Waltz und der "Rosenkavalier": Ein Oscar-Gewinner in der Oper
Christoph Waltz inszeniert Strauss Rosenkavalier Unchained
Am Anfang ist das Bett, da ging auch Regiedebütant Christoph Waltz kein Risiko ein. "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss, die große Wiener Melange aus Melancholie und Farce, beginnt mit dem Liebesspiel im Himmelbett zwischen der alternden Marschallin Werdenberg und ihrem jungen Lover Octavian, das sofort in einen Abschied mündet. Das Bett steht denn auch in einem grauen Zimmer mit kahlen, hohen Wänden, die ein wenig nach fragiler Kulisse aussehen. Das Rokoko des "Rosenkavalier" mutet wie eine wehmütige Erinnerung an, einzelne Accessoires, Geschirr und sparsame Möbel, akzentuieren eher noch die Leere.
Von fast allem historisierenden Dekor entkleidet, möchte Christoph Waltz vor allem eines, und das ist nun wirklich ambitioniert: Zeitlosigkeit von menschlichem Sein und Leiden zeigen, ohne das Stück von Hugo von Hofmannsthal und Strauss regietheatermäßig zu entleiben. Wie ihm das gelang, verdiente wirklich den lebhaften Beifall des Premierenpublikums in Antwerpen.
Die Vlaamse Opera mit ihrem Schnörkel-Ambiente, viel Stuck und Dekor, das passte gut zu Waltz' kritischer Nostalgie, mit der er seinen "Rosenkavalier" anging. Schon das kurze Orchestervorspiel wirbelte mit wildem, leicht pastosem Drive selbstbewusst los. Das nahm in seinem Gestus schon einmal das engagierte Spiel der Sänger vorweg, die - das war von Beginn an deutlich - von einem Schauspieler geführt wurden, nicht von einem grüblerischen Personenregie-Profi.
Waltz stellte seine Akteure schön an die Rampe, arrangierte sie zu Bildern, ganz wie im Film - und erzielt auf diese Weise eine plakative Wirkung, mit der zwar nicht immer die letzte psychologische Tiefe der Szene oder der Figuren ausgeleuchtet werden kann, durch die aber stets Handlung und Musik buchstäblich in Szene gesetzt werden. Diese sängerfreundliche Arbeitsweise dankte ihm das Ensemble mit hohem Einsatz.
Engagiertes Spiel der Stimmen
So sehr die Wehmut der Marschallin im Zentrum des "Rosenkavalier" steht, so heftig brodelt die Geschichte des selbstgefälligen älteren Herrn und Bonvivants Baron Ochs aus Lerchenau, der im gesetzten Alter auf Brautschau geht und die hübsche junge Tochter Sophie des Emporkömmlings Faninal ehelichen möchte. Dazu benötigt er die Dienste eben jenes jungen Octavians, der die obligate silberne Rose als werbender Kavalier für den Baron an Sophie überbringt. Mit fatalen Folgen: Der Junge verliebt sich in die süße Sophie, der Baron stürzt in Enttäuschung und Lächerlichkeit.
Christoph Waltz belässt diese wechselnden Dramen in nahezu gleichen Räumen, mal offener, wie in Faninals Haus, mal geschlossener wie beim bösen Intrigen-Streich gegen Baron Ochs. Durch die Luftigkeit der Bühnenbauten (schlüssig von Annette Murschetz erdacht) hat Christoph Waltz alle Möglichkeit, die große Menge der Nebendarsteller schnell und effektvoll über die Bretter zu jagen, sie innehalten zu lassen und eine Balance der Bewegung zu erlangen, die stets auf der Höhe des Erzählten bleibt.
Dadurch spielten sich die Sänger-Darsteller im Verlauf der Inszenierung wunderbar frei. Stella Doufexis, die den Octavian sang, lief nach einem verhaltenen ersten Aufzug zu blendender Form auf: Als sie und Sophie die berühmte Rosenübergabe singen, reißt die fabelhafte Christiane Karg in der Rolle der Rosenempfängerin ihren Bräutigam in spe stimmlich so sehr mit, dass dies zu einem subtilen Wunder-Duett gerät. Kaum zu glauben, dass Christiane Karg hier ihr Rollendebüt als Sophie gab.
Auch Maria Bengtsson (fast ein wenig zu jugendlich besetzt) sang die Marschallin in Antwerpen zum ersten Mal, sie begann sehr vorsichtig, eroberte sich dann aber auch betörende Souveränität. Das führte zu einem hinreißend dichten Schluss-Terzett, in dem sie von den jungen Liebenden Sophie und Octavian Abschied nimmt. Ganz Grande Dame, bot sie ein glanzvolles Abschiedsporträt.
Hoch engagiert agierte Albert Pesendorfer, der als Baron Ochs gar keine komische Figur abgab, sondern als rustikaler Landedelmann raumgreifend die Szene beherrschen konnte, selbst als es ihm schlussendlich an den Kragen ging. Pesendorfers solider Bass kontrastierte wie verlangt bestens mit den filigranen, lupenreinen Stimmen der Damen. Überhaupt konnte die Vlaamse Opera ein durchgängig überzeugendes Ensemble aufbieten. Sonderlob für die nahezu genial passenden Ton-in-Ton-Kostüme, die sich Eva Dessecker einfallen ließ. Dmitri Jurowksi ließ sein bestens disponiertes Orchester manchmal etwas zu laut auftrumpfen, da riss ihn wohl die Begeisterung mit.
Christoph Waltz war in seiner ersten Regiearbeit so klug, sich auf Text und Musik des oft als zu lang kritisierten "Rosenkavaliers" zu verlassen - er zeichnete ein klares Bild, seine Inszenierung hielt den Spannungsbogen über die heikle Distanz, und seine Sänger wurden zu Schauspielern: Ein klares Konzept, das das Premierenpublikum für alle Beteiligten mit jubelnder Zustimmung bedachte.