Dada in Hannover: Schreiender Müll und rasende Golfbälle - DER SPIEGEL
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Dada in Hannover Schreiender Müll und rasende Golfbälle

Unter dem Label "Merz" adelte Kurt Schwitters Schrott und Nonsens. Auch heute vermerzen Künstler ganze Räume mit Trash, wie gerade bei einer Ausstellung in Hannover. Dabei fliegen auch schon mal Golfbälle mit 130 km/h durchs Museum.
Von Birgit Stallmann
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Der Schnippelkünstler und Wortquirler Kurt Schwitters gründete im Jahre 1918 mit Merz eine Kunstbewegung, die nur ein einziges Mitglied hatte - ihn selbst. Völlig unspektakulär war auch der Gründungsakt: Der Dada-Künstler zerschnitt eine Anzeige der "Kommerz- und Privatbank" und wählte fortan den Wortfetzen "Merz" als Label für alles, was er schuf. Im Rahmen der Expo zeigt nun das hannoversche Sprengel Museum, von jeher die erste Adresse in Sachen Schwitters, bis zum 5.11. die Ausstellung "Aller Anfang ist Merz - Von Kurt Schwitters bis heute".

Mit Wortmüll wie "Fümms bö wö tää zää Uu" strapazierte der Hannoveraner die Ohren seiner Zuhörer und insistierte trotzig: "Den Unsinn bevorzuge ich". Nach dem Ersten Weltkrieg klebte und hämmerte er alles zu Schrottcollagen zusammen, was andere weggeworfen hatten: Kordeln, rostiges Blech, Pappe, verrottetes Holz und Zeitungsfetzen. "Man kann auch mit Müllabfällen schreien", glaubte Schwitters felsenfest, auch wenn man ihm angewidert einen "tiefen Hang zur Primitivität" bescheinigte.

Schwitters war für Fluxus, Nouveau Réalisme und Pop Art wegweisend. In Hannover findet sich diese These anhand vieler Werke von Robert Rauschenbergs "Combine Paintings", Skulpturen von Louise Nevelson bis zu Arbeiten von Joseph Beuys, Daniel Spoerri und Arman bestätigt. Für das Sprengel Museum ist Schwitters aber auch Vater des zeitgenössischen begehbaren Environments. Fast vierzig künstlerische Positionen der letzten fünf Jahrzehnte werden den über 250 Werken des Merzkünstlers gegenübergestellt.

Als direkte Vorbilder zeitgenössischer Rauminstallationen gelten Allan Kaprows berühmter "Kiosk" (1957-59), Edward Kienholz’ Bar "Beanery" (1965), in der die Gipsfiguren Uhren anstelle von Köpfen tragen und Daniel Spoerris "Le coin du restaurant" (1968). Ohne Schwitters und seine Nachfolger gäbe es heute weder die beklemmenden Labyrinthe Gregor Schneiders noch die Chaos-Räume von Christoph Büchel.

Beweisen soll dies der legendäre Merzbau, den Schwitters ab 1923 als "Kathedrale des erotischen Elends" in seinem Wohnhaus in Hannover errichtete. Er legte darin Grotten und Höhlen an und mauerte Haarlocken und Socken seiner Freunde ein. Ein Teil des 1933 zerstörten Merzbaus wurde rekonstruiert und befindet sich im Besitz des Sprengel Museums.

Ohne Schwitters und seinem bizarren Merzbau säße jetzt wohl auch nicht Laura Kikauka in einem ihrer schreiend-schrillen Funny-Farm-Räume. Zwischen Kitsch und Trash wie Pantoffeln in Karottenform, Slips mit Stoppschildern oder blinkenden Lämpchen lebt die Künstlerin ("I am a collectoholic and a Profi-Bastler") jetzt in Berlin. Zuvor hatte sie in ihrem kanadischen Elternhaus ganze 18 Räume mit Plastikschund vollgestopft.

Nana Petzet verwirrt schon mal mit krausen Theorien und Vorträgen über erfundene Professoren. In ihrer Installation "Sammeln-Bewahren-Forschen (SBF)" präsentiert sie ihr eigenes Konzept zur Müllverwertung: Aus Tüten bastelt sie Abfalleimer, aus Milchpackungen Fußabstreifer und aus Sektkorken Seifenschalen.

Zu einer Survival-Tour macht Christoph Büchel sein Höhlen-Environment aus elf zusammengeschusterten Räumen. Die Besucher müssen klettern, kriechen und sich an einem Helikopter und einem umgekippten VW-Käfer vorbeiquetschen. Haben sie das unbeschadet überstanden, müssen sie eine Brücke der österreichischen Gruppe Gelatin+D.Moises überqueren, über die alle zwanzig Minuten ein Golfball mit 130 Stundenkilometern geschossen wird.

"Aller Anfang ist Merz - Von Kurt Schwitters bis heute". Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz. Bis 5. November 2000 täglich bis 20 Uhr geöffnet. Katalog: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 344 Seiten; 48 Mark.

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