"Corpus Christi" Ausschreitungen blieben aus
Kassel/Ulm - Der Applaus galt neben den Schauspielern auch dem Intendanten Christoph Nix, der das Stück trotz zahlreicher Proteste auf die Bühne brachte. Einen Tag vor der Aufführung sorgten noch Morddrohungen gegen den Intendanten und seine Familie für Aufregung. Die Theaterräumlichkeiten wurden nach Sprengstoff abgesucht und auch die Aufführung selbst fand unter Polizeischutz statt. Zu den befürchteten Ausschreitungen kam es jedoch nicht. Auch dem Demonstrations-Aufruf der "Partei Bibeltreuer Christen" vor dem Theater folgten nur etwa 30 Personen. In dem Werk stellt der amerikanische Autor Terrence McNally Jesus und seine Apostel unter anderem als trinkfreudige Homosexuelle dar, was in der Öffentlichkeit anhaltende Kritik auslöste.
Der Inszenierung schloss sich eine Podiumsdiskussion an, an der auch der Filmbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland Werner Schneider-Quindeau teilnahm. "Der so genannte Skandal ist etwas, von dem die Kirche nur lernen kann", sagte er, "die Kirche muss ins Theater oder Kino gehen, um die eigenen Stoffe wiederzuentdecken". Das Stück zeige die Passionsgeschichte auf eine Weise, die zum Nachdenken anrege. Explosiv sei immer die Kombination von Sex und Kirche, die die Kontroverse ausgelöst habe. Dass Jesus sich ausgestoßener Homosexueller angenommen hätte, hielt die evangelische Pfarrerin Eveline Valtink für plausibel. "Das ist in keiner Weise Blasphemie". Vielmehr stelle das Stück, das als Persiflage und Parodie provoziere, die Frage nach der kirchlichen Sexualmoral.
"Das Dilemma des Christentums ist, dass Gott Mensch geworden ist und das Problem des Jesusbildes besteht", sagte Eva-Maria Schulz- Jander von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft. Im Judentum sei Gott nicht darstellbar. Sie zog die Parallele mit der nach Protesten abgesagten Inszenierung "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder. Damals seien stereotype Bilder verwendet worden, die für die Juden Vernichtung bedeutet hätten und von denen Gefahr ausgegangen sei. Dies sei bei der "Corpus Christi"-Inszenierung nicht der Fall. Das Stück rege zum Nachdenken an, sei aber kein Skandal.