Chinesischer Regimekritiker "Die Explosion wird heftig werden"
SPIEGEL: Herr Wang, nach den Unruhen in Tibet und den Nachbarprovinzen greift Peking hart durch. Bewaffnete und normale Polizei verhaften Verdächtige. In den Klöstern wird die sogenannte patriotische Erziehung junger Mönche verstärkt. Ist dies der richtige Weg, dem Problem beizukommen?
Wang: Nein, natürlich nicht. Aber ich denke, die chinesischen Führer haben keine andere Wahl. Premierminister Wen Jiabao scheint sich dafür ausgesprochen zu haben, die Situation zu entspannen. Aber selbst wenn er wollte, könnte er nichts voranbringen.
SPIEGEL: Warum?
Protest tibetischer Frauen im indischen Bangalore (am 28. März): "Mit all diesem Kummer und Hass wird die Explosion heftig werden"
Foto: AFPWang: China hat so viele Behörden, die sich mit Tibet und dem Anti-Separatismus befassen. Ich zähle sie Ihnen auf: die Regierungen der Autonomen Region Tibet und der Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan sowie Yunnan, die autonome tibetische Verwaltungsgebiete haben. Dann das Ministerium für Öffentliche Sicherheit, die Staatssicherheit, die Einheitsfrontabteilung der Partei, die Armee, die Bewaffnete Polizei, das Religionsamt, das Pressebüro des Staatsrates. Diese zwölf Institutionen haben direkt mit Tibet zu tun. Nicht zu vergessen das Staatskomitee für Nationalitäten und die Regierungen jener Regionen, in denen andere ethnische Minderheiten leben, wie die Innere Mongolei und Xinjiang. Hinzu kommt noch das Produktionskorps mit seinen 2,5 Millionen Menschen ...
SPIEGEL: ... eine Organisation, die in der Grenzregion Xinjiang große Farmen und Fabriken betreibt und im Fall ethnischer Konflikte die Polizei und Armee unterstützen soll.
Wang: Mit diesen vier Organisationen gibt es also insgesamt 16 auf der Ebene von Ministerien, die sich dem Kampf gegen den Separatismus widmen. Je größer das Risiko des Separatismus ist und je härter er niedergeschlagen wird, desto größer werden die Macht, die Mittel und der Status dieser Institutionen. Deshalb werden sie einen Kurswechsel nicht zulassen.
SPIEGEL: Dagegen kommt die Zentralregierung in Peking nicht an? Wang: Derzeit ist die Zentrale nicht in der Lage, lokale Regierungen und Behörden effektiv zu kontrollieren, schon gar nicht, wenn die 16 genannten Behörden an einem Strang ziehen. Ein Kurswechsel käme dem Eingeständnis gleich, dass die bisherige Richtung falsch war, und vermutlich würden einige Leute ihren Einfluss und ihren Status verlieren. Früher verhielt sich die Partei in Tibet anders. Während der Kulturrevolution ...
SPIEGEL: ... zwischen 1966 und 1976 ...
Wang: ... wurden alle Tempel und Klöster in ganz Tibet zerstört. Parteichef Hu Yaobang fuhr in den achtziger Jahren einen milderen Kurs. Er hat davon gesprochen, dass die Han-chinesischen Zuwanderer ins Inland zurückkehren und die Macht an die Tibeter zurückgeben würden. Zwischen diesen Polen hat die Partei fast alles Mögliche versucht, ohne Erfolg. Um das Tibet-Problem wirklich zu lösen, können wir nur darauf hoffen, dass sich Chinas politisches System ändert.
SPIEGEL: Was hat die Unruhen eigentlich ausgelöst?
Wang: Die Regierung hat Fehler in der Tibet-Politik gemacht.
SPIEGEL: Können Sie das genauer sagen?
Wang: Peking unterdrückt die Tibeter politisch und fördert gleichzeitig eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung. Die politische Repression hat den Tibetern Freiheit und Autonomie genommen. Gleichzeitig konnte der wachsende Wohlstand die Unzufriedenheit der Tibeter über die politische Lage nicht beseitigen. Das Nationalitätenproblem ist nicht über die Wirtschaft zu lösen. Hinzu kommt, dass der örtliche Nationalcharakter in dieser Phase nicht respektiert und geschützt wurde.
SPIEGEL: Die chinesische Regierung wirft dem Dalai Lama vor, ein "Spalter und Verräter" zu sein. Glaubt sie das selbst?
Wang: Jeder, der die Situation ein wenig kennt, glaubt es jedenfalls nicht. Aber vielleicht kennen die chinesischen Staatsführer die wahre Lage nicht. Sie haben so viel zu tun, und China ist so groß, dass sie sich um Tibet nur dann kümmern, wenn etwas außer der Reihe passiert. Sie bekommen ihre Informationen von diesen 16 Organisationen, die ich nannte. Die filtern und manipulieren die Nachrichten. Das ist ein altes Problem der Diktatur. Selbst Mao Zedong, der ja Bauernsohn war, glaubte, dass man 100 000 Kilogramm Getreide aus 667 Quadratmeter Feldfläche gewinnen kann, nur weil es ihm Unterlinge versprachen und Wissenschaftler, die ihn erfreuen wollten, erzählten.
SPIEGEL: Fast die ganze Welt schätzt den Dalai Lama, nur die Pekinger Führung bekämpft ihn scharf. Warum?
