Comedy Central Der Anti-Atze-Schröder-Sender
Zwei junge Männer schauen sich im Haustierladen Fische im Aquarium an. Kommt ein Typ auf sie zu und sagt: "Bei denen müssen Sie ganz vorsichtig sein." Dann krempelt er demonstrativ den Ärmel seines Hemds hoch und zeigt seinen Armstumpf. "Beim Füttern hab ich einmal den Arm reingehalten zack, zugebissen, Sehne durch, Ellbogen weg." Dann verschwindet er wieder und lässt zwei ziemlich verdattert drein schauende Goldfischkäufer zurück.
Killerfische, tibetanische Kampfhasen, afrikanische Mörderpapageien Martin Fromme hat sich jede Menge gemeingefährliche Tierarten ausgedacht, mit denen er den Kunden einen Bären aufbinden kann. Fromme ist einer der Darsteller bei "Para-Comedy", einer neuen Versteckte-Kamera-Show, bei der "Nichtbehinderte von Behinderten in absurde Situationen gebracht werden", wie der Comedian einem Mann auf der Straße erklärt, ihm dann seinen Arm mit einer Mikrofonstulpe vor die Nase hält und fragt, wie der das denn finde.
Wenn man jetzt raten müsste, wer sich in Deutschland traut, so was auf Sendung zu schicken, müsste man vermutlich ziemlich lange überlegen. RTL? Niemals. Pro Sieben? Schon eher. Das Erste? Viel zu seriös.
Sender für Scherze aller Art
"Para-Comedy" ist eines der Aushängeschilder des neuen Spartensenders Comedy Central, der an diesem Montag den Platz des eingestellten Clipkanals Viva Plus übernommen hat. Comedy Central gehört zum deutschen MTV Networks, einer Tochter des US-Megakonzerns Viacom, der in den USA das CBS-Network führt und schon seit 16 Jahren einen eigenen Sender für Scherze aller Art betreibt.
Jetzt ist die Zeit dafür auch in Deutschland reif, glauben sie in der Berliner Senderzentrale.
Man darf sich Comedy Central nicht als Konkurrenz zu RTL, Pro Sieben oder Sat.1 vorstellen, sonst wird man schnell enttäuscht. Obwohl sich die hiesige Spaßmacherei in den vergangenen Jahren ähnlich schnell verbreitet hat wie ein Grippevirus, startet der MTV-Ableger aus der Nische heraus: ohne die Pastewkas, Anke Engelkes und Hape Kerkelings, an die man sich als Zuschauer gewöhnt hat.
Plattform für den Humor-Nachwuchs
Laut Senderchef Markus Andorfer will Comedy Central viel lieber eine Plattform für den Komiker-Nachwuchs in Deutschland sein. "Wir können Formate senden, die bei den großen Sendern gar nicht mehr stattfinden", sagt Andorfer. Er will "Konzepte umsetzen, an die sich die anderen nicht herantrauen".
Zum Beispiel die Behinderten-Comedy, bei der die Beteiligten zwischendurch erzählen, dass sie hoffen, der Integration von Behinderten mit der Sendung einen kleinen Anschub zu geben: weil die Zuschauer sehen, dass man auch Spaß machen und haben kann, wenn man im Rollstuhl sitzt. Oder zum Beispiel der Gag mit "Tine Hitler - Einmarsch in vier Wänden, von 19.33 bis 19.45 Uhr". Das Werbevideo für Comedy Central, Persiflage auf Tine Wittlers RTL-Aufmöbel-Show "Einsatz in vier Wänden", kursiert im Internet seit Wochen.
Aber natürlich hat Andorfers Strategie vor allem finanzielle Gründe: Mit einem Auftragsvolumen wie dem von Pro Sieben kann er nicht planen. Und Eigenproduktionen werden wohl in der Testphase die Ausnahme bleiben. Die Comedy-Duos Badesalz und Mundstuhl können sich in eigenen Formaten austoben, es gibt den Comedy-Talk "u.A.w.g. Um Antwort wird gebeten", dazu das vom WDR übernommene Stand-up-Programm "Nightwash" mit "Knacki" Deuser sowie diverse Sketchshows.
