Revival des DDR-Chic: Mode Marke Eigenbau
DDR-Mode im Trend Ick bau mir 'nen Bikini
"Jeans sind die edelsten Hosen der Welt", sagt Edgar Wibeau. Dieser Satz sollte eine ganze Generation prägen. Indem Ulrich Plenzdorf seinen Helden, den jungen W., im Jahr 1972 demonstrativ Jeans tragen ließ, fachte er den Hype um die Nietenhosen aus dem Westen erst richtig an. "Jeans sind eine Einstellung", befand Wibeau in "Die neuen Leiden des jungen W." außerdem. Und so wurden die Levi's zum Sehnsuchtsstoff in der .
Martin Kupfer trägt keine Levi's, schließlich ist sein Vater ja auch ein hohes Tier im Ministerium für Staatssicherheit - Klamotten vom Klassenfeind sind da tabu. Jeans zieht Kupfer dennoch an, das ist eine Frage der Ehre, er ist ja das schwarze Schaf der Familie, also trägt er irgendein Modell von Wisent, Boxer oder Shanty, allesamt DDR-Marken.
Martin Kupfer ist eine der Hauptfiguren in der ARD-Mini-Serie "Weissensee", die am Dienstag startet. Es ist die erste Familienserie im Nachwendedeutschland, die in der DDR spielt; ein Sechsteiler, angesiedelt im Ost-Berlin von 1980, der mit einer erstaunlichen Akribie die Alltagswelt des Ostens nachzeichnet. "Ich wollte zeigen, wie es war und die Zeit nicht optisch denunzieren", sagt die verantwortliche Kostümbildnerin Monika Hinz, die für ihre Arbeit an ähnlichen historischen TV-Projekten preisgekrönt wurde: "Dass in der DDR alles grau in grau war, ist eines der größten Vorurteile".
Selber machen!
Über ein halbes Dutzend neuer Bücher versuchen derzeit das Vorurteil vom grauen Osten zu entkräften, Bände über DDR-Mode und Ost-Chic, allesamt erschienen in den vergangenen vier Monaten - ein Phänomen. Von einem Bildband mit Modefotografien aus der "Sibylle", herausgegeben von Dorothea Melis, der Frau des Ost-Berliner Fotografen Roger Melis, über "Pramo, Konsum, Exquisit", das die drei Bekleidungsketten der DDR und ihre Stile erklärt, bis hin zu dem oder einem Büchlein, das Anziehpuppen mit Ostmode zum Ausschneiden präsentiert.
Die plötzliche Präsenz von DDR-Mode allein mit einer Jubiläumsnostalgie 20 Jahre nach dem Mauerfall zu erklären, greift allerdings zu kurz. Das Interesse am Design aus dem Sozialismus mag auch daher rühren, dass diese Mode etwas repräsentiert, das derzeit hoch im Kurs steht: Authentizität.
Ob in Kunst oder Film, Produktdesign oder Grafik, überall feiert man die Wiederentdeckung des Realen, Unvermittelten, Handgemachten. So gründet sich eine Do-it-yourself-Zeitschrift nach der anderen, Etsy.com , ein Online-Kaufhaus für Selbstgemachtes, bastelt an einem deutschen Ableger, und ein Klassiker wie die Frauenmodezeitschrift "Brigitte" setzt unverblümt auf Normalos als Models - und erhebt diesen "Echtheitsfaktor" zur Marketingstrategie.
Eben jene Elemente waren charakteristisch für die Modewelt der Deutschen Demokratischen Republik. Vor allem die Fotografen der "Sibylle", der "Brigitte des Ostens", haben es geschafft, Inszenierungen uninszeniert, ja fast dokumentarisch aussehen zu lassen. Wer durch die Bücher blättert, entdeckt, wie viel Nonchalance in diesen Modestrecken steckt. Die Mannequins stehen rauchend vor einer Wäscheleine irgendwo im Hinterhof oder sitzen desinteressiert in einem Café und machen dabei nicht den Eindruck, ausgerechnet Mode zu präsentieren.
