"Dellings Woche" im WDR: Boulevard mit Handbremse - DER SPIEGEL
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"Dellings Woche" im WDR Boulevard mit Handbremse

"Stern TV" für Arme? Schön wär's! In seiner Premiere als Plasberg-Nachfolger präsentierte Gerhard Delling im WDR einen kruden Mix aus Schicksalsstorys, kuriosen Erfindungen und Bürgerhilfe-TV. Ein gleichwertiger "Hart, aber fair"-Ersatz war das noch nicht.
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Immer weiter dreht sich das Personalkarussell der ARD: Weil Sabine Christiansens Sonntags-Podium nicht RTL-Star Günther Jauch, sondern Anne Will übernahm, bekam Caren Miosga deren "Tagesthemen"-Job und Dieter Moor wird am nächsten Sonntag zum "Titel, Thesen, Temperamente"-Mann. Und weil der Will-Wechsel im hauseigenen Intendantenstadl nur bei gleichzeitiger Beförderung des ambitionierten Talkshow-Dompteurs Frank Plasberg durchsetzbar war, wurde auch dessen "Hart, aber fair"-Sendeplatz im WDR frei.

Diese Nische bespielt seit gestern Abend Gerhard Delling, 48. Der ehemalige NDR-Sportchef ist vor allem bekannt als Grimme-Preis-gekrönter Günter-Netzer-Partner bei Fußball-Nationalelf-Analysen, hat sich als Jahresrückblicksmoderator, "Tagesthemen"-Urlaubsvertretung und Präsentator des NDR-Medienmagazins "Zapp!" aber auch den Ruf eines Allrounders erworben. "Dellings Woche" heißt das von ihm mitentwickelte Format aus Einspielfilmen und Talk-Elementen. War es angesichts eher kryptischer Themeneingrenzungen ("es geht nicht nur um die Kurznachrichten der Woche, sondern vor allem um die Menschen dahinter") vor der gestrigen Premiere (21 Uhr, WDR) schwer, eine Erwartungshaltung zu formulieren, so bleibt im Nachhinein festzuhalten: Wer mit einem eher diffusen Boulevard-Mix gerechnet hatte, lag richtig.

Zunächst empfing Delling vor kleinem Studio-Publikum einen Justizvollzugsbeamten, dessen Frau von einem vorzeitig aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter ermordet wurde und der zuvor in seinem Beruf als "Schließer" jahrelang mit dem Täter zu tun hatte. Das knapp 15-minütige Gespräch mit dem leidgeprüften Vater zweier Kinder sowie einem Kripo-Kommissar sollte laut Vorab-Information der Redaktion um die Frage kreisen, was man im Strafrecht verbessern könne, um so etwas zu verhindern – und verlief erstaunlich nüchtern und reflektiert.

Befürchtungen, die tragische Konstellation werde in pauschale Forderungen nach Wegschließung psychisch kranker Delinquenten münden, erwiesen sich als unberechtigt – stattdessen wurde Schwierigkeit und Restrisiko bei der Einschätzung von Therapieerfolgen problematisiert. Etwas ratlos ließ der Fall den Zuschauer gleichwohl zurück: Zu kurz war die Zeit und zu routiniert die Gesprächsführung, um wirklich in die Tiefe gehen zu können, Patentrezepte gab es dankenswerterweise auch nicht – was also nun?

Harmlos-humorige Liga

Nun begrüßte Delling den Sprecher eines Erfinderclubs in der Eifel, der ein Wundpflaster ohne chemische Zusätze in die Sendung mitbrachte und die Freuden des Forschens pries. Als er auch noch ein innovatives "Harninkontinenzband" für Frauen hervorholte, entfuhr Delling: "Das macht den Abend nicht gerade schöner". Gleichwohl verknüpfen die Programmplaner mit der launigen Regional-Rubrik große Pläne: Aus ihr soll ein Zuschauer-Wettbewerb um die "Erfindung des Jahres" entstehen, der in Reihenform dokumentiert wird und dessen Sieger eine internationale Patentanmeldung gewinnt.

In ähnlich harmlos-humoriger Liga spielte der Beitrag um das handylose "Dorf der Ahnungslosen": In einer Neubausiedlung in Bandorf bei Bonn gibt es weder DSL-Anschluss noch Handy-Empfang. Über das Kuriosum einer fortschrittsfernen Enklave mitten an einem modernen Industriestandort diskutierten nach kurzem Filmbeitrag ein betroffener Anwohner und ein Telekom-Sprecher. Hier will Delling offensichtlich eine alltagsnahe Helfer- und Problemlöser-Ecke im Stil der NDR-Sendung "Kühn & Kollegen" etablieren.

Zum Höhepunkt der Sendung avancierte da ein Vorbereitungs-Patzer des ansonsten hinlänglich souveränen Moderators: Im Gespräch mit der Rechtsanwältin Gülsen Celebi, die vorwiegend muslimische Mandantinnen vertritt, die Zwangsehen entfliehen wollen, fragte Delling beflissen-verständnisvoll, ob das Engagement seines Gasts damit zu tun habe, "dass Sie auch in der Türkei geboren sind und dass Sie diesem Dilemma entkommen sind?" – "Nee, ich bin in Düsseldorf geboren, ich bin echte Düsseldorferin", entgegnete Celebi trocken und entlarvte so die namensbedingten Vorurteile des Moderators. Trefflicher hätte sich ihr Anliegen, für mehr gegenseitiges Interesse in einer multikulturellen Gesellschaft zu werben, wohl nicht transportieren lassen.

Der "Hart, aber fair"-Sendeplatz hat mit der gegenwärtigen Lösung also deutlich an Relevanz verloren. Zum einen liegt das sicher daran, dass Delling ohnehin nur mit angezogener Handbremse an den Start gehen durfte, um keine Konkurrenz zu Plasberg aufzubauen – der plauderte im Anschluss in der ARD über das Dauerbrenner-Thema Tempolimit. Nicht umsonst wurden die bisher 90 Plasberg-Minuten in zwei 45-Minuten-Formate aufgesplittet, deren erstes jetzt Bernd Stelter mit einem volkstümlichen NRW-Quiz bestreitet. Zum anderen liegt es am kruden Themen-Mix.

Soll "Dellings Woche" nicht Gefahr laufen, dauerhaft als "Stern TV‘ für Arme" verspottet zu werden, wie im Vorfeld geschehen, und soll der Moderator – wie im Erfolgsfall angedacht – 2008 wirklich eine 90-Minuten-Chance bekommen, muss an der Ausrichtung seiner Show noch kräftig gefeilt werden.

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