Deutsche Comedy in England: Der Witz-Blitz - DER SPIEGEL
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Deutsche Comedy in England Der Witz-Blitz

Deutsche Komiker gelten als Witzfiguren. Vor allem in England. Doch die beiden Comedians Henning Wehn und Otto Kuhnle begeistern das verwöhnte Londoner Publikum: mit krassen Nazi-Gags - und Mut zur nationalen Selbstdemontage.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne Hitler wäre Schluss mit lustig. "Ich verdiene meinen Lebensunterhalt, indem ich Witze über Fußball und den Holocaust reiße. Denn das wollt ihr Briten ja von mir. Und als anständiger Deutscher habe ich gelernt zu gehorchen", sagt Henning Wehn. Vermutlich ist es sein populärster Gag an diesem Abend im Ealing's Theatre im Westen Londons.

Ganz sicher aber ist es sein pointiertester.


Henning Wehn und Otto Kuhnle, oder Herr Wehn und Herr Kuhnle, wie sie einander vor Publikum anreden, sind gekommen, um den Briten eine Lektion in deutschem Humor zu erteilen. Rund 200 Gäste sind ihrer Einladung zur Londoner Premiere von "1000 Years of German Humour" gefolgt, dem neuen Comedy-Programm des Duos.

Seit rund drei Jahren spielen sie einzelne Shows auf kleineren britischen Bühnen. Wehn hatte sich schon zuvor mit einem Soloprogramm einen Namen gemacht, ist sogar Dauergast in einer populären Radioshow. Doch im Mai 2009 soll die erste richtige Tournee starten. "London ist jetzt ungemein wichtig", wird Kuhnle deswegen nach dem Auftritt sagen. "Hier ballt sich die Szene."

Deutsche Stand-up-Comedy? Lachhaft!

Dass ausgerechnet zwei deutsche Comedians in Großbritannien den Erfolg suchen, dürfte vielen Briten absurd erscheinen. Ein wenig ist das so, als würde das in Elfmeterschießen notorisch unterlegene britische Fußballnationalteam ausgerechnet den darin so erfolgreichen deutschen Kickern Nachhilfe geben wollen.

Denn von Comedy - so lautet ein besonders von Briten gepflegtes Klischee - verstehen die Deutschen nichts. Wer das hiesige Humorangebot betrachtet, könnte, selbst ohne Hang zur nationalen Selbstgeißelung, auf die Idee kommen: Stimmt ja auch. Schale Geschlechtergags von und mit Barth oder Arschgeweih-Anekdötchen à la Atze Schröder sind kein Mundwinkelzucken wert. Das politische Kabarett ist an moralinsaurer Muffigkeit erstickt, und Harald Schmidt geht's ja auch nicht mehr so gut.

Die Briten hingegen halten sich für Humorweltmeister, nicht ganz zu Unrecht. Stand-up-Comedy erfreut sich in Großbritannien einer so langen wie lebendigen Tradition, in jedem zweiten Dorfpub lädt der landlord regelmäßig local talents vor das Mikro. Und TV-Formate wie "Little Britain", diese anarchische Inspektion der britischen Gesellschaft, die schmerzhaft realistische Bürosatire "The Office" oder der bizarre Sketch-Serien-Klassiker "Monty Phython's Flying Circus" gehören fraglos zum Witzigsten, was je im Fernsehen zu sehen war.

Wer also als deutscher Comedian nach London kommt, der hat zwei Probleme: einen denkbar miesen Ruf und ein Publikum, das schon so ziemlich alles gesehen hat. Für Herrn Wehn und Herrn Kuhnle heißt das: Härter geht's nicht.

Doch Wehn und Kuhnle beweisen: Es geht auch einfach. Und zwar so: Wehn erwähnt beiläufig die englische Stadt Coventry, steigert sich dann in eine Tirade hinein, wie hässlich diese Stadt doch sei mit ihren Betonburgen. Der Saal kichert verunsichert, jeder hier weiß natürlich: Die deutsche Luftwaffe hatte im Zweiten Weltkrieg mit Massenbombardements den historischen Kern der Stadt zerstört.

Wehn kostet diese Spannung aus. Dann sagt er mit einem aufgesetzten, kruppstahlharten deutschen Akzent: "Ich will ja nicht angeben, aber wir haben Coventry platt gemacht." Für deutsche Ohren mag das geschmack- oder gar sinnlos klingen, doch das Londoner Publikum gewinnt er damit: Die Leute im Saal grölen, sie lieben diesen Deutschen, der einen Witzkrieg mit dem Blitzkrieg anzettelt.

Klischees, Klamauk, Kunst

Peter Ustinov sagte einmal, Comedy sei "einfach ein lustiger Weg, ernst zu sein". In gewisser Hinsicht ist das deutsche Duo sehr ernst. Denn Wehn und Kuhnle halten ihrem Publikum gnadenlos jene Vorurteile vor, denen viele Deutsche in Großbritannien noch immer begegnen.

Noch 2007 stellte der Londoner SPIEGEL-Korrespondent Thomas Hüetlin bekümmert fest: Als prototypischer Deutscher gilt "der gnadenlos effiziente, aber humorlose Ingenieur". So ein Image ist nicht fern vom Klischee-Nazi - und der hat bekanntlich einen Stammplatz im britischen Boulevard.

Auf die Opferrolle allein verlassen sich die beiden jedoch nicht, sondern zahlen Chauvinismus mit gleicher Münze heim. Mitten im Programm wechseln sie ins Deutsche. Das Publikum kichert. Sicher, einige Landsleute sind an diesem Abend hier, die meisten Anwesenden aber verstehen kein Wort, werden unruhig, die vereinzelten Lacher wirken erst höflich, dann hilflos.

Ganze fünf Minuten parlieren die beiden in ihrer Muttersprache. Erst nachdem Wehn einen Kameramann, der die Show aufzeichnet und ständig hinter dem Duo herschleicht, als Stasi-Büttel beschimpft hat, wechselt er zurück ins Englische und sagt: "Übrigens: Wir haben gerade getan, was ihr macht, wenn ihr im Ausland seid. Ihr redet ja auch immer nur in eurer Sprache. Wir haben allerdings auf das Brüllen verzichtet. Probiert das mal!"

"Lustiger als Hitler"

Während Wehn sich so als schneidiger Proto-Deutscher durch das Programm ätzt, ist Otto Kuhnle, eigentlich ein Zirkuskünstler, für kulturhistorischen Klamauk zuständig - und verleiht der Show einen Hauch von luftig-leichter Travestie. Er spielt mit heruntergelassener Trachtenhose Johann Sebastian Bach auf der Querflöte, schnallt sich eine Eisbären-Handpuppe namens Knut auf die Hand und lässt sie mit Kuhglöckchen "Wind of Change" von den Scorpions intonieren.

Oder er gibt eine Art teutonischen Schlangenbeschwörer, indem er mit einer Blockflöte eine Würstchenkette aus einem Kochtopf hervorlockt - angeblich ein bayerisches Ritual. Das alles wirkt nach einer Weile so bizarr, dass es fast britische Comedy sein könnte.

Das findet offenbar auch das Publikum. Nach der letzten Zugabe fragt eine offensichtlich begeisterte Zuschauerin ihren Begleiter, wie es ihm denn gefallen habe. "Lustiger als Hitler", sagt der lakonisch. Ein größeres Kompliment kann ein Brite zwei deutschen Comedians wohl kaum machen.


Henning Wehn und Otto Kuhnle: "1000 Years of German Humor", Questors, Ealing's Theatre, London, bis zum 18. Oktober

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