DER SPIEGEL Tattoos stärken das Ego
Ein Tattoo hält ewig. Auch wenn esfalsch buchstabiert ist. Lee Williams, ein Student ausDetroit, der sich "Schurke" (englisch "villain") auf denrechten Arm tätowieren lassen wollte, weiß das nur zu gut.Weil weder er selbst noch der Tattoo-Künstler das Wortrichtig buchstabieren konnten, prangte am Ende "villian"auf der Akademiker-Haut. Williams wurde zum Gespött derUni. Nach einer gescheiterten Tattoo-Entfernung verklagteder Student den alphabetisch minderbemittelten Tätowiererauf 25.000 Dollar Schadensersatz. Da hat es David Beckham schon besser. Dass dieHindi-Schriftzeichen auf seinem Arm nicht den Namen seinerGattin, des Spice Girls Victoria, zeigen, sondern als"Vihctoria" gelesen werden müssen, erkennt auf Anhieb nur,wer die indische Amtssprache beherrscht. Und obwohl auchBeckham verspottet wird, befindet er sich mit seinem Tattooin guter Gesellschaft: Schauspielerinnen wie AngelinaJolie, Melanie Griffith und Franka Potente, Musiker wieLiam Gallagher, Madonna, Mel C. und Sabrina Setlur,Sportler wie Christian Ziege, Sergeij Garbusow, NilsSchumann oder Stefan Kretzschmar bemalte Haut, wohin manschaut.Gut zwei Millionen Deutsche, vom Schüler bis zurStaatsanwältin, haben inzwischen ihren Körper zur Kunstzonedeklariert. Gab es vor zwei Jahrzehnten bloß eine einzigeTattoo-Fachzeitschrift in Deutschland, so sind es heute einhalbes Dutzend. In nahezu jeder Kleinstadt gehen heuteprofessionelle Stichler zu Werke und in Großstädtenwächst die Konkurrenz. Was einst als Proll-Stempel galt,wird mittlerweile in kostbaren Fotografiebänden als Kunstauf der Haut zelebriert. Das Tattoo hat es vomgesellschaftlichen Stigma zum Statusträger gebracht.Sicher: Das dezente Tattoo-Band um die Fessel, die zarterblühende Rose am Oberarm sind schon seit einigen Jahrenen vogue. Doch erst jetzt führen Stars und Sportidole stolzihre oft flächendeckende Ornamentik vor; erst jetzt giltdie Tätowierung nicht mehr als gewagt, sondern alsAbzeichen einer neuen Trend-Elite."Grundsätzlich", sagt der Kulturhistoriker StephanOettermann, "ist eine wesentliche Funktion der Tätowierung die Grenzziehung, die Trennungzwischen In-Group und Out-Group" (siehe Interview Seite232). Wer sich im Fitness-Center unter der Dusche umschaut,weiß: Die Grenze verläuft zwischen den verziertenDazugehörern und den Normalos mit blanker Haut. Dass die In-Group jung, schön und sportlich gerade aufsTätowieren verfallen ist, kann in einer Zeit desallgemeinen Körperkults nicht verwundern. Narzisstisch wirdder eigene Body getont, gestählt, bewundert und zur Schaugestellt. Warum ihn dann nicht auch dekorieren das Tattooals Teil der Ganzkörper-Performance?Wenn die Individualität im genormten Alltag nur noch schwerzu fassen ist, wenn in der virtualisierten Welt dasunmittelbare Erleben des Ichs verloren geht, scheint eslogisch, sich verstärkt über Körperlichkeit zu definieren:eine Trotzreaktion, ein Rückzug auf das, was mit Händen zugreifen ist.Nicht zufällig sind gerade exotische Ornamente, so genannteTribal Tattoos, besonders gefragt: Sie drücken eineungestillte Sehnsucht nach fremden, scheinbar wilden,authentischen (und erotisch konnotierten) Kulturen aus, diesich vom westlichen Alltag deutlich abheben.Tätowierungen haben eine "Authentisierungsfunktion", sagtdie Münchner Germanistin Ulrike Landfester, die an einemBuch über Tätowierungen arbeitet, "sie schaffen Identität jeder formt seinen Körper, wie er es will". Zur "Diva" erklärt sich auf diese Weise die schwedischeSchwimmerin Therese Alshammar, die sich das