"Der Turm" im Theater: Tanz auf dem Vulkan - DER SPIEGEL
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"Der Turm" im Theater: Tanz auf dem Vulkan

Foto: Matthias Horn

"Der Turm" im Theater Tanz auf dem Vulkan

Als Roman war Uwe Tellkamps Familiengeschichte aus dem Dresden vor der Wende ein Bestseller. Jetzt kommt der 1000-Seiten-Wälzer auf die Bühne: als Porträt einer bürgerlichen Elite zwischen Lebenslust und Depression.
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Der Roman war ein Ereignis. Endlich, der langerwartete Wenderoman. Ein Meisterwerk. Die literarische Rekonstruktion eines verschwundenen Staates. Sensationell. Die "Buddenbrooks" des ausgehenden 21. Jahrhunderts.

Uwe Tellkamps

Die Kritiker überschlugen sich, als 2008 knapp 1000 Seiten starkes Werk "Der Turm" über das Leben in der DDR zwischen 1982 und 1989 erschien. Nachdem der Roman auch den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte, entwickelte er sich rasend schnell zum Bestseller, und das Villenviertel in Dresden, das Schauplatz der Handlung ist, wurde zur Touristenattraktion mit speziellen "Turm"-Führungen. Die ersten Merchandising-Produkte ließen nicht lange auf sich warten.

Klar, dass sich an diesen Erfolg jetzt auch das Theater dranhängt. Denkt man zuerst, wenn man in der Saisonvorschau des Staatsschauspiels Dresden liest, dass am 24.9. die Bühnenfassung von "Der Turm" ihre Uraufführung erlebt.

Fast größenwahnsinnig anmutendes Projekt

Aber die Theatermacher hinter diesem fast größenwahnsinnig anmutenden Projekt versichern glaubhaft, dass es ihnen nicht einfach um die gewinnbringende Bebilderung eines Bestsellers geht. Seit fast zwei Jahren arbeiten sie an der Textfassung und der Umsetzung.

Armin Petras

Der Dresdner Dramaturg Jens Groß ist einer der Autoren der Stückfassung; er hat schon mehrere Romane für die Bühne umgesetzt. Beim "Turm" allerdings hatte er Bedenken, ob er als "Westler" immer die richtigen Entscheidungen treffen würde. Sein Co-Autor wurde deshalb der Autor, Regisseur und Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters , der die nötige "Ost-Relevanz" beisteuern konnte. Uwe Tellkamp selbst hat an der Dramenfassung seines Romans nicht mitarbeiten wollen, aber dem Staatsschauspiel "Carte blanche" gegeben. Mit dem Ergebnis sei er sehr zufrieden gewesen, berichtet Groß.

Auch der Regisseur, der den "Turm" nun auf die Bühne wuchtet, weiß, wie es in der DDR zuging: Wolfgang Engel, 67, nach der Wiedervereinigung Intendant in Leipzig, feierte seine größten Erfolge im Dresden der Vorwendezeit.

1000-Seiten-Wälzer auf gut drei Stunden Spielzeit gebracht

Zusammen haben die drei den Wälzer auf gut drei Stunden Spielzeit gebracht. "Natürlich geht das nicht ohne Verluste", sagt Groß. Geblieben sind die Kernhandlung und ihre Figuren. Im Mittelpunkt steht die Familie des Arztes Richard Hoffmann, die sich in der DDR eingerichtet hat zwischen staatskonformer Angepasstheit und rückwärts gewandtem Bildungsbürgertum. "Natürlich war das nicht repräsentativ für die DDR, aber gerade dieser sehr spezifische Blick auf das Land ist interessant", sagt Groß.

"Wir haben versucht, die wesentlichen Stationen des Romans aufzufangen, aber haben nicht immer auf die Chronologie wertgelegt." Die Theaterfassung sei eher eine "alptraumhafte Verdichtung", erklärt der Dramaturg. "Das Wichtigste war uns, dass wir die Atmosphäre des Romans zu fassen kriegen: dieses Gefühl von Eingesperrtsein, von Unfreiheit, Überwachung einerseits, und andererseits diese unglaubliche Lebenslust, diese vielen Feste, die gefeiert werden." Das sei natürlich "eine interessante dramatische Konstellation".

Wer den Roman liest, hat Schwierigkeiten, sich dieses üppige Geschehen in all seinen detailreichen Schilderungen auf der Bühne vorzustellen; man denkt eher an einen Kostümfilm (tatsächlich hat die Produktionsfirma teamworx längst die Rechte erworben). Auch hier waren theaterspezifische Übersetzungen gefragt: Der Bühnenbildner Olaf Altmann hat für den "Turm" einen Turm mit neun Balkonen gebaut. "Das bildet die Situation ab, dass es in der DDR im Grunde keinen Privatraum gab", sagt Groß, "gleichzeitig ist der Turm auch wie eine Insel, die man nur ganz schwer verlassen kann".

Die Grundsituation auf der Bühne sei ein großes Fest, "man kann sich vorstellen, dass es in einer der prächtigen Dresdner Bürgervillen stattfindet." Es sei ein "Tanz auf dem Vulkan"; im selben Gebäude seien bei Altmann auch die Mächtigen untergebracht, die Parteifunktionäre, Schriftsteller und Wirtschaftswissenschaftler.

Der Dramaturg Groß liest den "Turm" unter einem ganz bestimmten Blickwinkel: "Für mich steht im Mittelpunkt die Betrachtung des Bildungsbürgertums, das im Arbeiter- und Bauernstaat ja eigentlich gar nicht vorgesehen war", sagt er. "Man hat dieses Bürgertum schon 1918 totgesagt, aber es existiert noch immer, im Westen wie im Osten." Es habe aus dem Geist der Aufklärung heraus immer wesentlichen Einfluss auf die Gesellschaft gehabt - "und zwei Diktaturen überlebt, oft durch Opportunismus." So weist "Der Turm" weit über die Vorwendezeit in Dresden hinaus.

Diese "Gesellschaftsrelevanz" hat für das Team des Dresdner Staatsschauspiels den Anstoß gegeben, den "Turm" auf die Bühne zu bringen. Groß ist sich bewusst, dass es "eine subjektive Sichtweise" auf das Werk ist. Ob sie sich mit denen der Leser deckt, bleibt ein Risiko. Aber wer weiß, ob die knapp 600.000 Menschen, die den "Turm" laut Suhrkamp Verlag inzwischen gekauft haben, das Buch auch alle gelesen haben.

Wem die Interpretation nicht gefällt, der kann sich ab 20. November in Wiesbaden eine ganz andere Version ansehen. Oder auf den Film warten. Und schon mal darüber spekulieren, welche Rolle Veronica Ferres wohl darin spielen wird.


Der Turm. Uraufführung am 24.9. im Schauspielhaus Dresden . Auch am 30.9. sowie 13., 27. und 30.10.,Tel. 0351/491 35 55.