Death Cab for Cutie in Hamburg Könige des Understatement
Flanellshirt und Hornbrille trägt er nur noch vor und nach der Show. Mit schwarzem Hemd, in die Anzughose gesteckt und bis oben zugeknöpft, sieht Ben Gibbard aus, als wäre er gerade auf dem Weg zur Arbeit in einer Werbeagentur. Der Mann ist neuerdings Rockstar, im Mai konnte seine Band mit dem Album "Narrow Stairs" ihren ersten Nummer-Eins-Hit in den USA feiern.
Grund genug für Gibbard, die früheren Markenzeichen Grunge-Hemd und schwarz umrandete Riesenbrille im Backstageraum zu lassen. Mit Millionen verkauften Platten und ausverkauften Konzerten weltweit sind Death Cab for Cutie derzeit so etwas wie die Indie-Rock-Konsensband der Stunde. Endlich wieder ein Megaseller aus einer Stadt, die musikalisch seit den neunziger Jahren stark an Bedeutung verloren hat.
"Were Death Cab for Cutie from Seattle, Washington." Das ist einer der wenigen Sätze, die der Herr mit den ausufernden Koteletten und der eindrucksvollen Telecaster-Gitarrensammlung zwischen den sauber gespielten Midtempo-Songs von sich gibt.
Bis an die Bartresen stehen die Zuschauer dicht gedrängt in der "Großen Freiheit 36" in Hamburg. Sie sehen eine Band, die ohne ausladende Lichtshow, ohne große Rockgesten auskommt, bei der jedes Feedback unter Kontrolle bleibt und Instrumental-Zwischenspiele nie so ausufern, dass es nach Protest und Anarchie klingt.
Die neuen Könige von Seattle sind Könige des Understatement. Als Anfang der neunziger Jahre Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und Konsorten die verregnete Stadt an der US-Westküste zum weltweiten Fixpunkt des Rock machten, versprachen ihre Konzerte eine zügellose, selbstzerstörerische Intensität, die jede Sekunde in kakophonisches Chaos umschlagen konnte.
Musikalisch verband diese die Hauptvertreter des Grunge viel weniger, als es Marketingstrategen der Major-Labels die Käufer glauben machen wollten. Die vielleicht stärkste Gemeinsamkeit außer langen Haaren und Second-Hand-Flanellhemden war die vom Punk inspirierte Unberechenbarkeit ihrer Live-Shows.
Sie trafen den Nerv einer desillusionierten MTV-Generation, die sich von der Oberflächlichkeit der Achtziger abgrenzen wollte. Das Grunge-Label SubPop wurde zum Gralshüter der Gegenkultur, bevor die großen Plattenfirmen auch diese Protestwelle in die Charts hievten.
Indie-Rock unter Palmen
Im Seattle von 2008 freut man sich bei SubPop, wenn die Label-Musterschüler The Shins wieder einmal mit einem Song in der Teenagerliebeskummer-unter-Palmen-Seifenoper "O.C., California" zu hören sind.
Dass melancholischer Indie-Rock und kalifornischer Strand-Lifestyle neuerdings zusammenpassen, kam auch Death Cab for Cutie entgegen. Die Serienfigur Seth Cohen hat ein Poster der Band an der Wand, "O.C."-Star Adam Brody soll auch im wahren Leben genau wie die Produzenten der Serie großer Death-Cab-Fan sein. Ein Gastauftritt bei "O.C." ist in den Staaten mittlerweile eine ähnliche Erfolgsgarantie wie hierzulande ein Gig bei "Wetten, dass ?" oder früher bei "Geld oder Liebe".
Für Death Cab brachte "O.C." den Durchbruch, plötzlich hatte das Quartett einen Major-Deal bei Warner und wurde für das glatt produzierte Album "Plans" für den Grammy nominiert. Der Über-Song der Platte war das todtraurige "I will follow you into the dark", von dem das Hamburger Publikum jede Zeile mitsingt: "Love of mine, someday you will die/ But Ill be close behind and Ill follow you into the dark".
Im blauen Bühnenlicht trägt der gelernte Ingenieur Gibbard seine Poesie mit zerbrechlicher Stimme allein zur Fingerpicking-Akustikgitarre vor. Gänsehaut-Gefühlswallung ohne Kitsch, Melancholie ohne Pathos, das beherrscht derzeit kaum eine Band so gut wie Death Cab for Cutie.
Verschroben, kauzig, introvertiert
Wäre dies ein Coldplay-Konzert, würde Gibbard jetzt auf ein Meer von Feuerzeugen blicken, doch hier sind es nur ein paar Handy-Kameras, die den Zuschauerraum erhellen. Überhaupt, das C-Wort: Häufig bemühten Kritiker in den vergangenen Jahren den Vergleich zu Coldplay, schließlich haben die es geschafft, sich von der melancholischen Indie-Raupe zum Stadionrock-Schmetterling zu verwandeln.
Dennoch dürften Gibbard und seine Mitstreiter kaum an die Spitze des Pop-Olymp gelangen: Trotz kleiner modischer Anpassungen sind sie dazu immer noch zu kauzig, zu introvertiert - der Indie-Purist sieht es mit Wohlwollen.
So blickt Gitarrist und Produzent Chris Walla unter seiner tief ins Gesicht gezogenen grauen Baseball-Kappe gefühlte zwei Mal während des gesamten Konzertes ins Publikum. Zu verschroben und frei von Pop-Refrains sind Songs wie "Summer Skin" oder "Grapevine Fires". Die Chorknaben-Tenorstimme des Sängers, die an Doug Martsch von Built to Spill erinnert, offenbart gerade live wenig dynamische Bandbreite und geht dadurch manchmal mitsamt den hochintelligenten Textzeilen im satten Bandsound unter.
Optisch und musikalisch hervorragend harmoniert die Vollbart- und Rhythmus-Fraktion aus Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr. Beide halten sich im hinteren Bereich der Bühne zurück, wobei letzterer selbst bei komplexen Rhythmen einen Gesichtsausdruck hat, als würde er gerade eine Busfahrkarte am Automaten ziehen. Death Cab for Cutie sind eine Ausnahmeerscheinung im Musikgeschäft, weil sie es ohne Rockstar-Allüren und Showeffekte nach ganz oben geschafft haben.
Nach 70 Minuten Spielzeit lässt Gibbard Gitarre und Mikro fallen. Fast sanft, ganz beiläufig gleitet die Telecaster über die linke Schulter zu Boden. Und auch wenn das himmelweit entfernt ist von Kurt Cobains Instrumentzertrümmerungsexzessen in der Hochzeit des Grunge, blitzt einen Moment lang ein Hauch der anarchischen Seattle-Unberechenbarkeit früherer Tage auf. Im zweiten Zugabenblock reißt auch noch Chris Walla mittels Mikrofonkabel unabsichtlich seinen Keyboardständer um. Na also, geht doch: So ganz routiniert und vorhersehbar sind die Bühnenshows von Death Cab for Cutie doch noch nicht.