Designer Marios Schwab Wohnort des Körpers
Auf dem Weg zu Marios Schwab begegnen einem ein strenger Pressesprecher, eine Ratte und der Gedanke, dass hier eine Karriere beginnt. Als der Modemacher im September bei der Fashion Week in London seine Frühjahrskollektion für das nächste Jahr zeigte, war die Begeisterung groß: "Ein bemerkenswertes Talent", schrieb die Londoner "Times". "Er hat die Mode entscheidend vorangebracht", stand in der "International Herald Tribune".
Über den Laufsteg waren Models marschiert in femininen Kleidern, meist aus flatterndem Seidenjersey, manche dieser Kleider waren mit Perlenschnüren drapiert, viele mit harmonischen, aber irritierenden Mustern bedruckt, einige davon an Bauch oder Brust aufgeschlitzt, die Ränder dieser Schnitte so aufgerollt, dass ein anders gemusterter Stoff darunter sichtbar wurde. Es war eine Kollektion, aus der man als Frau gern zwei, drei Kleider besitzen würde, von der man aber auch auf Anhieb begriff, dass sich der Designer etwas dabei gedacht hatte, mehr, als in der Mode gemeinhin sichtbar wird.
Anruf bei Schwabs Agenten. Nein, an ein Interview sei da erst mal gar nicht zu denken. Schwab, 30, der vergangenes Jahr zum "Best New Designer" gekürt wurde, sei in der Schweiz (wo er den "Swiss Textiles Award" erhielt) und überhaupt enorm beschäftigt.
Sehr viel Hartnäckigkeit und einige Tage später dann doch ein Termin. Das Treffen solle in seinem Londoner Atelier stattfinden, in Dalston. Dalston liegt im Osten Londons, dort wo nur noch Busse fahren, keine U-Bahnen mehr.
Während der Fashion Week war es der Stadtteil, in dem die angesagtesten Schauen stattfanden. Endlich wieder. Denn nachdem mit Alexander McQueen der letzte große britische Designer vor sechs Jahren nach Paris abgewandert war, galt London in der Welt der Mode für ein paar Jahre als totes Pflaster.
Doch plötzlich kursieren wieder Namen: Gareth Pugh, Christopher Kane und eben Marios Schwab. Auf dem Hof der genannten Atelieradresse verschwindet eine Ratte zwischen blauen Müllsäcken, sonst: heruntergekommene Gebäude, verschlossene Gitter. Ein Telefonat später steht eine junge, blonde Assistentin im Hof, es geht drei steile, baufällige Treppen hoch, vorbei an einer repräsentativen Ansammlung von Sperrmüll. Der Gedanke: "Hier also arbeitet einer der vielversprechendsten Designer von heute, erstaunlich." Vermutlich ein spießiger Gedanke.
Und dann begrüßt einen ein schmaler, jungenhafter Mann. "Lassen Sie uns nebenan ins Café gehen", sagt Schwab. Er schlägt das auf Deutsch vor. Sein Vater ist Österreicher, seine Mutter Griechin. Als er 15 war, zog er von Athen nach Salzburg, um dort eine Modeschule zu besuchen. Für den Einfluss auf seine Arbeit waren diese Jahre entscheidend, sie haben sein Frauenbild geprägt. Er verbesserte während dieser Zeit auch sein Deutsch, das er in Athen auf der deutschen Schule gelernt hatte; danach lebte er noch vier Jahre in Berlin, bevor er nach London zog.
Im Café zieht Schwab einen Notizzettel hervor. Das Konzept seiner Frühjahrskollektion. Als er Anfang des Jahres von einem bekannten Label aufgefordert wurde, eine Handtasche zu entwerfen, hat er sich Gedanken gemacht über den Markt der Massenprodukte. Dass da etwas Einheitliches zigtausendfach hergestellt wird, was dann Zigtausenden sehr verschiedenen Käuferinnen gefallen soll.
Eigentlich ein Widerspruch, sagt er. Damit dieser aufgeht, wird die Individualität der Kundinnen geschliffen, bis sie alle etwas Einheitliches begehren. Das bedienen die Modezeitschriften, wenn sie eine Handtasche hochjubeln, die jeder haben muss, die sogenannte It-bag; oder Prominente, wenn sie einen Look propagieren, den dann alle nachmachen, so wie Röhrenjeans und Ballerinas, die Kate Moss vor einem Jahr trug, mit dem Erfolg, dass sich im vergangenen Sommer alle möglichen Frauen in die engen Hosen quetschten. Ein anderer Weg - und den hat Schwab zu beschreiten versucht - wäre es, Kleider zu entwerfen, die sich verändern durch ihre Trägerinnen.
Manche Stücke aus seiner Frühjahrskollektion haben innen eine aufwendige Konstruktion aus Gummibändern, die der natürlichen Muskulatur nachempfunden ist und den weiten, fließenden Stoff ganz individuell dem Körper der Frau entsprechend zusammenrafft.
Schwab hat das Anatomiebuch "De humani corporis fabrica" aus dem 16. Jahrhundert studiert und sich inspirieren lassen von der Struktur der Muskelstränge, dem Aufbau des Skeletts. Alexander McQueen ging ähnlich vor, als er im vergangenen Jahr Sneakers entwarf, deren Sohle einem Fußabdruck glich. Aber, und diesen Satz sagt Schwab im Laufe des Gesprächs mindestens dreimal, und er sagt ihn auf Englisch, da klingt er schöner: "Never try too hard."
