Design Meister des Marshmellow-Sofas
George Nelson war ein Wunderkind. Kaum 16 Jahre alt, begann er ein Architekturstudium an der Universität Yale, das er mit ausgedehnten Studien zur Kunst anreicherte, bevor er, gerade fertig, den Architekturpreis der Stadt Rom zugesprochen bekam. In den dreißiger und vierziger Jahren machte er sich als Herausgeber der Zeitschrift Architectural Forum rasch einen Namen und gewann als designkritischer Autor international großes Gewicht mit seinen Beiträgen zu Fragen der Gestaltung und deren gesellschaftlicher Dimension.
Um ein Haar hätte er das Angebot abgelehnt, nach dem Toddes Designers Gilbert Rhode 1944 dessen Posten als Kreativdirektor bei Hermann Miller Furniture Company in Zeeland, Michigan, anzunehmen, die zu diesem Zeitpunkt etwas ermüdet war: Die amerikanische Designgeschichte wäre möglicherweise ganz anders verlaufen.
Fraglich, ob ihn wirklich die zwanzig Dollar überzeugen konnten, die der Firmengründer ihm für jede angenommene Entwurfszeichnung zahlen wollte. Nachdem Nelson jedoch 1945 das sensationelle Konzept einer Regalwand, der "Storagewall", veröffentlicht hatte, sollte er für Hermann Miller eine komplette Möbellinie entwerfen.
Nelson brachte sein halbes New Yorker Büro mit und wuchtete in 18 Monaten eine achtzigteilige Serie aus frei kombinierbaren Schrankmodulen, Sitzmöbeln und Betten in die Ausstellungsräume. Entscheidend für den besonderen Klang der Firma Hermann Miller, deren Stücke heute als Ikonen durch ausnahmslos alle Design-Auktionen gereicht werden, sollte allerdings eine Entscheidung Nelsons werden: Er wies seine Firma an, die Produktpalette um Entwürfe des jungen Designers Charles Eames (und später dessen Ehefrau
Ray) zu ergänzen.
Nelson beschäftigte in den zwei Jahrzehnten, in denen er bei Hermann Miller wirkte, immer eine riesige Schar von Designern, die nach seinen Vorgaben eigenständig Möbel und Lampen entwarfen. Der Diaghilew des Designs, wie ihn einer seiner Kollegen in Anspielung auf den Begründer der berühmten Pariser Ballets Russes einmal nannte, fand sich mit seinen Büro- und Schranksystemen wie dem Action Office (1964) bald in den Büros Amerikas wieder und lancierte mit Entwürfen wie der Wanduhr Atomic Ball Clock (1947), dem Coconut Chair (1955) oder dem Sofa Marshmellow (1956) Arbeiten, die sich bei Sammlern zu heute unverzichtbaren Ikonen des amerikanischen Midcentury-Designs entwickeln sollten.
Aus den Design-Museen ist er nicht wegzudenken, auch im Kunstmarkt ist Nelson (1908 - 1986) bestens plaziert. Dem im Handel allgemein stark anziehenden Trend zum Design der fünfziger und sechziger Jahre entsprechend steigen seine Preise, wenn auch die Entwicklung noch nicht zu solchen Überhitzungen geführt hat wie etwa zuletzt der Ansturm auf die Regalobjekte einer Charlotte Perriand, die sich im sechsstelligen Bereich bewegen.
Für den europäischen Markt wurden Nelson-Stücke ab 1957/58 bei Vitra produziert und vertrieben, Klassiker wie das Marshmellow-Sofa oder der Coconut-Chair sind dort seit Ende der achtziger Jahre als Re-Editionen im Programm. Und viele seiner weniger bekannten Stücke, schöne Frisierkommoden, Lounge Chairs, Sofas und unzählige Wanduhren aus den fünfziger, aber auch Schreibtische aus den sechziger Jahren sind im Kunsthandel für vertretbare Summen zwischen 500 und 2000 Dollar zu haben.
Am beliebtesten sind jedoch die kanonischen Objekte. Allen vornewe das von Nelson und Irving Harper entworfene Marshmellow. Von 1956 bis 1965 hergestellt, mit einem Rahmen aus lackiertem Stahlrohr, gepolstert mit runden Latexkissen mit Schaumstoffpolsterung und Vinylbezug auf Stahlscheiben. Wie bei seinen Uhrentwürfen, ist auch die Form dieses Sitzmöbels in ihre Einzelteile zerlegt. Die kühne Farbkombination hebt die Wirkung der Komponenten hervor und nimmt die Farbregie und Formensprache späterer Entwürfe des Pop-Designs vorweg.
