Das bedrohte Wort: Schon die Leviten gelesen? - DER SPIEGEL
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Das bedrohte Wort Schon die Leviten gelesen?

Glaubt man den aktuellen Nachrichten, so könnte man meinen, sie seien das meist gelesene Buch unserer Zeit. Aber, mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt die Leviten in der Hand gehabt? Eine Abschweifung in die Wortgeschichte.
Von Bodo Mrozek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Preisfrage: Was haben der Kabarettist Django Asül, US-Vizepräsident Dick Cheney und der Boxer Wladimir Klitschko gemeinsam? Sie lasen sie in den vergangenen Tagen alle aus demselben Buch: einem Werk namens Leviten.

So jedenfalls geht es aus den Nachrichten hervor. Die "Financial Times" schrieb, der ehemalige Profi-Boxer habe die Boxgeschichte inzwischen so gut studiert, dass er manchem Sportjournalisten die Leviten lesen könne. US-Vize Cheney hingegen las laut "n-tv" dem pakistanischen Präsidenten Musharraf wegen dessen zögerlichem Einsatz gegen die Taliban ebenfalls die Leviten. Und einem Hamburger Nachrichtenmagazin zufolge attestierte der Humorist Django Asül mit Hilfe desselben Werkes beim politischen Aschermittwoch Horst Seehofer eine große Dehnfähigkeit: Der Agrarminister beherrsche einen Spagat nicht nur zwischen Berlin und München, sondern auch zwischen Privatleben und Familie.

Es scheint sich also bei den Leviten um ein Buch zu handeln, dass zu so ziemlich jeder Lebenslage passt, ganz besonders aber zu moralischen Ansprachen und Strafpredigten. Und dennoch wird man bei der Suche nach diesem Titel selbst in gut sortierten Bücherregalen nur selten fündig. Zwar findet man ähnlich seltsame Wörter wie Levkojen im Titel, aber Leviten?

Die Spur des Wortes führt zurück in alttestamentarische Zeiten. Denn bei den Leviten handelt es sich nicht zuerst um ein Buch, sondern um einen jüdischen Stamm. Der Geschichte nach gingen die Stämme aus den zwölf Söhnen Jakobs hervor. Benjamin, Ruben, Josef, Juda und die anderen Brüder erhielten von ihrem Vater Grund und Boden im verheißenen Land Kanaan – nur der Stamm Levi nicht. Seine Angehörigen wurden Priester und lebten von den Abgaben im Tempel.

Allein, sie waren keine frommen Leute. Der Geschichte nach meuchelten die Leviten die Männer einer ganzen Stadt. Darum verfluchte sie Jakob: "Meine Seele komme nicht in ihren Rat, und mein Herz sei nicht in ihrer Versammlung; denn in ihrem Zorn haben sie Männer gemordet, und in ihrem Mutwillen haben sie Stiere gelähmt. Verflucht sei ihr Zorn, dass er so heftig ist, und ihr Grimm, dass er so grausam ist." So wurden sie zerstreut.

Doch nicht diesem Bannfluch verdankt sich das Wort Leviten, das in besagter Redewendung bis heute überlebt hat. Es bezeichnet auch das 3. Buch Mose, das so genannte Levitikus. Darin sind auch die Bestimmungen für das Amt des Tempeldienstes in Jerusalem geregelt.

Auch im christlichen Mittelalter las man aus dem Buch gerne so genannte Strafpredigten. Schon im Jahr 760 las der Bischof von Metz den verwilderten Geistlichen aus dem Levitikus vor und knüpfte strenge Ermahnungen an diese Einleitung. Auch rezitierten fromme Büßer die strengen Gesetzestexte.

Heute wird das Buch eher gelesen, weil es viele praktisch als undurchführbar geltende Vorschriften für den Opferdienst beschreibt und auch andere Gedanken enthält, die mit dem modernen Leben nur schlecht vereinbar sind. Daneben finden sich jedoch auch nützliche Handlungsanweisungen für Hygiene, Speiseregelungen und Medizin. Und auch das neuerdings wieder umstrittene "Verbot geschlechtlicher Verirrungen". "Keiner unter euch soll sich irgendwelchen Blutsverwandten nahen, um mit ihnen geschlechtlichen Umgang zu haben."

Vielleicht sollte man die Leviten nicht Boxsportlern, Staatspräsidenten oder Agrarministern lesen. Sondern lieber Susan K. und Patrick S. aus Leipzig. Das sächsische Geschwisterpaar hat vier gemeinsame Kinder. Bruder Patrick musste bereits eine Strafe wegen Inzest verbüßen und strengt vor dem Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen das Inzest-Verbot an. Andererseits könnte er sich auf die Tradition der Geschwisterehe bei den Mexiteken oder den Ptolemäern berufen - aber das sind unaussprechliche Wörter, die am Ende nur zu Abschweifungen führen. Und das wäre nun wirklich das Letzte, was wir hier tun wollten.

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