Denkmäler Copyright-Streit um Jesus von Rio
Rio de Janeiro - Millionen Besucher fahren alljährlich mit der Zahnradbahn auf den Hausberg von Rio de Janeiro, wo die berühmte Christusstatue über der Stadt wacht. Sie genießen den Blick, viele von ihnen kaufen ein paar Postkarten, T-Shirts oder Schlüsselanhänger mit dem Bild der Statue. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass hinter den Kulissen ein Streit um das Monument schwelt. Denn die Erben des polnisch-französischen Bildhauers Paul Landowski erheben Anspruch auf die Rechte an der Statue von Christus, dem Erlöser.
Geld machen mit Jesus
Die Nachfahren des Künstlers glauben, dass ihnen Tantiemen seines Werks zustehen - eine Meinung, die auf Kritik und Unglauben stößt. Dass die Erben Landowskis in Frankreich jemals Geld sehen werden, hält man weithin für unwahrscheinlich. Einige Experten befürchten dennoch, dass eine Klage der Erben nach langem Rechtsstreit möglicherweise tausende Kleinunternehmer betreffen könnte. "Das Problem ist ernster, als es scheint", sagt Bemvindo Sequeira vom Staatlichen Rat für Copyright-Schutz in Rio. "Das ist ein Stich ins Wespennest. Wohin führt das? Wer bezahlt Leonardo da Vincis Erben für die Nachbildungen der Mona Lisa, die im Louvre verkauft werden?" Ein Rechtsstreit könne sich über Jahrzehnte erstrecken, sagt er.
Anwälte der Familie, die sich vom brasilianischen Recht bestätigt fühlt, sind bislang noch nicht vor Gericht gezogen. Allerdings haben sie erste Schritte eingeleitet, um Ansprüche der Erben geltend zu machen. "Wir haben Benachrichtigungen an einige Firmen geschickt", erklärt Anwältin Maria Luiza Arreta Egea. Zum Inhalt der Schreiben macht sie jedoch bisher keine näheren Angaben.
Geklärt werden müsste auch, wie eventuelle Rechte geteilt würden: Landowski formte und fertigte den Geschichtsbüchern zufolge Kopf und Hände der Figur. Das Design hingegen entwarf der brasilianische Ingenieur Heitor da Silva. Die Zusammenarbeit verschiedener Künstler könnte die Rechtslage noch komplizierter machen. Den Souvenirhändlern, die von der Vermarktung des berühmten Bauwerks leben, ist die Sachlage allerdings bereits klar. "Glauben Sie wirklich, die Erben würden jemals etwas bekommen?" fragt Davi Costa, der in seinem kleinen Laden in der Station der Bergbahn Fotos der Statue verkauft. "Das ist doch ein nationales Denkmal, ein Welterbe."
Riesen-Werk, große Geschichte
Auch die katholische Kirche, der das Grundstück gehört, ist skeptisch. "Der Gipfel, wo die letzte Stufe endet, gehört laut Bundeserlass der Kirche", erklärt Adionel Carlos da Cunha, der Sprecher der Erzdiözese Rio. Doch Regina Bitencourt von der brasilianischen Vereinigung für Urheberrechte sagt, ihre Organisation habe keinerlei Unterlagen gefunden, die Besitzrechte an der Statue beweisen. "Und wenn es keine Dokumente gibt, die beweisen, dass Landowski seine Rechte aufgab, dann sollte das Recht der Erben Vorrang haben."
Sollte sich daraus tatsächlich ein Rechtsstreit entwickeln, würde damit die schärfste Kontroverse seit der Einweihung des Denkmals am 12. Oktober 1931 losgetreten. Die 38 Meter hohe Statue, die mehr als 1000 Tonnen wiegt, wurde zwischen 1926 und 1931 erbaut. Zunächst waren der Zuckerhut oder andere Aussichtspunkte der Stadt als Standort der Statue im Gespräch, schließlich entschieden sich die Verantwortlichen aber für den 710 Meter hohen Corcovado, an dessen Hängen dichter grüner Wald wächst. Landowski fertigte die Einzelteile in Frankreich und ließ sie nach Brasilien bringen, wo sie von einer Zahnradbahn zur Spitze des Corcovado (portugiesisch für "der Bucklige") transportiert wurde.
Eingeweiht wurde das legendäre Monument mit einer Panne: Eigentlich hatte der italienische Ingenieur Guglielmo Marconi ein Funksignal von Neapel über England nach Rio senden sollen, um die die Beleuchtung der Statue in Gang zu setzen. Schlechtes Wetter machte den Planern jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die Beliebtheit des Christus konnte dies letztlich aber keinen Abbruch tun: Über die Jahre wurde das Kunstwerk zu einem Symbol für Rio wie der Eiffelturm für Paris oder die Freiheitsstatue für New York. Und es war Vorbild für fast 200 weitere, ähnliche Monumente in ganz Brasilien.
In Zukunft müssen die Besucher der weltberühmten Zugleich ist die Christusstatue eine Quelle der Inspiration für Karikaturisten: Nach dem Sieg der Brasilianer bei der Fußballweltmeisterschaft 2002 in Japan zeigten Zeitungen einen lachenden Erlöser. Und manchmal weint er in Karikaturen angesichts der allgegenwärtigen Gewalt in den Armenvierteln der Stadt.
Besucher wie Einheimische lieben die Statue. Und deshalb glaubt Kirchensprecher Da Cunha auch nicht, dass 40 Jahre nach dem Tod des Bildhauers Tantiemen an dessen Familie fließen werden. "Ich versichere Ihnen, dass jede Änderung der Situation einen öffentlichen Aufstand hervorrufen würde", sagt er.
Harold Olmos, AP