Das bedrohte Wort Der kritisierte Kritiker
Ein seltsam Ding ist der Pop. Was sich hinter den drei Buchstaben genau verbirgt, weiß niemand so genau. Meistens geht es um Musik, manchmal auch um Hosen, Frisuren oder Filme. Hauptsache, viele kennen sie, denn Pop kommt von populus, vom Volk beziehungsweise der Bevölkerung, der Masse. Weil nun gerade in der schreibenden Zunft die Masse einerseits weit von der Lebensrealität der Schreibenden entfernt ist, die Massenmedien aber andererseits den Volksgeschmack nicht ignorieren dürfen, tat man, was man immer tut, wenn es kompliziert wird: Man schuf den Experten. So kam der Popkritiker in die Welt.
Seit einiger Zeit tobt wieder einmal eine Debatte. Es ist eine jener Debatten, die der Selbstverständigung eines Berufszweiges dienen, nämlich dem der Popkritik. Also keine A-, sondern eher eine B-Debatte, aber immerhin eine, die von den Kritikern richtig wichtig genommen wird, denn es geht ja um sie selbst. Journalisten schreiben am liebsten über Journalisten.
Anlass war diesmal der Umzug des Kölner Musikmagazins "Spex" nach Berlin. Bei dieser Gelegenheit blieb gleich die ganze alte Redaktion auf der Strecke, an ihre Stelle tritt eine neue. Die Wochenzeitung "Zeit" rief flugs "das Ende der Bescheidwisser" aus, die "Tageszeitung" widersprach mit der Stimme des größten deutschen Popkritikers, Diedrich Diederichsen geheißen. Und alle paar Tage ertönte ein neuer Kommentar. Was war geschehen?
Den jüngeren Menschen von der Generation iPod muss man das ja erklären. Weil heute schwer vorstellbar ist, dass die "Spex" für Studenten, die ihr WG-Zimmer nicht nur mit ein paar Bänden der Edition Suhrkamp, sondern auch mit einem Plattenspieler möbliert hatten, mehr war als nur eine Zeitschrift. Sie war ein periodisch erscheinendes Glaubensbekenntnis, das nicht nur gelesen, sondern mit dem Textmarker Wort für Wort durchgearbeitet wurde wie ein Seminartext.
Am Ende aber belohnte den Adepten ein ästhetisches Erlebnis beim Wiederhören einer Langspielplatte, die nun mit Hilfe französischer Theorie und amerikanischer gender studies erstmals in vollem Umfang erfasst und gewissermaßen mit dem Gehirn gehört werden konnte. Vorhergehende Generationen waren für solche Erlebnisse noch mit einem Joint oder einer lila farbenen Pille ausgekommen. Seit den Achtzigern belegte man lieber ein Pro-Seminar.
Es waren dies die goldenen Tage der Pop-Kritik. Der Pop-Kritiker schüttelte und rührte Theorien und Töne zusammen bis einem ganz schwindelig wurde von diesem Cocktail aus Lehrbuchwissen und Coolness. Wer immer ein paar Semester auf dem Buckel hatte und befähigt war, zu glauben, der huldigte dem neuen Typus des Bescheidwissers. Pop-Kritiker war damals ein ebenso beliebter Beruf wie heute Key-Account-Manager. Er versprach zwar ein eher unregelmäßiges Gehalt, aber den grenzenlosen Respekt der cordsamtenen Hornbrillenstreber und stets ausreichend Groupies von Heidelberg bis Tübingen.
Diese Tage scheinen endgültig gezählt. Noch vor zwanzig Jahren lauerte eine ganze Generation mit dem Zeigefinger auf der Aufnahmetaste des Radiorekorders auf die eine Radiosendung, die Musikstücke in mitschnittfähiger Qualität ausspielte. So entstanden handgemachte Mischkassetten, die sich irgendwann in Bandsalat auflösten. Dann kamen MTV, Loveparade und Internet. Heute quillt einem Pop aus jedem zweiten Lautsprecher entgegen und das richtige Musikstück ist nur einen Mausklick weit entfernt. Wer wissen will, wie die begehrte Musik klingt, der braucht nicht mehr Texte, die von "klirrenden Beats" oder "beatleesken Riffs" daherschwafeln, sondern sieht sich mal eben das Musikvideo auf YouTube an und kauft das Album per Klick. Braucht da noch irgendjemand den Kritiker? Stirbt der Bescheidwisser tatsächlich aus?
Natürlich nicht. Denn wenn etwas immer Konjunktur haben wird, dann ist es die Bescheidwisserei. Man mag sich Sorgen machen um die Popmusik selbst, die irgendwann zu Tode digitalisiert, in krachende Geräusche zerlegt oder als neue Klassik zu den Akten gelegt wird. Aber selbst dann werden noch ein Dutzend Pop-Analytiker über die originellste Arbeit zum Thema "Das Ende der Popmusik" wetteifern. Gebraucht im Sinne eines Nutzwertes hat den Pop-Kritiker ohnehin noch nie jemand - wenn er seine Arbeit richtig gemacht hat. Zudem ist der hauptberufliche Nörgler ein Charakter, der nur schwer klein zu kriegen ist. Der Autor dieser Zeilen darf das sagen, er hat selber einige Zeit als Kritiker gearbeitet. Und schließlich gilt die Regel: Es ist nicht die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Sondern die Kritik an ihr. Zurück zu echten Bedrohungen.