Demonstrationskultur: Die "Bootschaft" des kreativen Protests - DER SPIEGEL
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Demonstrationskultur Die "Bootschaft" des kreativen Protests

Die friedliche Demonstration der Umweltschützer beim Bonner Klimagipfel schreibt sogar Museumsgeschichte: Ein überdimensionales "Rettungsboot für den Klimavertrag" aus über 2000 bemalten Holzplanken wandert zum Teil in das Deutsche Historische Museum.
Von Holger Kulick
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Bonn - Jetzt erinnern nur noch Nägel in den Pflasterritzen an die größte Attraktion des Klimagipfels. Elf Tage ankerte der bunte Holzkahn vis-a-vis des Bonner Hotels Maritim. 3000 Umweltschützer aus aller Welt hatten ihn am 21. Juli auf dem Bonner Marktplatz gezimmert und zum Uno-Klimagipfel gezogen.

"Hört die Bootschaft!", "Boycott US-Products!" oder "The world needs trees, not Bushes!" stand auf Transparenten in der Kreativ-Karawane, zu der allerdings weniger Teilnehmer als erwartet kamen. Denn der friedliche Umzug fand zeitgleich mit der Love Parade in Berlin statt und während der Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel in Genua.

Minister vorübergehend eingesperrt

Dennoch sperrte die Polizei ängstlich die damals anwesenden Umweltminister in ihrem Tagungshotel ein, bis klar war, dass sich kein Schwarzer Block unter den zumeist jungen Leuten befand, sondern ausschließlich pfiffige Wortgewalttäter. Denn das angeschleppte Boot hatten sie unter Anleitung des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) aus 2000 bemalten Holzbrettchen gebaut, die mit Sprüchen versehen waren wie "Freiheit ist auch die Freiheit zum Atmen", "Bush, die geistige Senke", "Toxic Texan", "Apokalypse never!",oder "Global warning" statt global warming, dem Fachbegriff für die Erderwärmung.

Zuschüsse für ihre Aktion flossen sogar aus dem deutschen Umweltministerium, wie Minister Trittin am Rande spitz bemerkte. Veranstalter der Bootschaft war die amerikanische Umweltorganisation Friends of the Earth gemeinsam mit dem deutschen Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), deren Vorsitzende, Angelika Zahrnt, die kreativen Proteste von Bonn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als die eigentliche Love Parade definierte: "Wer hierher nach Bonn kam, war wirklich mit dem Herzen dabei, weil es den Teilnehmern darum ging, sich wirklich für diesen Planeten zu engagieren und Natur und Klima zu schützen". Und dies sei "eine positive Form von Love Parade".

"Kyoto ultralight"

Herausgekommen ist für BUND-Chefin Zahrnt zwar nur ein "Kyoto ultralight" bei den Verhandlungen, aber dennoch sei ein Anfang gemacht, um in weiteren Stufen strengere Bestimmungen zu erreichen. Allein schon dafür habe sich der vielfältige öffentliche Druck gelohnt. Der müsse aber auch fortgesetzt werden, damit nun "die großzügigen Schlupflöcher" im Vertrag geschlossen würden. Das Bekenntnis der Bundesregierung "zu einer Reduktion der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020", wäre für die Umweltaktivistin "jetzt das richtige Signal".

Viel Kunst in Bonn, doch nur das Boot zog

Während des Klimagipfels gab es zwar mehrere kreative Aktionen in Bonn, die jedoch kaum von den abgeschirmt tagenden 2000 Delegierten kaum wahrgenommen wurden. Greenpeace beauftragte den Heidelberger Plakatkünstler Klaus Staeck, ein Gipfelplakat zu entwerfen, und der Berliner Politkünstler Kurt Jotter versenkte bei einer Performance mit Tauchern George W. Bush im Rhein, bis der Pappfigur das Wasser bis zum Hals stand. Jedoch nur das Holzboot hatten alle im Blick. Selbst die US-Delegation ließ sich davor fotografieren, und die Schweizer Diplomaten brachten sogar eine zusätzlich Planke an, um darauf ihre "Hope for Success" auszudrücken.

Andere Diplomaten wurden sogar beobachtet, wie sie sich heimlich Planken als Souvenir abmontierten, nur Tagungspräsident Jan Pronk bekam vom BUND ganz offiziell eine zum Abschied geschenkt, die ihn auch künftig an "Kyoto in Bonn!" erinnern soll. Er stellte das Schild am letzten Tagungstag demonstrativ vor sich.

Zeigte Bonn die erfolgreichere Demokultur als Genua?

Auf diese Weise verlief der Protest friedlich in Bonn. Anders als in Genua. "Doch Vorsicht", mahnt Angelika Zahrnt vor voreiligen Vergleichen. "Auch in Genua war der überwiegende Teil der Demonstranten friedlich." Auch auf Weltwirtschaftsgipfeln gebe es eine lange Tradition von kreativen Demonstrationen und Gegengipfeln: "Wir waren stets dabei, und es gab ähnlich einfallsreiche Aktionen. Jetzt wird nur alles desavouiert, weil die Gewalt so eskalierte." Das hätte auch daran gelegen, dass in Genua Globalisierung nur noch ein Reizwort war und auf dem Uno-Gipfel in Bonn nicht.

"Globalisierung ist nicht per se negativ", sagt die BUND-Vorsitzende, man müsse darin "auch eine Chance sehen". Das, was in Bonn stattfand, sei in gewisser Weise positiver "globaler Protest" gewesen, zu dem Umweltgruppen aus der ganzen Welt zusammenkamen: "Dies war ein Beispiel für die Globalisierung der Umweltschützer, die den Wirtschaftsinteressen nicht die Dominanz auf solchen Gipfeln überlassen wollen", urteilt die BUND-Chefin. Und dies sei ein Unterschied zu Genua: "In Bonn gab es keine Aufrufe, pauschal gegen etwas zu demonstrieren, sondern nur für etwas: den Durchbruch auf dem Klimagipfel." Alle einte ein Ziel - zum Minimalerfolg zu kommen, auch um sich von den umweltblinden USA zu emanzipieren.

Eine Arche für Schafe

Was aber geschieht jetzt mit dem Rettungsboot nach seinem geglückten Einsatz? Sowohl Abgesandte des Deutschen Historischen Museums in Berlin als auch des Hauses für Geschichte in Bonn wählten sich gestern einige Planken für künftige Ausstellungsinstallationen aus - von "SOS Kyoto" bis "Reduce Bush by 100%".

Den Rest bauten neben Souvenirjägern 15 Kinder und Jugendliche ab, um mit den Brettern zukünftig eine Bonner Jugendfarm zu schmücken. Unter anderem, so der BUND, sollen die Planken Schafstallungen verkleiden, um "weiterhin als Bo(o)tschaften erhalten zu bleiben und an die Notwenigkeit von Klimaschutz zu erinnern". Als tierisch erfolgreiche Demo-Kultur.