meinung •CSU-Grundsatzprogramm Make Bayern great again
CSU-Parteitag in München
Foto: Sven Hoppe/ dpaIch warte, ob irgendwo Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po um die Ecke kommen, aber es passiert nicht. Ich bin nämlich gar nicht im Teletubby-Land, sondern auf der Website des neuen CSU-Grundsatzprogramms: Wiesen, Berge, Himmel, so schön! Sogar der Enzian blüht. Im November. Ich versuche, die Ordnung zu erleben, oder besser: Die Ordnung. Die CSU hatte nämlich getwittert: "Kennst du schon das neue Grundsatzprogramm #dieOrdnung? Erlebe es unter csu-grundsatzprogramm.de ." Geil, ein Befehl. Mach ich natürlich.
Rechts oben scheint die Sonne. Ein paar Wölkchen ziehen vorbei, ein Bach rauscht, und da, hui, fliegt ein Hubschrappschrapp, den kann man anklicken, dann steht da: "Staats- und Rechtsordnung: stark und verlässlich!" und wenn man weiter klickt, kommen zwei Polizeiautos, eins in grün und eins in blau. Gelebte Vielfalt. Und wenn man noch weiter klickt, steht da was von Wehrpflicht und Bundeswehreinsätzen im Inneren. Dass Deutschland eine selbstbewusste Nation ist, die selbst entscheiden soll, wen sie aufnimmt.
Schnell zurück zum Startbildschirm, ich sollte ja gar nicht lesen, sondern erleben. Eine Familie läuft durchs Bild, Mutter und Vater und drei Kinder, sie tragen weiß-blau und lachen. Warum sind die Kinder alle blond, obwohl der Vater dunkle Haare hat? Ich frage nicht nach, es wird schon alles seine, nun ja, Ordnung haben. Der Vater schiebt den Kinderwagen einhändig. Irgendwo grast eine Kuh und nirgendwo ministriert ein Senegalese. Überhaupt ist es auffällig menschenleer. Weiter hinten ist ein ufoartiges Gebäude, das ist vielleicht ein kleines Kernkraftwerk auf der Wiese. Schön. Und daneben ein Jahrmarkt, da kann man, hui, ein Spiel spielen, das heißt: "Hau den Lukas Spezial."
"Wie gut kennst du das CSU Grundsatzprogramm?", fragt das Spiel, und in zehn Fragen mit je drei möglichen Antworten kann ich es herausfinden. Ich hab das Programm noch kaum gelesen, aber was soll's. Beantworte alle Fragen aus Halbwissen und Vorurteilen heraus: gegen Multikulti, gegen "Gender-Ideologie", gegen EU-Beitritt der Türkei. Auf dem Fragekästchen sitzt ein Vogel, der aussieht, als wolle er auf die Antworten kacken. Klick, starke Bundeswehr, klick, starker Staat, klick, weniger Zuwanderung, klick, langweilig, am Ende hab ich zehn von zehn Punkten. Pling, Jubel aus dem Lautsprecher: "Herzlichen Glückwunsch, du echter CSU'ler", sagt das Quiz, in Fraktur.
Das war einfach, fast ein bisschen zu einfach. Der Vogel erinnert mich daran, dass ich sogar die halbe Bayernhymne auswendig kann, weil sie bei meinem Exfreund neben dem Klo hing. Mit einem Bild von Stoiber daneben. Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Zig mal gelesen, ins Hirn gebrannt.
Apropos lesen. Was steht denn nun in der "Ordnung"? Hausordnung, Rangordnung, Hackordnung, mmmh, es tun sich unangenehme Assoziationsräume auf, aber das ist gemein, das so zu sagen, ich finde Ordnung natürlich auch gut. I feel you, CSU! Wenn jemand ein T-Shirt falsch herum auf die Wäscheleine hängt, also auf links gedreht, dann muss ich es umkrempeln. Soweit verstehen wir uns wohl. Der Boden ist fruchtbar für Ordnungsdenken, für Ewigkeiten stand ein Aufräumbuch in den Bestsellerregalen .
Die Sätze sind kurz und fast ein bisschen trumpesk
Aber "Die Ordnung" wird kein Bestseller, trotz rhetorischer Tricks. "Die neue Ordnung ist eine gute Ordnung", steht in der "Ordnung". Die Sätze sind kurz und fast ein bisschen trumpesk. "Zukunft hat ein Ziel. Unser Ziel heißt: Bayern Weltspitze." Das Wichtigste wird wiederholt: "Integration bedeutet Orientierung an unserer Leitkultur, nicht Multikulti. Wir lehnen Multikulti ab." Nun ja.
Es ist schon besser, man klickt nur durch die Idylle, statt das alles zu lesen. Die paar interessanten Metaphern - "Fortschritt benötigt ethische Leitplanken" - kommen viel zu kurz, man muss sich alles selbst zusammendenken. Man kann höchstens ein eigenes Quiz draus machen und die lustigsten Sätze anstreichen. "Wir haben keine Angst vor Veränderung, aber wir wollen kein anderes Land." Horst Seehofer persönlich hat versprochen, "dass Deutschland Deutschland und Bayern Bayern bleibt".
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17.10.2026 23.00 Uhr
Keine Gewähr
Das ist so lahm, was soll das? Dabei ist der Grundgedanke so klar und einleuchtend: Ordnung. Klarheit. Sehnsucht nach Einfachheit. Harmonie. Sonne im November. "Selten gab es in der CSU ein solches Durcheinander", schrieb die "Süddeutsche" neulich . Und was man bei sich selbst am wenigsten erträgt, versucht man außen zu bekämpfen, wie jeder normale Neurotiker. "Ordnung in einer Zeit von Unordnung, das wird das Motto des Grundsatzprogramms sein", das hat Markus Blume, Leiter der CSU-Grundsatzkommission, angekündigt .
Wenn schon Propaganda, dann richtig
Das ist knalllogisch, dem kann man sich nicht entziehen. Also, vorausgesetzt, man teilt die Meinung, dass wir in einer "Zeit von Unordnung" leben. Das wird aber nicht ordentlich ausgeführt, da steht nur so was wie: "Terrorismus, Angriffe aus dem Internet und staatsfeindliche Ideologien bedrohen unser Zusammenleben." Das ist zu abstrakt, die Leute wollen sich nicht alles selbst zusammensuchen müssen.
Mir würden auch die Ohren schlackern, wenn ich die CSU wäre und Panik hätte, dass die AfD mir die rechten Wähler wegklaut, aber dann muss man eben kreativ werden und nicht so ein Billo-Quiz entwerfen, in dem jede linke Zecke Muster-CSU'ler wird, Entschuldigung.
Wer sagen will, "Mit uns steht Ihnen kein Ausländer in der Sonne!", muss das so schreiben, die Leute lesen kein über 40-seitiges Parteiprogramm mehr. Wer meint, "Bei uns blüht der Enzian auch im November!", muss das so schreiben. Wenn schon Propaganda, dann richtig. Herrgott.