Das echte Miami Vice: Mit Speedboot und Plastikbanane - DER SPIEGEL
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Das echte Miami Vice Mit Speedboot und Plastikbanane

Der neue US-Thriller "Miami Vice", ein düsteres Remake der TV-Kultserie, zeigt die Arbeit der Drogenfahnder in Miami als eine zwielichtige Welt aus Mord, Sex und Verrat. Die Realität, erzählen die ehemaligen Vorbilder der Serien-Cops, sieht anders aus.
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Manchmal trauert Mark Trouville den alten Tagen hinterher. "Jeder hatte eine Knarre. Es war wie im Wilden Westen. Die Kubaner und die Kolumbianer brachten sich gegenseitig um, und wir hockten mitten dazwischen." Er seufzt nostalgisch. "Ich war 21. Es war der beste Job meines Lebens."

Szene aus Michael Manns "Miami Vice": Düster-zwielichtige Welt

Szene aus Michael Manns "Miami Vice": Düster-zwielichtige Welt

Foto: UIP

Diese verflossenen Zeiten waren die achtziger Jahre, in denen Miami die Welthauptstadt des Kokainschmuggels war. Trouville kam damals als junger Undercover-Agent hierher, als "Rookie" (Rekrut) der US-Drogenpolizei DEA, frisch von der Trainingsakademie. Mit ihm kam seine Frau Mary Ellen, ebenfalls im Sold der DEA. Sie waren das heißeste Duo der Szene - und auf ihre Weise auch Vorbilder für die TV-Kultserie "Miami Vice" aus jenen Jahren.

Heute arbeiten sie, nach Zwischenstationen in Bolivien, Los Angeles und Neuengland, wieder in Miami. Doch ihr Dasein ist geruhsamer geworden. Mary Ellen Trouville ist heute DEA-Chefanalystin, Mark Trouville, 49, der "Special-Agent-in-Charge" - der oberste Drogen-Cop für Südflorida, des größten DEA-Bezirks. Ja, eine Waffe trägt er immer noch. Ansonsten aber arbeitet er am Schreibtisch, in einem namenlosen Bürohaus am Flughafen.

Die Wandlung der Trouvilles von "Rookies", die sich in haarige Situationen stürzten, zu Top-Innendienstlern ist bezeichnend. Auch Miamis Kokainszene hat sich verändert seit den achtziger Jahren - und mit ihr ihre Darstellung im Film. War die TV-Serie "Miami Vice" noch eine Orgie aus coolen Designeranzügen und Top-Ten-Hits, so zeichnet deren Hollywood-Remake, das jetzt in die deutschen Kinos kommt, eine düster-zwielichtige Welt aus Mord, Sex und Verrat.

"Miami ist sauber und ordentlich"

Die Realität sieht anders aus. Auch wenn die DEA dem Regisseur Michael Mann beispiellosen Insider-Zugang gewährte. Auch wenn die Stars Colin Farrell und Jamie Foxx mit echten DEA-Agenten trainierten. Auch wenn es all die technologischen Spielereien wirklich gibt: die Satelliten-Handys, die GPS-Systeme, die Nachtsicht-Hubschrauber, die Cessnas mit F-16-Kampfflieger-Radar, die elektronisch hochgerüsteten 1000-PS-Schnellboote.

"Miami ist ruhiger geworden", sagt Trouville, der seinen Besucher in einem aufgeräumten, mit Plaketten geschmückten Konferenzsaal empfängt - ein scharfer Kontrast zu dem grobkörnigen Schattenreich von "Miami Vice", anno 2006. "Miami ist sauber und ordentlich. Selbst die Drogengeschäfte sind ordentlich."

Sicher, fährt er fort, sei Miami immer noch die "Cocaine Capital". Aber auf andere Weise. "Die flotten Schlitten, der Protzschmuck, die Partys, die Kokain-Luftbrücken zu den Bahamas, die gibt es kaum mehr", sagt auch Zach Mann, Special Agent der US-Zollfahndung in Miami, die für das Abfangen der Drogen auf See und in der Luft zuständig ist. "Die Schmuggler sind diskreter, weniger flamboyant. Keine Ferraris, keine Porsches. Nur das Geld ist noch da."

Kurierflüge nach Opa-Locka

Früher - als sich Kubaner und Kolumbianer hier blutige Revierkämpfe lieferten und Trouville sich als Drogendealer ausgab, um Zwischenhändler zu schnappen - liefen noch 90 Prozent des Kokainschmuggels durch Miami. Die TV-Version von "Miami Vice" hüllte das in pastellfarbenen, trendsettenden Glamour; realistischer war da Brian De Palmas brutaler Koks-Streifen "Scarface" (1983) mit Al Pacino.