Frauen ohne Nähmaschine gab es nicht
Natürlich hatten die Modestrecken in "Sibylle", "Pramo" oder "Saison" nicht den Zweck, Werbung für Labels und Lust auf die nächste Shoppingtour zu machen. Die staatlich genehmigten Kollektionen waren schließlich am planwirtschaftlich Sinnvollen orientiert: Was nur dekorativ war, fiel dem Rotstift zum Opfer, Dederon-Kittelschürzen gab es dagegen zuhauf. Und wenn man auf der Suche nach einer angesagten Steghose in einen "Exquisit" ging, die Edel-Boutiquen des Landes, und es gab gerade nur festliche Lurexpullover - dann kaufte man eben einen festlichen Lurexpullover, sicherheitshalber.
Die Kleidung, die in den Zeitschriften zu sehen war, diente daher vor allem einem: Die Looks so zu präsentieren, dass man sie leicht nachschneidern konnte. Alle aktuellen Ost-Chic-Bildbände zeigen, dass die Mode in der DDR in der Regel Mode Marke Eigenbau war. Frauen ohne eine eigene Nähmaschine, so der Eindruck, gab es gar nicht. Bettwäsche oder alte Kittel wurden in Dirndl, Wickelblousons oder Bikinis verwandelt, eigenhändig gefärbt, zur Not mit Tinte.
Die neuesten Kollektionen schaute man sich aus eingeschmuggelten "Brigitte"- und "Burda"-Heften ab. Sogar die DDR-Moderedakteure setzten sich kurzerhand selbst an die Maschine, wenn für die nächste Heftproduktion mal wieder nur Ladenhüter aus der verhassten Kunststofffaser oder Modelle aus dem Vorjahr zur Verfügung standen. Kein Wunder also, dass sogar in der "Sibylle" regelmäßig Schnittmuster beilagen.
Modische Überlebenstaktik in der DDR
Damals waren die Unikate aus der Not geboren, heute stiftet der Trend des Selbermachens neue Identitäten. Die Strategie, sich mit Vintage-Stücken auszustatten, um sich dem Mode-Diktat zu entziehen, ist heute dem Drang zur Individualisierung geschuldet - in der DDR war es eine modische Überlebenstaktik.
So war es etwa im Jahrzehnt vor der Wende schwer angesagt, in Secondhand-Läden Kleidung aus den Vierzigern aufzutreiben. "Man kombinierte Pelzjäckchen mit Jeans", sagt Kostümbildnerin Monika Hinz. Sie kennt sich aus mit historischen Stoffen. Sie stattete unter anderem den ARD-Film "Jenseits der Mauer" (2009) aus, für ihre Arbeit bekam sie im vergangenen Jahr sogar den Deutschen Fernsehpreis. Und nun also "Weissensee". Gut 2000 Kostüme mussten her. Hinz organisierte Originale, anderes entwarf sie neu, nachdem sie wochenlang in Kostümbibliotheken gestöbert und mehrere "Sibylle"-Jahrgänge durchgeackert hatte.
Wie ähnlich sich die Kleidung in Kommunismus und Kapitalismus dann doch war, hat Monika Hinz am Filmset von "Weissensee" erlebt. Die Kostüme, die für die Szenen in Stasi-U-Haft gedacht waren, erregten am Set Aufsehen. "Alle waren felsenfest überzeugt, ich hätte mich vergriffen", erzählt Hinz. Zu Unrecht. Doch in der Tat: Die für Häftlinge übliche DDR-Trainingsjacke und ihr Gegenstück vom Klassenfeind Adidas sind kaum auseinanderzuhalten. Beide in grellem Plastikblau.
Thomas Kupfermann (Hrsg.): "Das große DDR Mode Buch. Geschichten und Bilder aus dem Modealltag", Eulenspiegel, 192 S., 19,95 Euro.
Nina Eggemann: "Ostmodern. Original DDR-Schick zum Ausschneiden und Anziehen", Nicolai, 48 S., 14,95 Euro.
Dorothea Melis (Hrsg.): "Sibylle. Modefotografien 1962-1994", Lehmstedt, 176 S., 24,90 Euro.
Ute Scheffler: "Chic im Osten. Mode in der DDR", Buchverlag für die Frau, 176 S., 15,90 Euro.
Regina Söffker: "Pramo, Konsum, Exquisit: Mode in der DDR", Wartberg, 63 S., 6,95 Euro.
Antje Veckenstedt, Rainer Küster: "Mode, Mondos, Miederhosen. Unsere Kindheit in der DDR", Wartberg, 79 S., 9,95 Euro.