Comedian Dieter Nuhr Mutters Bester
Als er vor zehn Jahren loslegte mit seinem ersten Solo-Programm, nannte er es "Nuhr am Nörgeln". Seine Gags zielten zum Beispiel auf Rentner, die immer am Samstag einkaufen müssten, obwohl sie doch die ganze Woche Zeit hätten. Dieter Nuhr sah schon damals verdammt gut aus, wenn er so auf der Bühne stand, ein deutscher George Clooney mit durchtrainiertem Körper, einem schelmischen Grübchen und markanter steiler Falte in der Stirnmitte - aber seine Gags waren so flach wie ein Waschbrettbauch.
"Sonnyboy redet Scheiße", schrieb das Satiremagazin "Titanic" damals, die "Süddeutsche Zeitung" nannte Nuhr einen "Attrappen-Kabarettist". Aber vielen im Publikum gefiel es, vor allem den Frauen.
Heute verfallen 1500 Menschen in der Bremer Halle Pier 2 in rhythmisches Klatschen, wenn Dieter Nuhr, 44, vor den Vorhang tritt; Jubelschreie mischen sich in den Applaus. Der Mann, der da wie ein Popstar gefeiert wird, sagt ohne jede Ironie: "Ich liebe mein Publikum." Er umarmt seine Zuschauer - nicht nur nach der Show, wenn er CDs signiert, sondern auch auf der Bühne. Er greift niemanden persönlich an und ist sogar beim Nörgeln noch charmant. Inzwischen lieben ihn auch die Kritiker: Er sei einer "der besten Live-Unterhalter überhaupt", schreibt die "Süddeutsche".
Wenn er wie jetzt gerade mit seinem Zwei-Stunden-Programm "Ich bin's nuhr" durchs Land tourt und vor bis zu 2000 Leuten auftritt, dann geht der Rheinländer hinterher gern mal einen trinken mit seinen Fans - bis morgens um fünf. "Da bin ich schon oft total versackt." Bei Gastspielen in der Schweiz dauert sein Programm zehn Minuten länger: "Die sind langsamer. Das ist jetzt kein Scherz."
Jüngst saß Nuhr in "Wetten, dass ...?" bei Thomas Gottschalk auf der Couch. Er moderiert auf WDR 5 das Kabarettfest, vor allem aber tritt er regelmäßig im "Quatsch Comedy Club" bei ProSieben auf. Früher mal wollte Nuhr Lehrer werden, studierte Kunst und Geschichte und legte sogar das Erste Staatsexamen ab. Dann verlegte sich der Mann, der mit Frau und Tochter in einer Kleinstadt in der Nähe von Düsseldorf lebt, aufs Spaßmachen. Weil seine Gags mit der Zeit besser wurden, hat man ihn mit dem Deutschen Comedy- und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Die Sprüche, die er im Fernsehen klopft, druckt inzwischen die "Bild"-Zeitung ab - dort, wo früher die Witze von Harald Schmidt standen.
Heute wird Nuhr den Jahresrückblick von Sat.1 (2004 - NUHR ein Jahr", 22.45 Uhr) moderieren. Auch das war bisher eine Schmidt-Domäne. Schmidt lebt von Witzen über Stars und Sternchen. Nuhr dagegen kommt erstaunlicherweise auf der Bühne und im TV fast ohne Namensnennung aus. Er lästert weder über die Frisur von CDU-Chefin Angela Merkel noch über den schwankenden Bauchumfang von Außenminister Joschka Fischer. "Diese Feindbilder sind mir zu billig."
Nuhrs Hauptfigur ist seine Mutter. Mit ihren ewigen Ermahnungen ("Fahr vorsichtig!", "Hast du auch dein Portemonnaie nicht vergessen?") ist sie eine Garantie für Lacher. Viele Zuschauer kennen diese Dialoge offenbar aus eigener Erfahrung, darauf basiert sein Erfolg: "Die Menschen mit ihrer Wirklichkeit konfrontieren, ohne sie dafür zu verurteilen" nennt er das. Er ist einer von ihnen, er versteht sie und lacht über sich selbst - zum Beispiel über seine Leidenschaft für Elektrogeräte und Fußball. Er ist eben wie alle Männer.
Allerdings findet er grillen "blöd", weil "ich nicht den Trieb verspüre, Feuer zu machen". Und von den meisten Männern unterscheidet ihn auch eine gewisse Neigung zum Philosophieren: Nuhr redet auf der Bühne zum Beispiel davon, was der Freiheitsbegriff von Rousseau mit dem Talkshow-Gelaber am Nachmittag zu tun hat, und referiert die neuesten Errungenschaften der Hirnforschung. "Wenn das stimmt, dann ist selbst Hitler zu entschuldigen und nur Opfer seines Gehirns", sagt er.
Das sind die Stellen, die Nuhr in seinem Programm besonders mag: "Wenn man eine Stecknadel fallen lassen kann - da merke ich, dass die Leute aufmerksam zuhören." Lachen dürfen sie hinterher. Ein Stückchen von seinem einstigen Drang zum Pädagogischen ist also übrig geblieben. Er erklärt den Menschen die Welt - nur eben als Witz.