Deutscher Nachwuchsschauspielerpreis - DER SPIEGEL
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Nachwuchsschauspielerpreis: "Hanebüchene Selbsttäuschung"

Nepp mit Nachwuchsschauspielern Ich kauf mir einen Preis

Viel Geld für nichts: Der "Deutsche Nachwuchsschauspielerpreis" wirkt, als sei er eine seriöse Auszeichnung. Doch wer sich damit schmücken will, muss nichts Großes leisten - für ein paar hundert Euro kann ihn jeder kaufen.
Von Emily Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben als Nachwuchsschauspieler ist hart. Die Gagen sind oft mies, gute Rollen rar. Eine Auszeichnung im Lebenslauf würde die Chance auf ein Engagement erhöhen. Doch selbst wer sich tagelang nur von Toast ernährt und bei wem sich unbezahlte Rechnungen im Flur stapeln, sollte den "Deutschen Nachwuchsschauspielerpreis" als Karrierekick meiden.

Die Auszeichnung suggeriert, ein Gütesiegel zu sein, vergeben von einer Jury. Doch um nominiert zu werden, braucht es keinen großen Auftritt, sondern Kapital - 100 Euro kostet eine Nominierung. Und ein zur Eigenwerbung genutztes Siegel wird noch teurer: "Sollten Sie ausgezeichnet werden, wird für die unbefristete Nutzung des Gütesiegels des Deutschen Nachwuchsschauspielerpreises eine Marketing-Pauschale erhoben", heißt es in den Teilnahmebedingungen. Im Klartext: Wer den Preis gewinnt und damit für sich werben will, muss zahlen. Und zwar insgesamt mindestens 750 Euro.

Die Website  des "Deutschen Nachwuchsschauspielerpreises" macht auf den ersten Blick einen offiziellen Eindruck. Das Logo erinnert an eine staatliche Stelle: ein schwarz-rot-goldener Balken, daneben ein schlichter Schriftzug. Wer steckt dahinter? Die Bundesministerium für Kultur und Medien jedenfalls nicht: "Die Bundesregierung hat nichts mit dem 'Deutschen Nachwuchsschauspielerpreis' zu tun", sagt eine Regierungssprecherin zu SPIEGEL ONLINE.

Auszeichnungen für alles und jeden

Das Impressum der Website führt das "Private Marktforschungsinstitut Agnitio UG" als verantwortlich. Schon eine schnelle Google-Suche ergibt: Agnitio verleiht noch 15 weitere Preise. Das selbsternannte Marktforschungsinstitut bietet für alles eine Auszeichnung, vom Designpreis über den Ökologiepreis bis zum Personalpreis. Alle 16 Websites werben mit dem gleichen Logo, einem ähnlichen Wortlaut und im Prinzip der gleichen Masche: Preise gegen Kohle.

Mit kumpelhaftem Auftreten bitten die Macher der Website um Verständnis: "Wir sind auf der Suche und in Gesprächen mit Sponsoren, mit deren finanzieller Unterstützung wir diesen Betrag (650 Euro Marketingpauschale - d. Red.) so schnell wie möglich auf null reduzieren wollen. Ja, auch wir haben Verwaltungskosten und müssen die Jury-Mitglieder für ihren Aufwand bezahlen. Bis zur Auslobung eines Preisgeldes ist es aber noch ein weiter Weg", heißt es auf der Website.

Agnitio äußert sich nicht zu seinem Geschäftsmodell. Die angegebene Telefonnummer in Münster ist außer Betrieb, auf mehrere SPIEGEL-ONLINE-Anfragen per Mail seit Anfang des Monats kam keine Antwort.

Ich backe mir meinen eigenen Preis

Die Geschäftsführerin der Schauspielagentur "Barbarella", Heike-Melba Fendel, hält den Preis für grotesk. "Ein Preis ist wie eine Zuwendung. Ein Geschenk, das man bekommt, weil man etwas besser gemacht hat als andere. Für einen Preis zu bezahlen, ist eine hanebüchene Selbsttäuschung", sagte Fendel zu SPIEGEL ONLINE. Viele Jurys in der Branche seien zwar weder objektiv noch besonders kritisch, meint die Geschäftsführerin. Oft steckten hinter den großen Preisverleihungen wirtschaftliche oder finanzielle Beweggründe.

Aber dass Nominierungen und Preissiegel offensiv verkauft würden, sei ein Novum. Üblicherweise bekommen preisgekrönte Darsteller eher Gelder, statt Geld bezahlen zu müssen. Der Puck-Preis der Theatergemeinde Köln etwa ist mit 2500 Euro dotiert, der Boy-Gobert Preis der Körber-Stiftung bringt 10.000 Euro.

Auch Clemens Erbach von dem Bundesverband Casting e.V. hält den "Nachwuchsschauspielerpreis" für "hochgradig unseriös". Er rät besonders jungen Schauspielern und Kindern in der Schauspielbranche: "Wenn irgendjemand für irgendetwas Geld von euch verlangt - Finger weg." Die Initiatoren hinter dem "Nachwuchsschauspielerpreis" würden versuchen, mit den Hoffnungen der Leute Geld zu verdienen, so Erbach.

Wer in der Jury des "Nachwuchsschauspielpreises" sitzt und wieviele Mitglieder sie hat, erklärt das Unternehmen nicht. "Der Deutsche Nachwuchsschauspielerpreis wird von einer Jury anerkannter Experten und Fachleute vergeben", heißt es vage. Auch die Teilnahmebedingungen sind schwammig formuliert. Für eine Bewerbung reichen zunächst Name, Telefonnummer und E-Mailadresse. Wer mag, kann "eventuelles Zusatzmaterial" in Form von "Beschreibungen" und Bildern anfügen.

Jeder Nachwuchsschauspieler aus der Schweiz, Österreich und Deutschland darf mitmachen, eine Altersbeschränkung oder andere Kriterien werden nicht genannt. Agnitio achtet darauf, es dem Kunden möglichst leicht zu machen. Wer einen Preis will, muss im Bewerbungsformular angeben, für welche Kategorie er sich bewirbt. Und ist die gewünschte nicht dabei, kann der Bewerber einfach eine Wunsch-Kategorie angeben. Nach dem Motto: Ich backe mir meinen eigenen Preis.

Hinter dem Markforschungsinstitut Agnitio steckt eine UG, eine haftungsbeschränkte Unternehmensgesellschaft, eingetragen auf "Dipl.-Kfm Frank Fink". Das eingetragene Stammkapital der Firma beträgt gerade einmal 100 Euro. Als Ziel des Unternehmens gibt das Handelsregister "systematische Sammlung, Aufarbeitung, Analyse und Interpretation von Daten über Märkte und Marktbeeinflussungsmöglichkeiten zum Zweck der Informationsgewinnung für Marketing-Entscheidungen" an.

Die Website macht den Eindruck eines seriösen Unternehmens, das einen guten Ruf in der Branche hat. Den kann sich die Firma allein schon aus folgendem Grund noch nicht erarbeitet haben: Laut dem Handelsregister ist die Agnitio erst seit dem 05. Februar 2014 eingetragen. Preisträger sind bisher keine bekannt.

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