"Christiansen": Die Klagemauer der Nation - DER SPIEGEL
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"Christiansen" Die Klagemauer der Nation

Deutschland, ein Jammertal: Nach Wochen des Empörens und Protestierens fragt sich das Volk, wie lange es eigentlich noch so weitergehen soll. Folgt man Sabine Christiansens allwöchentlicher Polit-Nabelschau, ist ein Ende der allgemeinen Depression kaum abzusehen.
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Wie war es eigentlich früher, fragt sich mancher Zeitgenosse, damals, als das Leben noch Spaß gemacht hat, zumindest sonntagabends, wenn Schimanski und Tanner am Tatort Duisburg die Currywurst krachen ließen. Deutschland trägt Depression, und nach Wochen der Empörung und des Jammerns, des Protests und der Barrikadenaufrufe fragen sich die ersten, wie lange das eigentlich noch so weiter gehen soll. Wenn die Mutter aller deutschen Talkshows, das sonntägliche Hochamt von Sabine Christiansen, die schwarze Messe der Republik, irgendeinen Fingerzeig geben sollte, dann gibt es keine Hoffnung auf Besserung.

Auch gestern Abend war "Sabine Christiansen" wieder die Klagemauer der Nation, der Ort, an dem die Selbstgeißelung der Gesellschaft noch in der Polyphonie ihren Firmus Cantus findet. Zum Thema "Stimmungstief: Fehlt uns die Einsicht oder der Mut?" rief die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) zum "Aufhören mit der Jammerei" auf, doch die Titanic Deutschland hält unverdrossen Kurs auf den Eisberg.

Bei aller Kritik an Sabine Christiansens zuweilen affektierter Gesprächsführung - ihr wöchentliches Konklave ist meist ein getreues Spiegelbild der aktuellen Stimmungslage. Und auch diesmal wurde die Aporie leibhaftig vorgeführt, die das germanische Reich derzeit im eiskalten Klammergriff hält: Vom stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Beamtenbundes bis zum Berliner Finanzsenator, vom Möllemann-Jäger Günther Rexrodt (FDP) bis zum saarländischen CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller war man sich in der Diagnose der deutschen Krankheit weitgehend einig: So wie bisher geht es nicht weiter. Schlimmer noch: Zwischen einer gigantischen "Pensionslawine" und einem unbezahlbaren Sozialstaat, astronomischer Verschuldung und chronischer Wachstumsschwäche ist kein Ausweg erkennbar.

So schwankte der kenntnisreich-ratlose Diskurs zwischen radikalen Appellen zur Umkehr und der Mahnung, dass die Dinge ja so einfach nicht seien, sondern fürchterlich komplex. Überbordende Personalkosten, verkrustete Strukturen, Subventionsabbau, Schwarzarbeit und Steuerausfälle - die Stichworte kann inzwischen jeder Couchpotato herunterbeten, während er das nächste Köpi aufmacht.

Finanzsenator Sarrazin, der Zahlenmeister der besorgten Runde, prägte die Metapher des Abends: "Ganz tief graben, bis man wieder den Kanal frei hat." Aber: Wie graben, und wann ist der Kanal frei? Den Kanal voll hat am Ende jedenfalls der Zuschauer, der auf den Beginn der neuen Woche eingestimmt wird wie auf den Fastenmonat Ramadan.

Die Schlusspointe setzte Heide Simonis, als sie nach ihrem Wort von der "Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede" gefragt wurde, die Bundeskanzler Schröder am kommenden Mittwoch im Bundestag halten solle. "Eigentlich", sagte sie, "muss er nur das sagen, was wir hier besprochen haben." Eine schönere Bankrotterklärung der rot-grünen Think Tanks gab es selten.

Bis zur endgültigen Rettung der Nation hat "Sabine Christiansen" immerhin die kathartische Wirkung eines Melodrams, dessen wöchentliche Fortsetzung garantiert ist. Es ist das Selbstgespräch einer Gesellschaft, die eigentlich keine Lust hat, auf sich selbst zu hören. Lieber schaltet sie jeden Sonntagabend wieder ein, wenn es heißt: "Deutschland am Abgrund - wie weiter?"

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