China-Talk bei Maybrit Illner: "Plötzlich wird das Bild schwarz" - DER SPIEGEL
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China-Talk bei Maybrit Illner "Plötzlich wird das Bild schwarz"

Heikles Thema, dieses Olympia. Maybrit Illner nahm es sportlich und sauste durch eine Debatte über Menschenrechte und Tibet, wirtschaftlichen Aufschwung, Moral, Sport und Pressefreiheit. Leider blieb jegliche Erkenntnis auf der Strecke.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Berlin tobte am Donnerstag das Obama-Fest, 200.000 Begeisterte an der Siegessäule, ganz Deutschland schaute auf die Hauptstadt. Und bei Maybrit Illner, deren Sendung früher immerhin mal "Berlin Mitte" hieß, was tobte dort?

Gut, es war anzunehmen, dass sie nicht gerade Herrn Obama in ihrem Tele-Talk begrüßen würde. Aber was wäre zum Beispiel mit John McCain gewesen, der republikanische Präsidentschaftsbewerber und Obama-Konkurrent? Hatte nicht neulich erst der Berliner "Tagesspiegel" einen Debattenbeitrag von ihm gedruckt (die "New York Times" hatte diesen abgelehnt, weil er angeblich keine neuen Erkenntnisse bringe).

Aber auch John McCain war nicht bei Illner. Und es ging auch gar nicht um Amerika. Dafür aber war Wolf-Dieter Poschmann da, der Sportreporter vom ZDF bei der Polit-Talkerin vom ZDF.

Das Thema war allerdings nicht das Zweite Deutsche Fernsehen, sondern das "Milliardenreich der Mitte" (Illner). "Kampf um Märkte und Medaillen – Angst vor Chinas neuer Macht?", hatte es die Redaktion formuliert.

Für fast jedes Substantiv dieses langen Titels saß entsprechend ein Vertreter in der Runde: Der Schwimm-Olympiasieger Michael Groß für die "Medaillen", Jürgen Heraeus als Aufsichtsratsvorsitzender eines in China tätigen Technologiekonzerns für die "Märkte", die Deutsche-Welle-Journalistin Zhang Danhong für "China" sowie Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble für die "Macht". Die Titel-Systematik scheiterte aber schließlich an den übriggebliebenen Begriffen "Kampf" und "Angst" – die hier nicht auf Herrn Poschmann angewendet werden sollen.

Es war ein bisschen zu viel, zu dick aufgetragen. Illner wollte über die Olympiade in Peking diskutieren, über den möglichen Protest oder gar Boykott durch Sportler und Politik, über Doping, über die chinesische Wirtschaft und und und. Nichts konnte wirklich gründlich erörtert werden.

Aber einiges blieb haften. Auch dank des konsequenten Nachhakens und Konterns von Illner. Etwa beim Kapitel Tibet, der politischen Dimension: Ein Einspielfilm zeigte Judith Holofernes, die Sängerin der Band Wir sind Helden, die sich für Tibet engagiert. In Bezug auf die Eröffnungsfeier in Peking sagte nun Holofernes, man dürfe nicht "Bänder durchschneiden, lustige Hütchen aufsetzen und gemeinsam feiern, wenn die Grundlage fürs gemeinsame Feiern gar nicht gegeben ist". Die manchmal durchaus China-kritische Journalistin Zhang konterte, die chinesische Regierung tue "viel dafür, um die tibetische Kultur zu pflegen". Oh je, wo führt das nun hin, dachte man zu Hause vorm Fernseher. Aber Frau Illner erwiderte keck: "Genau das bezweifeln die Tibeter."

