Das bedrohte Wort Moppel ade!
Es waren fette Jahre. Sorglos schlugen wir uns den Bauch mit schwergewichtigen Begriffen voll. Die Wuchtbrumme und das Moppel-Ich etwa waren sogar so populär, dass Bücher mit diesen Wörtern im Titel prompt zu Verkaufsschlagern wurden. Nun soll es den Super-Moppeln an die Kragen- beziehungsweise an die Bundweite gehen. Mit ihrem Aktionsplan "Fit statt Fett" will die Bundesregierung die bundesdeutschen Waagen entlasten. Bis zum Jahr 2020 sollen so bis zu 20 Prozent der Deutschen das Übergewicht loswerden, das angeblich jeder zweite Deutsche auf die Waage bringt. 37 Millionen Erwachsene und zwei Millionen Kinder seien derzeit von Fettleibigkeit und Übergewicht betroffen. Wird es bald keine Moppel mehr geben?
Das Wort ist nicht erst seit Rubens Zeiten bekannt. Sprachhistoriker führen es auf das niederdeutsche mopen (das Maul aufreißen) zurück. Doch die Folgen der neuen Körperpolitik für die deutsche Sprache wären noch die Geringsten. Schwerwiegendere Bedenken mag man gegen den Versuch der Politik hegen, den Volkskörper umzugestalten. Solche Versuche gab es schon öfter und an die meisten erinnern wir uns nur mit Grausen. Die "Trimm-Dich"-Bewegung der Siebzigerjahre, als Millionen Bundesbürger in schlabberigen Trainingsanzügen mit seitlichen Längsstreifen zum Dauerlauf (neudeutsch: running) antraten, waren noch eine vergleichsweise harmloses Massenbewegung.
Erinnert sei an den deutschen Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Volksertüchtigung durch Bewegung in freier Natur propagierte. Entgegen einem verbreiteten Irrglauben erfand er nicht den nach ihm benannten Kleingarten mit Laube, sondern ein zweifelhaftes Ertüchtigungskonzept. Seinen Ratschlägen zufolge sollte man Kinder aufziehen wie Bäume, damit sie rank und schlank würden. Berüchtigt sind die zu diesem Zwecke von Schreber ausgedachten Gestelle, an die man die Kinder festbinden sollte, damit sie gerade wüchsen. Schon damals ging es nur um "das Beste" für die lieben Kleinen, die an den Folgen der Industrialisierung litten.
Wenn Politiker die körperlichen Idealmaße ihrer Bürger festlegten, kam selten etwas Gutes dabei heraus. Zwar verdanken wir solchen Ideen die Existenz des etwas angestaubten Wortes Wandertag (den man an den meisten Schulen konsequenter auch in Video- bzw. Kinotag umbenennen sollte) und Foltergeräte wie Barren, Rhönrad oder Schwebebalken. Allein, all diese Ertüchtigungsmaßnahmen haben wenig gefruchtet. Die Deutschen sind nicht mehr flink wie die Windhunde, sondern zäh wie Weißbrot. Und auch der Schuldige ist bereits ausgemacht: Es ist die Süßwarenindustrie.
Übereifrige Politiker fordern deshalb bereits eine "Naschsteuer": Ungesunde, also fettige und süße Nahrungsmittel, sollen mit Abgaben belegt werden. Diese wohl absurdeste Forderung seit der russischen Bartsteuer dient natürlich ebenfalls dem vermeintlich guten Zweck.
Vergessen sind die Zeiten vergangener Schönheitsideale, in denen Leibesfülle noch als erotisch galt. Die dicken Engel in den Kirchenkuppeln können heute allenfalls als Mahnmale eines allzu paradiesischen Lebensstiles dienen und warnen vor dem süßen Sündenfall. Barocke Gemälde werden demnächst nur noch mit Hinweisschildern ausgestellt werden: "Die Betrachtung dieser Bilder kann ihre Körpermaße gefährden und zu akuter Gewichtszunahme führen." Keine Schokoladentafel mehr ohne die schon von Zigaretten bekannten Texte im schwarzen Trauerrahmen: "Wer Süßigkeiten verzehrt, gefährdet seine Bundweite und fügt dem ästhetischen Empfinden seiner Mitmenschen erheblichen Schaden zu." Und bei Gummibärchen und Kartoffelchips wird die Packungsbeilage warnen: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Änderungsschneider und ihren Fitness-Trainer."
Eines jedenfalls lässt sich voraussehen: Sollten all diese Maßnahmen Erfolg haben, dann werden wir im Jahr 2020 neue Maßnahmen benötigen: ein Aktionspaket gegen Magersucht und anstelle einer Rubenssteuer die Kate-Moss-Steuer auf alle "Light"- und "Low Fat"-Produkte. Bis dahin aber fügen wir uns dem aktuellen Schlankheitsterror, schwitzen auf Aschenbahn und Laufband und sagen etwas wehmütig: Moppel, ade! Die fetten Jahre sind vorbei.