"Continental Shift" Kulturelles Sampling
Die winzige Japanerin weist auf ein Schlammkleid, das sich mit über zehn Metern Höhe gigantisch vor ihr aufbaut. Das abstrus riesige Gebilde aus Stoff und Erde trägt eine Brause, die unentwegt Wasser durch die Falten spült. Die Installation ist eine Art Selbstporträt der Künstlerin, die derzeit in der deutschen Kunstszene als Shootingstar gefeiert wird. Leise erzählt die in Berlin lebende Chiharu Shiota, 28, dass sie bei jedem Besuch in ihrer alten Heimat stundenlang unter der Dusche stehe, um sich den europäischen Dreck vom Körper zu waschen. Erfolglos, denn das Bild vom schmutzigen Europa ist ein hartnäckiges japanisches Phantasma, dem durch zwanghaftes Schrubben nicht beizukommen ist.
Vier Museumschefs und ein siebenköpfiger Kuratorenstab im Dreiländereck zwischen Deutschland, den Niederlanden und Belgien haben über ein Jahr in europäischen Metropolen nach Künstlern wie Shiota gefahndet. Diese sind jung, erfolgreich und kommen von weit her. Irgendwann hat es sie aus irgendeinem Grund nach Europa verschlagen - aus Asien, dem Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika.
Rund dreihundert Werke von gut achtzig Künstlern sollen im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst, im Maastrichter Bonnefanten Museum, in der Stadsgalerij Heerlen und im Lütticher Musée d'Art moderne et d'Art contemporain vor allem eines beweisen: Auf den Internationalismus der zeitgenössischen Kunst passt keine Ethno-Etikette, und die Vorstellung von geopolitisch definierten Kunsträumen, etwa denen Europas oder Nordamerikas, ist hoffnungslos gestrig. Europäische Kunst ist längst nicht mehr ohne die Einflüsse aus anderen Kulturen zu definieren.
Prominenter Vorreiter für dieses kulturelle Sampling ist einmal mehr der Koreaner Nam June Paik. Der Vater der Videokunst tritt über Monitor in einen interkontinentalen Dialog mit der altehrwürdigen Venus von Milo. Daneben präsentiert der in Paris lebende Chinese Chen Zhen einen vom Zen-Buddhismus inspirierten Vorschlag zur Lösung von Konflikten - "Jue Chang - Fifty Strokes to Each". Den Streithähnen werden erst einmal je fünfzig Peitschenhiebe verpasst. Etwa hundert Betten, Stühle und Hocker hat Chen Zhen mit Trommelfellen bespannt, auf die die Besucher im Aachener Ludwig Forum in völliger Enthemmung einprügeln können. Museumschef Wolfgang Becker gerät ins Schwärmen: "Das ist ein Paradebeispiel für unser Konzept. Wir sehen hier den Nouveau Réalisme der Pariser Schule und gleichzeitig einen rituellen Gegenstand aus China. Hergestellt wurde das Werk für ein Museum in Jerusalem."
Ofelia Rodriguez aus Kolumbien steht mit ihren pop-surrealistischen Collagen ebenso für das Crossover der Kulturen wie die kämpferische Iranerin Shirin Neshat mit dem streng feministischen Blick auf den Islam. Die Ägypterin Ghada Amer dekonstruiert subtil hinter gesponnenen Fäden stereotype Geschlechterbilder. Den Mythos des Ursprünglichen entlarvt der Nigerianer Yinka Shonibare mit seiner Arbeit "Double Dutch" als pure Illusion. Die bunt gemusterten Stoffe, die Garant für afrikanische Identität sein sollen, gelangen mittlerweile als reine Importware aus England oder Indonesien auf den schwarzen Kontinent, wie Kuratorin Marjorie Jongbloed erläutert.
Die japanische Antwort auf Jeff Koons und sein schreiend kitschiges Stelldichein mit der Pornokönigin "Cicciolina" ist Jungstar Takashi Murakami. Sein "Lonesome Cowboy" schleudert in reinster Pop- und Comic-Attitüde einen riesigen, blendend weißen Spermabogen wie ein Lasso in die Luft. Das Ex-Model Mariko Mori läuft derweil feenhaft dem Cybertraum Lara Croft den Rang ab. Die als "Techno-Lolita" gehandelte Künstlerin plappert auch schon mal zuckerwattesüß über echt Japanisches, so im vergangenen Jahr mit Mode-Star Miuccia Prada. Ausführungen zum Thema der Leere und der "ewigen Gegenwart" aus dem unbefangenen Schmollmündchen entbehren jedoch schlagender Überzeugungskraft. Die formuliert besser ihr Landsmann Hiroshi Sugimoto, der sich mit Schwarzweiß-Fotografien der urbanen Leere dem Thema der Unendlichkeit nähert.
Nach Ansicht des Aachener Museumsdirektors Wolfgang Becker vereint die Youngsters aus der Ferne vor allem eines: "Sie sind keine Nomaden", sagt er auf einen Lieblingsbegriff der Kunstszene der achtziger Jahre verweisend - und wettert gegen die jet-settenden Biennale-Künstler los: "Nomadenkünstler heben von der Realität ab, ihre Kunst findet in Flugzeugen statt. Sie haben keine Wurzeln und glauben nicht an kulturelle Rituale und Traditionen." Ob er allerdings ernsthaft raten würde, das Ritual der fünfzig Peitschenhiebe zu adaptieren, lässt er vorerst noch offen.
"Continental Shift. Eine Reise zwischen den Kulturen" , Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen (Künstler aus Lateinamerika, Japan und Korea), Bonnefanten Museum, Maastricht (Künstler aus Afrika), Stadsgalerij, Heerlen (Künstler aus dem Nahen Osten), Musée d'Art moderne et d'Art contemporain, Lüttich (Künstler aus China), 21. Mai bis 10. September 2000.