formuliere."

Eine Schwäche ist das nicht.


Die Ausstellung "The Mercy of Not Killing" ist vom 16. Juni bis zum 20. Juli 2018 in der Galerie Migrant Bird Space zu sehen. Mehr Infos unter MO-Industries  und Migrant Bird Space.