Das bedrohte Wort Haarsträubender "Pornobalken"
Es waren erstaunliche Bilder: Erwachsene Männer, die mit angeklebten Bärten ekstatisch auf den Tribünen hüpften und so eine bisher vergleichsweise wenig beachtete Sportart zu neuen Ehren brachten. Jede Siegesfeier geht einmal vorbei. Der deutsche Weltmeistertitel im Handball aber könnte langfristige Folgen zeitigen. Eines jedenfalls steht seitdem fest: Wir sind Schnauzbart!
Bärte haben in Deutschland eine lange Tradition. Schon die mythischen Berserker sprangen mit Bärenfell und wucherndem Vollbart durchs germanische Unterholz und noch Kaiser Friedrich I. wurde nach seinem markanten Kinnbewuchs Barbarossa genannt. In späteren Jahrhunderten neigte man zu kunstvoller Ausgestaltung der männlichen Gesichtsbehaarung. Noch der letzte amtierende deutsche Kaiser Wilhelm II. prägte mit einem eindrucksvoll gezwirbelten Schnauzer die deutsche Bartmode.
Die angebliche Manneszierde hatte nicht nur Freunde. So führte Peter der Große in Russland 1698 die so genannte Bartsteuer ein. Der lange Wildwuchs galt dem Zaren als unmodern und so verbot er ihn kurzerhand. Vermögende Männer konnten das Verbot umgehen, indem sie die Bartsteuer bezahlten. Der Zar war selbst übrigens Träger eines flotten Schnurrbärtchens nach westlicher Mode.
Zwirbeln und Wichsen: deutsche Manneszierde
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet der Bart allmählich in Verruf. Schuld daran waren die Fußballer und Pornostars der Siebziger- und Achtzigerjahre, die im Ruf standen, ihre Männlichkeit damit zu betonen. Einer Statistik zufolge trugen 162 Spieler im Jahr 1985 Haare auf der Oberlippe. Drei Jahre später waren es ganze 125, im Jahr 1996 nur noch vierzehn. Danach begann die Zeit glatt rasierter Milchgesichter, VokuHilaOliba (Vorne kurz, hinten lang und Oberlippenbart) geriet nicht nur auf dem Fußballplatz ins Abseits.
Auch der klassische Walrossschnauzer war im 20. Jahrhundert zuletzt eher im Milieu beheimatet, Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer dagegen verstieß, sah sich mit dem Schmähwort Pornobalken konfrontiert. Als solchen bezeichnet man ursprünglich die schwarzen Zensurbalken, die allzu deutliche Tatsachen auf den Aushängen von Kinos verdeckten etwa bei so genannten Schwedenfilmen.
Deren Darsteller waren für ihre balkenförmig geschnittenen Schnurrbärte berühmt, die der Volksmund bald ebenso nannte. Ein Freiburger Friseur erklärte aus gegebenem Anlass dieser Tage einem Internetmagazin: Vermutlich haben Pornodarsteller eben gerade deshalb Bärte getragen, weil sie Männlichkeit und Stärke signalisieren." Bart-Neulingen empfiehlt er: Der Schnurrbart muss gestutzt, gekämmt, gewichst und mindestens alle drei Tage gewaschen werden. Bartwichse kann man sich übrigens wie Haargel vorstellen, sie ist speziell zur Pflege des Schnurrbarts gedacht."
Was all dies für das äußere Erscheinungsbild deutscher Männlichkeit bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Aus Szene-Kreisen wird bereits seit Jahren der Trend zur tropfenförmigen, so genannten Porno-Brille und dem gleichnamigen Bartmodell gemeldet. Die Folgen lassen sich bereits in vielen deutschen Großstädten besichtigen. Was also tun?
Um das Aussterben des Wortes Pornobalken wäre es nicht sonderlich schade, auch wenn es seit einigen Tagen akut von dem Synonym Heiner-Brand-Bart bedroht wird. Mittelfristig sollte man deshalb eine Bartsteuer auch hierzulande diskutieren. Laut Mitteilungsblatt des Hamburgischen Richtervereins datiert der letzte Vorstoß zur Einführung einer Bartsteuer zum Stopfen von Haushaltslöchern" in der Hansestadt 1995. Ob er an verfassungsrechtlichen Bedenken wegen Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht scheiterte, ist nicht bekannt.
Heute scheint der Zeitpunkt weitaus besser geeignet. Eine bundesweite Bartsteuer ließe sich in einem Atemzug mit dem geplanten Rauchverbot, der staatlichen Datenausspähung und der Feinstaubplakette unauffällig realisieren. So könnten nicht nur Verluste aus der Tabaksteuer ausgeglichen werden. Vielleicht könnte so auch eine Ära Brand in deutschen Männergesichtern verhindert werden. Denn die wäre mit einem Wort: haarsträubend.