Die Kolumbianer vertrieben die Kubaner, und die DEA richtete ihre ganze Feuerkraft auf Miami. Ergebnis: Heute läut 90 Prozent des US-Kokainschmuggels nicht mehr durch Miami, sondern über die mexikanische Grenze. "Denen ist Miami zu teuer geworden", sagt Trouville selbstzufrieden. "Wir haben dafür gesorgt, dass sie hier 40 Prozent ihres Gewinns einbüßen."

Koordiniert wird das meiste aber weiter von Miami aus. So betrieb der kolumbianische Drogenboss Pablo Rayo Montano - der rund 70 Tonnen Kokain in die USA gebracht haben soll und der DEA im Mai in Brasilien ins Netz ging - seine Geschäfte unter anderem in einem stillen Vorort zwischen Miami und Fort Lauderdale. "Wir haben noch jede Menge 'bad guys'", sagt Trouville, der über 450 Agenten sowie ihm eigens abgeordnete Beamte des Miami-Dade Police Departments (MDPD) befehligt.

Auch sind noch einzelne Stadtteile in der Hand lokaler, unabhängiger Drogengangs - abseits der blau schimmernden Luxustürme von Downtown und South Beach, abseits der Terrakottavillen von Coral Gables. Mobile Einsatzteams von DEA und MDPD patrouillieren in berüchtigten Vierteln wie Opa-Locka, dessen kleiner Kommunalflughafen nicht selten als Ziel für Kokain-Kurierflüge aus Kolumbien dient.

Koks-Schmuggel per Hundewelpen

Die Zahlen bleiben beachtlich. Schließlich ist das Gesamtvolumen der Drogen trotz aller Maßnahmen explodiert. 14.442 Kilogramm Kokain stellten Trouvilles Fahnder dieses Jahr bisher sicher, aus Kolumbien, aber auch via Peru, Venezuela, die Dominikanische Republik und Haiti (ebenfalls ein Schauplatz im neuen "Miami Vice"). Das sind 2700 Kilo mehr als 2005 - und fast doppelt so viel wie 1986.

Filmreife Szenen wie in "Miami Vice", wo eine Ladung Kokain nachts von einem Frachter auf Speedboats bugsiert wird, sind authentisch, aber selten. "Solche dreisten Methoden sehen wir heute kaum noch", sagt Zoll-Agent Mann. "Trotzdem haben die noch tolle Tricks drauf."

Mann, ebenfalls ein Veteran des Drogenkriegs, kramt aus einem Regal in seinem Büro in der Nähe des Hochseehafens drei aufgeschnittene, grüne Mehlbananen hervor. Auf den zweiten Blick stellt sich heraus: Sie sind aus Plastik. "Mit Koks gefüllt und in einem Frachter mit echten Mehlbananen versteckt", sagt Mann.

Das Kokain kommt nicht nur in künstlichen Mehlbananen. Sondern auch in Kaffeesäcken, Schwarzbeeren, gepressten Cola-Büchsen, in Schiffsrümpfen eingeschweißt, in Öltanks, in Wasserfiltrierungssystemen, in Kloakentanks, in den Mägen reinrassiger Hundewelpen.

"Wunderschön und tödlich"

Ein wunder Punkt ist Miamis Hochseehafen, durch den im Jahr 250.000 Frachtcontainer laufen. Nur jeden sechsten können sie derzeit eigenhändig kontrollieren. "Zu mehr haben wir nicht genug Leute", sagt Zollfahnder Mann.

Am Ende, so räumt DEA-Kollege Trouville ein, sei der "War Against Drugs" ein Kampf gegen Windmühlenflügel. "Wir rücken denen auf die Pelle, und die lassen sich einfach was Neues einfallen. Wir vertreiben sie aus Miami, sie fassen in Texas Fuß." Das Einzige, was ihm persönlich da noch einfalle, sei Selbsthilfe beim potentiellen Endverbraucher: "Meinen Töchtern habe ich seit ihrem fünften Lebensjahr eingebläut, dass Drogen schlecht für sie sind."

Trotzdem ist Trouville froh, zurück in Miami zu sein. Die Stadt, in der alles anfing - und die "Miami Vice"-Regisseur Mann als "sexy und wunderschön und zugleich wirklich gefährlich und tödlich und tragisch" beschreibt. Oder, so Trouville: "Ich kenne keinen besseren Ort."