Abschalten wäre der gerechte Reflex gewesen

Olympiasieger Groß zeigte sich enttäuscht über die politische Lage in China: Als man 2001 die Spiele an Peking gab, habe man sich dadurch eine Verbesserung der Menschenrechtslage im Riesenreich erhofft. Doch in den vergangenen sieben Jahren habe sich wenig verändert. Deshalb seien schließlich die Tibeter auf die Barrikaden gegangen. Während der Olympischen Spiele müsse man nun aufpassen, dass es nicht zur Eskalation komme: Da stünde dann "Poschmann aufm Platz des Himmlischen Friedens", sagte Groß, "und plötzlich wird das Bild schwarz" – abgeschaltet von der chinesischen Führung.

Nein, erwiderte Poschmann, die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario sei gering. Es gebe ein "klares Bekenntnis der Machthaber zur Freiheit der Berichterstatter" – das sei zudem "auch schriftlich hinterlegt". Ob das was hilft im Falle des Falles? Man dürfe nicht schwarz malen, müsse Politik und Sport trennen, sagte Poschmann und wurde von Innenminister Schäuble unterstützt. Von einem Boykott der Spiele hielt in der Illner-Runde keiner etwas.

Abschalten, den Fernseher einfach ausmachen, wäre als Reaktion auf diese Langeweile eigentlich der gerechte Reflex darauf gewesen, wenn nicht zwei Gäste immer wieder mit eigentümlichen Bemerkungen für Spannung gesorgt hätten: Die Journalistin Zhang und der Wirtschaftsmann Jürgen Heraeus.

Zhang bemerkte, dass Kanzlerin Merkel die deutsch-chinesischen Beziehungen im Gegensatz zu ihren Vorgängern Schröder und Kohl "auf einen Konfrontationskurs gebracht" habe. Man stelle China nun als "vergrößerte DDR" hin.

Das ließ den Merkel-Minister Schäuble erst lächeln, dann von einem "Zerrbild" sprechen, dass Frau Zhang da zeichne und schließlich in Anspielung auf Merkels Treffen mit dem Dalai Lama sagen: "Wir lassen uns doch nicht das Recht nehmen, mit Religionsführern zusammenzutreffen."

Und dann die Wirtschaft. Jürgen Heraeus - von der Illner-Redaktion als "China-Pionier" eingeführt - verkündete stolz: "In China haben wir über 2000 Mitarbeiter." Immer wieder nahm er sich der PR fürs Milliardenreich an, erwähnte die "unglaubliche Konzentration auf die Arbeit" und den großen Fleiß, den er dort beobachtet habe: "Wie bei uns nach dem Krieg" arbeiteten die Menschen da. Aber heute, da könne man sich das ja gar nicht mehr vorstellen, siehe 35-Stunden-Woche.

Und der Unternehmer machte weiter: In China würden fünf Millionen Studenten die Hochschulen verlassen – jährlich. Die meisten davon in den Naturwissenschaften. "Bei uns", sagte Heraeus, seien es "mehr die Geisteswissenschaften, wo man sich vergnügt". Armes Deutschland: Nachkriegszeit vorbei und nur noch Geisteswissenschaftler.

Ökonomie statt Humanität

Zum Schluss musste man der Illner-Redaktion dann doch noch für die Anwesenheit von Wolf-Dieter Poschmann danken. Denn just als Heraeus Chinas Wirtschaft lobte, runzelte Poschmann die Stirn: "Ist es nicht typisch für die Situation, dass Sie nur über wirtschaftliche Verbesserungen reden, nicht über menschenrechtliche?", fragte er.

Richtig. Dieser Einwand ist zentral. Er gehört in diese Sendung. Denn das ist ja die Gratwanderung der Gesellschaften des Westens: Wie können wir Handel treiben mit China, wie Sport treiben in China und dies nutzen, um in der Frage der Menschenrechte voranzukommen?

Heraeus' Antwort auf den ZDF-Mann: "Privateigentum, ist das etwa nichts?" Wenn ein Chinese heute eine eigene Wohnung besitzen könne, dann sei das doch ein Fortschritt. Poschmann hätte an dieser Stelle seine Frage wiederholen können. Aber er ließ es bleiben - wir haben das ja auch so verstanden.

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