Die Perlenschnüre über seinen Kleidern nehmen die Verläufe größerer Adern auf, die Drucke der Stoffe sind stark vergrößerte Blutzellen oder Muskelfasern. Und dann sind da noch die Seidenjerseys in Hellblau und Weiß, die sich unter dem Einfluss von Körperwärme rosa und lila verfärben. Im Internet hatte Schwab nach Herstellern von Hightech-Stoffen gesucht, weil sich seiner Meinung nach auch zeitgemäße Technologie in der Mode spiegeln sollte.
Der Zauber seiner Kleider allerdings liegt darin, dass man von solchen Gedanken zwar etwas ahnt, vor allem aber angetan ist von deren femininer und moderner Anmutung. Wie gesagt: Never try too hard. Auch nicht, wenn es darum geht, die Mode aus dem Retrokarussell zu befreien.
Ein wenig unfreundlich wird der freundliche Marios Schwab, wenn man sagt, seine Entwürfe würden an Azzedine Alaïa erinnern, der schon in den Achtzigern Frauen in enganliegende Kurvenkleider verpackte, so wie sie auch in Schwabs aktueller Winterkollektion zu entdecken sind. Er nimmt einen Schluck von seinem Milchkaffee, bevor er erzählt, wie gern er Architekt geworden wäre, nur war er zu schlecht in Mathematik. Er beneidet die Architekten um die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich an der Zukunft orientieren, während die Mode so oft an der Vergangenheit klebt. Er mag die Neunziger, es war das Jahrzehnt, in dem er erwachsen wurde, aber nein, Alaïa hatte er sicher nicht im Kopf.
Viel eher den Film "Le Mépris", in dem Godard den Körper von Brigitte Bardot wie eine hügelige Landschaft filmte. Formen und Räume interessieren ihn sehr. "Was ist ein Kleid anderes als ein Wohnort des Körpers?", fragt er. Nur, dass ein Haus meist eine kleine Ewigkeit stehen bleibt, während ein Kleid spätestens nach einer Saison weg ist, manchmal schon nach einem ersten Auftritt.
Und hier liegt das Problem von Schwabs Philosophie. Kleider, die so aufwendig produziert und gearbeitet sind wie die Kreationen seiner Frühjahrskollektion, könnten nicht unter 1200 Euro im Laden verkauft werden, sagt er. Ein Preis, bei dem die meisten Frauen müde abwinken. Genau jene klugen, eigenständigen Frauen, die Schwab als Kundinnen im Auge hat, weil sie Mode eben nicht als Statussymbol betrachten, sondern als Ausdruck ihrer Persönlichkeit. An dieser Stelle kommt noch mal seine Zeit an der Salzburger Modeschule ins Spiel. Die vier Jahre dort als einziger junger Mann unter lauter jungen Frauen, das brave und biedere Frauenbild an dieser Schule, in den Köpfen seiner Mitschülerinnen, überhaupt in Salzburg, hätten ihn zu einem Feministen gemacht, sagt Schwab.
Und natürlich träume er davon, irgendwann ein so erfolgreiches Label aufgebaut zu haben, das es ihm ermöglicht, eine Zweitlinie zu entwerfen, die seinen eigenen Ansprüchen genügt und doch erschwinglich ist. Bis vor kurzem war es allerdings noch so, dass seine ersten Kollektionen komplett schwarz waren, nicht nur, weil er Schwarz so mag, sondern weil er sich noch keine farbigen Stoffe leisten konnte. Hundert Meter Rot hätte er niemals verarbeiten können, 90 Meter wegschmeißen kam nicht in Frage.
Doch spätestens seit seiner Schau im September lassen nun die Prominenten bei ihm anrufen, zögerlich gibt er ein paar Namen preis, Kate Moss, Kylie Minogue, Cate Blanchett. Würde er Victoria Beckham ein Kleid geben? Sein Kollege Christopher Kane hat das gerade verweigert. "Wenn sie in New York in einen Laden geht und den vollen Preis bezahlt, von mir aus", sagt er. Und dann erzählt er lachend, dass Demi Moore ein Kleid von ihm umsonst haben wollte. "Ich meine: Demi Moore! Warum sollte ich Demi Moore ein Kleid schenken? Ich bin ein junger Designer, der ziemlich genau rechnen muss. Sie vermutlich nicht so sehr."
Mittlerweile steht er in der Einfahrt vor seinem Studio, versunken in einen grauen Mantel und tritt mit einem schwarzen Stoffturnschuh seine Zigarette aus. Am Abend hat er einen Termin beim Topshop. Schwab entwirft schon seit einiger Zeit eine Linie für diese Londoner Alternative zu Hennes & Mauritz. Nicht, weil er ein guter Mensch ist, sondern vor allem, weil er von diesen Lizenzgeschäften lebt. Und auch weil sie ihm hin und wieder einen jener Glücksmomente bescheren, wegen derer er Mode macht: "Dass mir auf der Straße eine ganz normale Frau in einem meiner Kleider entgegenkommt."