Wort in denRücken stechen ließ. Die Selbstvergewisserung strebt auchder Handballer Stefan Kretzschmar an: "Wenn ich vormSpiegel stehe", erklärte er just der Zeitschrift "Stern","will ich auf die einschneidenden Erlebnisse meines Lebensblicken."Die Komplexität des Seins wird so auf den Leib reduziert."Ich habe einen Körper, also bin ich", sei die Devisegerade junger Menschen, sagt der Hamburger TrendforscherFrancis Müller, "der Körper nimmt die Form der Seele an."Und so ewig wie die Seele sind eben auch die Tattoos einweiterer wichtiger Aspekt ihrer Attraktivität. In einerextrem kurzlebigen Zeit setzen Tätowierungen ein sichtbaresZeichen der Dauerhaftigkeit: Wer sich so markiert, meint esernst und setzt sich gegen die Wisch-und-weg-Attitüdeeiner Gesellschaft zur Wehr, in der morgen nicht mehr gilt,was heute angesagt ist. "Jobs, Leasing, Beziehungen: Allesist auf Zeit angelegt", sagt Müller, "da entsteht starkeSehnsucht nach etwas Bleibendem und wenn es nur einTattoo ist."Doch wenn alle ihr Individualisierungsheil in derTätowierung suchen, schlägt die Wirkung unweigerlich um:Die Nonkonformisten schaffen paradoxerweise einen neuenKonformismus. Wenn alle tätowiert sind, ist keiner mehrbesonders. Bei den Olympischen Spielen im September schienes schon so, als schmückten die deutschen Sportler mehrTätowierungen als Medaillen.Viele der "Sydney 2000"-Beschriftungen waren allerdingsKlebe-Tattoos Ersatz für alle, die schick sein wollen, denen aber die Trautefehlt. Echte Fans würden sich dafür nicht hergeben zumTätowieren gehört der Schmerz: Etwa 500 Nadelstiche proSekunde sorgen für eine intensive Körper- undIch-Erfahrung. Die Schmerzen, sagt der Hamburger TätowiererValco, machen manche Kunden süchtig: "Es stärkt das Egoenorm, wenn man sich überwunden und die Zähnezusammengebissen hat."Diesen Härtetest suchen inzwischen auch immer mehr Frauen,und die sind nach Valcos Erfahrung weniger zimperlich alsMänner. In seinem Fotoalbum hat er eine Mittvierzigerinverewigt, deren gesamter Rücken vom Bild einer Tigerin mitzwei Jungen bedeckt ist. Das Leben der Frau habe sich "mitder Tätowierung geändert", sagt Valco, aus einer "kleinenBüro-Maus" sei "eine wahnsinnig starke Frau" geworden.Aber nicht alle tragen ihr Tattoo glücklich bis ans Endeihrer Tage. Daran sollten vor allem diejenigen denken, diesich im Rausch der Verliebtheit den Namen des Partners indie Haut gravieren lassen. Die Sitte führten japanischeEdel-Kurtisanen Ende des 17. Jahrhunderts ein, dieStammkunden auf den Innenseiten ihrer Arme verewigten. Dieneue Sehnsucht nach der Idylle zu zweit macht dastätowierte Treuepfand als Zeichen für langfristigenBindungswillen moderner denn je.Doch die Realität menschlicher Paarungsgewohnheiten siehtanders aus: Auch wer schon lange nicht mehr liebt, bleibt(vorbehaltlich einer teuren und nicht immer effektivenLaserbehandlung) fürs Leben gezeichnet. Der SchauspielerJohnny Depp hat sicher nicht daran gedacht, dass erdereinst in den Betten von Kate Moss und Vanessa Paradisliegen könnte, als er sich "Winona forever" (für WinonaRyder) stechen ließ.Die "Baywatch"-Sirene Pamela Anderson wünschte sich nureinen besonders verlustsicheren Treueschmuck, als sie sichzur Hochzeit den Vornamen ihres Gatten, "Tommy", um denRingfinger tätowieren ließ. Stéphanie von Monaco verstanderst nicht, warum Vater Rainier entsetzt war, als sie undDaniel Ducruet Verlobungsblumen am Handgelenk blühenließen. Vielleicht hätten die Damen und Herren besser inechten Schmuck investiert: Auch Diamanten haltenschließlich ewig. ANJA HAEGELE