Wang: Es ist besonders absurd, dass die Partei sagt, wenn der Dalai Lama seine Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets aufgibt, kann man über alles reden. Nun wiederholt der Dalai Lama unentwegt, dass er die Unabhängigkeit nicht will. Die Regierung behauptet daraufhin, dass er sie in versteckter Form dennoch anstrebe. Das erinnert mich an Franz Kafkas Roman "Das Schloss", in dem der Landvermesser K. immer wieder an anonymen Autoritäten scheitert, die für ihn nicht zu durchschauen sind.
SPIEGEL: Gibt es in der chinesischen Gesellschaft eigentlich eine Debatte, wie es mit Tibet weitergehen soll?
Wang: Kaum. Natürlich existieren verschiedene Meinungen, aber die chinesischen Intellektuellen befassen sich derzeit nicht mit dieser Frage. Dies wäre auch sinnlos - jede Meinung, die von der offiziellen abweicht, darf nicht veröffentlicht werden. Forscher, die nicht für die Regierung arbeiten, können aus solchen Studien also keinen Nutzen ziehen.
SPIEGEL: Wenn Staats- und Parteichef Hu Jintao Sie morgen anrufen würde und um Vorschläge für eine bessere Tibet-Politik bitten würde: Was würden Sie ihm raten?
Wang: Unter dem gegenwärtigen politischen System hat er wenig Möglichkeiten. Aber etwas könnte ich ihm empfehlen: Jeder, der in Tibet arbeiten will, sollte eine Genehmigung der lokalen Regierung benötigen. Diese Erlaubnis sollten nur Fachleute erhalten, die in Tibet wirklich gebraucht werden. Wenn ein Job an Tibeter vergeben werden kann, sollte ihn kein Zuwanderer bekommen. Es ist falsch, die Region zu nutzen, um das Arbeitslosenproblem für Han-Chinesen aus dem Inland zu lösen. Dies ist unter anderem Ursache des Nationalitätenkonflikts. Ich glaube, solche Maßnahmen wären nicht sehr kompliziert. Sie können jenen Tibetern helfen, die sich an den Rand gedrängt sehen.
SPIEGEL: Der Dalai Lama ist nach Ihrer Ansicht der Schlüsselfaktor für Tibet?
Wang: Man muss sagen: Ohne Zusammenarbeit mit ihm ist das Tibet-Problem nicht vollständig zu lösen.
SPIEGEL: Er ist bald 73 Jahre alt. Was passiert, wenn er stirbt?
Wang: Ich fürchte, wenn das Problem bis dahin nicht gelöst ist und er nicht nach Tibet zurückkehren kann und wenn die Nachricht von seinem Tod nach Tibet gelangt, gibt es einen großen Aufstand. In den Augen der Tibeter hat der Dalai Lama die Unabhängigkeit aufgegeben und sich bereits tief gebeugt, aber er wurde immer gedemütigt und darf noch nicht einmal in seine Heimat zurückkehren, wenn er stirbt. Mit all diesem Kummer und Hass wird die Explosion heftig werden.
SPIEGEL: Gibt es denn in der chinesischen Gesellschaft eine Diskussion über die Frage, wie Chinas Zukunft aussehen soll und wie man mit den Minderheiten zusammenleben will?
Wang: Viele Menschen um mich herum denken über solche Fragen nach. Was für ein politisches System soll China in Zukunft haben? Für mich ist entscheidend, wie wir das Nationalitätenproblem bewältigen. Das setzt voraus, dass wir nach einem demokratischen System suchen, das für China passt. Viele von denen, die sich mit solchen Themen beschäftigen, stehen außerhalb des Systems. Aber auch innerhalb der Partei denken einige so. Die werden das allerdings nicht sagen. Es gibt allerlei Salons und Seminare, in denen Menschen ihre Hoffnung auf politische Reformen äußern.
SPIEGEL: Womit verdienen Sie Ihr Geld?
Wang: Ich schreibe Artikel, die allerdings nicht in China veröffentlicht werden. Meine Schriften sind seit 2001 mit einem Bann belegt. Der Markt für chinesische Bücher ist im Ausland nicht sehr groß, deshalb verdiene ich wenig mit dem Schreiben. Zum Glück sind die Lebenshaltungskosten in China nicht sehr hoch.
SPIEGEL: Wir haben gehört, dass Sie zeitweise beschattet werden?
Wang: Das stimmt, E-Mail und Telefon werden über das ganze Jahr hinweg abgehört. Alljährlich werde ich zu gewissen Zeiten daran gehindert, mich frei zu bewegen. Zum Beispiel saß ich im vorigen Dezember dreimal im Hausarrest. Das war etwa, als ein alter Freund von mir starb und die Behörden mir nicht gestatteten, zu seiner Beerdigung zu gehen. Ein anderes Mal ließ man mich nicht an einer Sitzung des unabhängigen Pen-Clubs teilnehmen.
SPIEGEL: Helfen Sie uns bitte zu verstehen: Zuweilen sind Sie im Hausarrest, jetzt aber können wir uns frei unterhalten. Wie ist das möglich?
Wang: Gewiss hat sich die Lage verändert, sie ist besser geworden. Unter Mao Zedong hätte ich es nicht gewagt, Sie zu treffen. Heute wägen die Behörden die Kosten der Unterdrückung genau ab. Sie unterscheiden, wann Kontrolle nötig ist und wann nicht. Aber wenn sie jemanden hart bestrafen wollen, dann können sie das sehr leicht tun wie unter Mao. Niemand kann sich vor der Regierung schützen.
Das Gespräch führten SPIEGEL-Korrespondent Andreas Lorenz und SPIEGEL-Mitarbeiterin Jutta Lietsch
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