Das bedrohte Wort: Mätresse - eine gefährliche Liebschaft - DER SPIEGEL
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Das bedrohte Wort Mätresse - eine gefährliche Liebschaft

Jahrhunderte lang war das Wort Mätresse in Politik und Wörterbüchern heimisch, auch in Bayern. Die Gegenwart tut sich schwer mit dem alten Laster. Eine Kolumne aus dem Schlafzimmer der deutschen Sprache.
Von Bodo Mrozek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manche Worte scheinen längst ausgestorben. Tauchen sie plötzlich in politischen Zusammenhängen wieder auf, so geschieht dies oftmals in scheinheiliger Absicht. Dieser Tage hört man etwa das Wort Mätresse deutlich aus dem Stimmengewirr bayerischer Stammtische heraus. CSU-Politiker und sogar Kleriker im Umfeld äußern sich moralinsauer zum Thema Ehebruch. Ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt jedoch, dass die Mätresse kaum zur Diffamierung von Zeitgenossen taugt – gerade in Bayern.

Noch im 17. und 18. Jahrhundert regelte das höfische Zeremoniell ganz selbstverständlich die standesgemäße Behandlung von Ehefrau und Geliebter. "Auch Herrscher, Staatenlenker und Staatsmänner sind Menschen aus Fleisch und Blut", schreibt Friedrich Weissensteiner in seinem Standardwerk "Liebe in fremden Betten" (Piper). Auch sie unterlägen den Zwängen der menschlichen Natur und seien "vor Instinkten und Trieben nicht gefeit, vor Begierden, Begehrlichkeiten, Lüsternheiten und fleischlichen Genüssen, die außereheliche Liebe mit eingeschlossen." Wenn es damit einmal Probleme gab, so wurden diese mit größtmöglicher Diskretion beseitigt. Am Hofe Ludwig XV., des Mätressenkönigs, regelte man solche Probleme anders.

Als es Königin Marie Antoinette gefiel, die Geliebte Ludwig XV. vor versammeltem Hofstaat mit Nichtachtung zu strafen, las Maria Theresia ihrer widerspenstigen Tochter die Leviten. Fortan lebten Herrscher, Gattin und Geliebte wieder in Eintracht miteinander und alle waren zufrieden. Französische Sitten?

Durchaus nicht. Ein Blick in die Alpenregion beweist, dass auch im deutschsprachigen Süden die Mätresse ebenso selbstverständlich zur Politik gehörte wie der Krieg und die Intrige. Dem Staatsmann Clemens Lothar Metternich sagt man – neben Arroganz und Rechthaberei – vor allem zwei Eigenschaften nach: pfauenhafte Eitelkeit und eine unbändige Lebenslust. In Mainz liebte er eine Französin, in Rastatt verschiedene Damen der Gesellschaft, in Dresden eine 19-jährige Gräfin, wegen ihres tiefen Dekolletees auch als "nackter Engel" bekannt. In Berlin teilte er den Diwan mit der Gattin eines russischen Militärattachés. An die eigene Gemahlin und Mutter seiner sieben Kinder schrieb er: "Ich werde niemals eine andere lieben." Und ganz nebenbei betrieb er die Neuordnung Europas, unterdrückte Künstler und Freigeister und lenkte den Wiener Kongress. Wer wollte ihm seinen Ruf als einer der einflussreichsten konservativen Politiker Europas absprechen – nur wegen seiner Mätressen?

Und in Bayern? "Bei uns gehören die Frauen sowieso dazu", sagte Franz Josef Strauß einmal kurz und bündig zum Thema Ehe. Wer das Mätressenwesen deshalb für "unbayerisch" hält, sollte das Buch "Bayerns Töchter" von Marita Panzer und Elisabeth Plößl zur Hand nehmen (Piper). Neben Wohltäterinnen, Regentinnen, Lehrerinnen und Künstlerinnen wird dort ausdrücklich der "unstandesgemäßen Ehefrauen" gedacht. Darunter so klangvolle Namen wie Philippine Welser, heimliche Ehefrau des Erzherzogs, oder die kaiserliche Geliebte Barbara Blomberg. Und kaum einer vergoldete seine Mätresse so mit Schätzen aus der Regierungsschatulle wie König Ludwig I. von Bayern. "Ich kann mich mit dem Vesuv vergleichen, der für erloschen galt, bis er plötzlich wieder ausbrach", schrieb der entflammte 61-Jährige über die Wirkung der Tänzerin Lola Montez: "Fiebrig heiß wallte ein Blut."

Doch schon damals reagierte die klerikal-konservative bayerische Gesellschaft wenig amüsiert. Herzog Ernst hatte im 15. Jahrhundert die Geliebte seines Sohnes in einem Sack und in der Donau ertränkt, die "bella Filippina" diffamierte man als "lose Brekin" (Hündin). Die königliche Mätresse Lola Montez wurde gar in anonymen Flugblättern "als Teufel ohne Hörner und Schweif" diffamiert. Es ist bekannt, wie viel Kalkül und Neid schon immer in solchen Moralpredigten mitschwang. Der Dichter Heinrich Heine hielt dagegen: "Zürne nicht ob Lola Montez/ selber habend nie gekonnt es." Diese Worte sollte sich in Erinnerung rufen, wer heutige bayerische Herrscher aufgrund ihrer vermeintlich gefährlichen Liebschaften diffamiert.

Seitdem Ehen nicht mehr aus politischen, sondern auch aus privater Neigung geschlossen werden dürfen, hat die Mätresse etwas an Bedeutung eingebüßt. Dass sie auch heute keineswegs abgeschafft ist, zeigt der Blick in bunte Blätter. Was Politiker betrifft, so hatte man sich einst darauf geeinigt, bei inoffiziellen Amouren die Privatsphäre zu wahren. Nur in Bayern hat sich dies offenbar noch nicht herumgesprochen. Den Moralpredigern sei daher ein Blick ins Wörterbuch der Sittengeschichte angeraten. Dort kann man lernen, dass ein Herrscher gewöhnlich nicht an seinen Verdiensten im Bett gemessen wird. Die Mätresse jedenfalls gehört seit Jahrhunderten zum politischen Leben wie der Wein zu Frankreich - und das Bier zu Bayern.

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