Christian Jankowski: Finkenwerder Kunstpreis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Aktionskünstler Christian Jankowski Die Kunst der Überraschung

Der Aktionskünstler Christian Jankowski gilt als Schelm und Eulenspiegel der Kunstwelt. Auch bei der Preisverleihung des Finkenwerder Kunstpreises macht der 47-Jährige keine Ausnahme - und inszeniert die ganze Zeremonie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So fangen Kunstpreisverleihungen gewöhnlich nicht an: Zuerst muss man die Schranke am Werkseingang passieren. Dann besteigt man einen Bus. Der Sommerabend ist makellos, die anderen Herrschaften sind gut drauf und necken sich aufgeräumt: "Wusste gar nicht, dass du einen Anzug hast." "Hättest man auch mit dem Trecker kommen können." Und als Replik: "Maja, knall ihm eine!"

Hier auf dem Airbus-Gelände im Süden Hamburgs aber ist das so. Hier wird nämlich gleich der Finkenwerder Kunstpreis überreicht, der vom Kulturkreis des immer noch auch ländlich geprägten Ortes vergeben wird. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert und wird von Airbus finanziert. Man kann ihn sehr wohl als eine kleine Wiedergutmachung an Finkenwerder verstehen. Schließlich hat das expansive Unternehmen einen großen Teil der Elbinsel überrollt.

Jetzt fährt der Bus unter der Startbahn des Werksflugplatzes hindurch und erreicht das Airbus Conference Center, Haus 25, wo die Zeremonie gleich über die Bühne gehen wird. An diesem Abend treffen hier drei Welten aufeinander: der traditionsbewusste Kulturkreis, der internationale Konzern und der flirrende Kosmos des Christian Jankowski, des diesjährigen Preisträgers.

Gäste werden Teil des Kunstwerks

Der 47-jährige Konzeptkünstler lebt in Berlin und zählt mit Auftritten bei den Biennalen von Venedig, Berlin oder New York zu den erfolgreichsten und eigenwilligsten deutschen Künstlern. Und vor ihm haben schon andere renommierte Zunftvertreter den Finkenwerder Scheck entgegengenommen: die Maler Neo Rauch und Daniel Richter etwa. Oder die Fotokünstlerin Candida Höfer. Schließlich entscheidet eine von Museumsleuten oder Kunsthochschuldirektoren dominierte Jury über die Wahl des Preisträgers.

Bei Rauch, Richter und Co. aber hing immer noch ein Bild an der Wand. Was Jankowski aber so macht, ist schwer zu greifen: Den Kern seines Werkes machen Perfomances aus, die in Gestalt von Fotos und Videos überdauern.

Diesmal würde gar, so heißt es, ein Werk gezeigt, das es noch gar nicht gibt. Das im Laufe der Zeremonie erst entstünde. Ja, man selbst sei dabei nicht nur Zuschauer, sondern irgendwie sogar Teil des Kunstwerks.

So manches Kulturvereinsmitglied wäre da mit einem Preisträger weitaus glücklicher, der für anständig gemalte maritime Ansichten prämiert würde. Bei Airbus ist das so anders nicht. Den nichtmalerischen Experimenten der Gegenwartskunst steht man mit skeptischer Neugier gegenüber. Auch hat man mal eine Toulouse-Lautrec-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle gesponsert, aber üppig ist das Kunst-Engagement nicht.

Airbus' Flirt mit der Kunstwelt

Bisher zumindest. Denn jetzt hat Jankowski einen Kunstberater angeheuert. Und schon steht dieser zwischen der Rede von Georg Mecke, dem Airbus-Standortleiter in Hamburg, und der Preisvergabe auf der Bühne. Er analysiert das Kunst-Engagement des Unternehmens, kritisiert es als "anregenden, aber vergänglichen Flirt mit der Kunstwelt" und propagiert Neues.

Wie wäre es, wenn Airbus eine Kunstsammlung aufbaute? Hätte man etwa 2005 ein Bild des damaligen Preisträgers Neo Rauch gekauft, wäre in nur sieben Jahre eine 300-prozentige Wertsteigerung erzielt worden. Und warum sich nicht auf Werke kaprizieren, die Flugzeugteile als Bildträger verwenden (etwa von Isa Genken oder Katharina Grosse) oder sich dem Himmel widmen (z.B. Gerhard Richter oder Andreas Gursky)?

Kaum ist die halb analytische, halb von Marketingfloskeln zersetzte Rede verklungen, springt Jankowski auf und macht Nägel mit Köpfen. Er überreicht dem charmant überrumpelten Airbus-Mann Mecke das erste Werk der eben erst vorgeschlagenen Sammlung: eine CD mit ersten Bildern zu der Performance, die sich mit ihm, mit dem Kunstberater und allen Anwesenden gerade ereignet.

Jankowski gilt nicht umsonst als Schelm, Hofnarr oder Eulenspiegel der Kunst, der mit seinen Interventionen der Kunstwelt und all den Institutionen und Professionen, mit denen er kooperiert, den Spiegel vorhält. Seinen Durchbruch hatte er 1999 bei der Venedig-Biennale mit einer Arbeit, für die er Wahrsagerinnen vorab über den möglichen Erfolg seines Biennale-Beitrags befragt hatte.

Werke im Kunsthaus Hamburg ausgestellt

Klar, dass er seine eigene Preisverleihung nicht ungeschoren lassen konnte. So nimmt die Finkenwerder Aktion die unterschiedlichen Interessen aufs Korn: die des Künstlers am Verkauf seiner Arbeiten, die des Beraters an einem einträglichen Auftrag und die des Unternehmens an der Rendite seines Engagements.

Den Preis begleitet eine kleine, durchweg gewitzte Werkschau im Kunsthaus Hamburg. Sie zeigt ab nächster Woche neben sieben weiteren Arbeiten Jankowskis auch "Heavy Weight History": Bei der Aktion ließ der Künstler 2013 in Warschau professionelle Gewichtheber Geschichtsdenkmäler anheben und machte so anschaulich, dass sich selbst starke Männer an der Last der Geschichte verheben können. Auch die Videoversion der "Kunstberatung" ist dann im Kunsthaus zu sehen. Bleibt die Frage, ob sich Airbus gut beraten fühlt und künftig tatsächlich eine Firmensammlung aufbauen wird?

Beim geselligen Teil der Preiszeremonie danach gefragt, reagierte Mecke verhalten und verwies darauf, dass er bei einem Gang durch das Werk jetzt schon Kunst präsentieren könne: von Mitarbeitern Gemaltes etwa und Arbeiten von Kindern.


Kunsthaus Hamburg, 7. Juli bis 23. August. Ausstellungseröffnung am 6. Juli um 19 Uhr, www.kunsthaushamburg.de