Doch den Hauptteil der Sendezeit füllt Comedy Central mit vornehmlich amerikanischer Ware, die der Mutterkonzern herüberreicht. Dabei macht man es sich ein bisschen zu einfach, wenn man Comedy Central vorwirft, ein reiner Abspielkanal für Viacom in Deutschland zu sein. Anders würde so ein stark fokussierter Spartenkanal kaum funktionieren. Und ein bisschen hat man das Gefühl, dass sie sich in Berlin diesmal wirklich Gedanken darüber machen, dem Sender eine eigene Identität zu geben, anstatt wieder bloß Clip-Votings aneinander zu reihen.
Furcht vor dem Quotendesaster
Andorfer will vornehmlich Programme zeigen, die sonst noch auf keinem anderen deutschen Sender zu sehen waren. Einige vermutlich, weil sie den Qualitätsstandards nicht standhalten könnten, andere aber, weil sie einen derart speziellen Humor zelebrieren, dass sich jeder Programmmacher vor einem Quotendesaster fürchten müsste. Top-Comedy aus den USA kommt in Deutschland oft nicht an das Beispiel der US-Erfolgsserie "Seinfeld" hat das eindrucksvoll bewiesen. Comedy Central hingegen reicht ein Nischenpublikum völlig aus.
Außerdem hat sich Viacom die Rechte zahlreicher Programme aus Großbritannien gesichert. Die Kultserie "Little Britain" und "Extras", der "The Office"-Nachfolger mit Ricky Gervais, sind Fans hierzulande allenfalls über Youtube-Schnipsel oder per DVD-Import bekannt. Dabei zeigen solche Programme, wie weit die Briten den Deutschen beim Humor und in Sachen Risikofreudigkeit tatsächlich voraus sind. "Little Britain" zum Beispiel ist im Grunde genommen ein einziger großer Verstoß gegen den guten Geschmack, vielleicht aber gerade deshalb so erfolgreich und bei der hoheitlich-seriösen BBC gelaufen. Dass ARD oder ZDF so etwas wagen würden: Unvorstellbar!
Wenn man in Deutschland endlich einmal sehen kann, was den Nachbarn alles Irres einfällt, dürften allerdings auch die Bauchschmerzen größer werden, die man beim Vergleich mit dem hier Produzierten bekommt. Die traurigen RTL-Comedys mit Mirja Boes und Atze Schröder. Die überflüssigen Panelshows mit Ingolf Lück. Die peinlichen Oli-Pocher-Auftritte.
Blass wirkender Hessenhumor
Comedy Central macht es sich selbst schwer. Gegen Ausnahmeproduktionen wie "Arrested Development" (einer herrlich absurden Familienserie, die an die "Royal Tenenbaums" erinnert) oder das schwarzhumorige "Suburban Shootout" der BBC wirken die Eigenproduktionen ziemlich blass - wenngleich sie freilich mit ganz anderen Budgets arbeiten.
Nichts gegen Badesalz und Mundstuhl; auch den Vorreitern des Hessenhumors gelingt mal ein Gag. Aber vieles davon wirkt dann doch wie ein günstiger Abklatsch der ausländischen Vorbilder.
Um 24 Stunden Programm zu füllen, werden bei Comedy Central sehr, sehr viele Wiederholungen laufen. Und jede Menge Sitcoms, die es aus gutem Grund bisher nichts ins deutsche Fernsehen geschafft haben. Wenn deshalb jemand fragt, ob man wirklich einen reinen Comedy-Kanal brauche - dann kann man getrost mit Nein antworten.
Aber es wäre doch gelacht, wenn man Andorfer und seinem Team nicht mal eine Chance geben würde, dem deutschen Humor etwas auf die Sprünge zu helfen.