Exklusiver sind die unifarbenen Varianten. Bei Christie's New York wurde am 27. November 1999 ein Marshmellow für 12.650 Dollar (geschätzt auf 10.000 bis 15.000 Dollar) und am 6. Juni 2001 eines für 12.925 Dollar verkauft. Etwas teurer wurde es bei Wright in Chicago, einem Haus, das mit besonders vielen Nelson-Stücken präsent ist. Am 8. Dezember 2002 brachte dort ein Exemplar 18.000 Dollar (15.000 bis 18.000 Dollar). Das in blau gehaltene Exemplar aus der immerhin durch eine Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art geadelten Sammlung von Michael und Gabrielle Boyd stieg am 14. September 2003 auf 26.000 Dollar (30.000 bis 40.000 Dollar).
Daß der Wagemut der Sammler jedoch möglicherweise Grenzen kennt, hat sich auf der Dezember-Auktion 2005 von Phillips de Pury in New York gezeigt. Das auf satte 80.000 bis 120.000 Dollar geschätzte Marshmellow-Sofa von 1959, das bis etwa 1965 im Patio Club des King Edward Hotels in Jackson, Mississippi, gestanden hatte, sehr elegant mit den originalen, weißledernen Kissenbezügen, fand keinen Abnehmer. Bleibt abzuwarten, was das für März 2006 bei Wright angekündigte, noch nicht geschätzte Exemplar einbringen wird.
Besonders schön ist auch der sogenannte Home office desk, ein Schreibtisch, den Nelson schon 1946 für Hermann Miller entworfen hat und der nur in kleiner Serie gefertigt worden ist. Die mit Leder bezogene Tischplatte ruht auf einem Stahlrohrgestell, ein Korb aus perforiertem Aluminium dient als herausziehbares Ordnerfach. Ein Teil der Platte läßt sich ausklappen und erweist sich als Unterlage für eine aufmontierte Schreibmaschine, die nach Bedarf im Stauraum verschwindet.
Mit seinem auf dünnen Stahlrohrsäulen schwebenden Schrankelement, hinter dessen beiden Schiebetüren sich eine kleine Schublade und Ablagefächer verbergen, gibt sich das Möbel die Anmutung eines filigranen Sekretärs. Das Dorotheum in Wien sprach von einer "Inkunabel des modernen effizienten Schreibtisches" und verkaufte am 15. November 2005 sein Exemplar für 15.000 Euro (10.000 bis 13.000 Euro).
Eine besonders schöne Sonderanfertigung mit roten Lederbezügen, mit der Wright am 18. Mai 2003 hatte aufwarten können, war einem Käufer 20.000 Dollar (12.000 bis 17.000 Dollar) wert, während für eine Variante bei Christie's New York (www.christies.com) am 27. November 1999 der Hammer sogar erst bei überragenden 31.050 Dollar (5000 bis 7000 Dollar) fiel.
Wer den berühmten Coconut Chair mit seiner an das Stück einer aufgeschnittenen Kokosnuß erinnernden Sitzschale haben möchte (1955-78 produziert), mußte bei Wright am 14. September 2003 7000 Dollar (5000 bis 7000 Dollar) und an selber Stelle am 25. September 2005 3600 Dollar (4000 bis 5000 Dollar) investieren.
Sensationelle 24.000 Dollar (20.000 bis 30.000 Dollar) spielte ebenfalls am 25. September 2005 bei Wright eine seltene Nelson-Wanduhr aus dem Jahr 1957 ein, während in der selben Offerte ein grau gepolsterter Kangaroo Lounge Chair von 1956 4500 Dollar (4000 bis 5000 Dollar) kostete. Einiges über dem Schätzpreis von 2000 bis 3000 Dollar lag bei Phillips de Pury am 10. Juni 2004 ein Exemplar der um 1950 erschienenen Ball Clock mit 4560 Dollar.
Meist teurer sind die mit Walnuß- und Rosenholz-Furnieren versehenen schmalen Thin-Edge-Kommoden, mit oder ohne Aluminium-Untergestell. Bei Sotheby's etwa brachte eine Variante mit neun Schubladen von 1955 am 9. Dezember 2005 9600 Dollar (12.000 bis 18.000 Dollar). Wirkliche Ausreißer nach oben gibt es bei Nelson-Objekten somit selten, die Erlöse haben sich in den letzten Jahren um die Schätzpreise eingependelt, wenn auch das Niveau insgesamt zu steigen scheint. Spekulanten kommen hier kaum auf ihre Kosten, für vergleichsweise moderate Summen teilen vor allem die amerikanischen Sammler den Markt unter sich.
Jan Brandt