Deutsches Fernsehmuseum Betteln um "Bonanza"
Über seine prägendsten TV-Erinnerungen muss Peter Paul Kubitz nicht lange nachdenken. "Fury, Lassie und Bonanza" fallen ihm ein, die Mondlandung natürlich und Filme wie "Gentleman bitten zur Kasse".
Die Auswahl von Kubitz, 54, ist von Bedeutung, weil er eine solche Zusammenstellung gerade stellvertretend für alle Couch Potatoes beruflich trifft: Aus Abermillionen von TV-Minuten voller historischer Ereignisse, Sport, Shows und Serien filtern Kubitz und seine Kollegen seit Monaten den Stoff für eine 20-minütige Bilder-Revue und die Keimzelle einer "Programm-Galerie" mit zunächst rund 500 individuell abrufbaren Titeln - von Peter Frankenfeld bis zu Bastian Pastewka, von der Krönung der Queen über den Fall der Mauer bis zu Schröders Neuwahl-Entscheidung.
Kubitz ist Programmdirektor Fernsehen der Stiftung Kinemathek und als solcher der zentrale Kopf hinter dem Deutschen Fernseh-Museum, das am 1. Juni im Filmhaus am Potsdamer Platz in Berlin eröffnet wird; eine Sonderschau namens "Tor! Fußball und Fernsehen" startet aus aktuellem Anlass schon Ende dieser Woche.
Noch hängen Kabel aus den nackten Wänden, noch fehlen im geplanten Projektionsraum für die Programmrevue die Beamer und im "Zeittunnel" die Flachbildschirme - doch Kubitz gibt sich gelassen. Er ist froh, dass es immerhin eine Baustelle gibt. Froh und fast ein bisschen ungläubig. Denn das Projekt hat eine fast 20-jährige Vorgeschichte. Es gab schon Gründungsdirektoren, Freundeskreise, verschiedene Standorte - und dann doch immer: kein Museum.
Förderung für Augenkaugummi
Anderswo sind zentrale, öffentlich zugängliche TV-Archive seit langem Realität: 1975 etwa hat die "Inathèque de France" die Arbeit aufgenommen, das "New Yorker Museum for Radio and Television" öffnete ein Jahr später, auch in Australien und Japan gibt es ähnliche Einrichtungen. Es scheint dort einen Konsens zu geben: Dass das unbestritten meistgenutzte Alltagsmedium, das Orson Welles einst als "Kaugummi für die Augen" beschrieb, so etwas wie ein zentrales Gedächtnis verdient - eine Art Stausee in den flüchtigen Bilderfluten.
Hierzulande scheiterte das Vorhaben einer "Deutschen Mediathek", das Mitte der Achtziger zuerst von Fernsehpionieren wie Eberhard Fechner angestoßen wurde, an den üblichen Standort-Scharmützeln, Finanzierungsfragen und dem Versuch der ARD, das eigene Nationale Rundfunkarchiv vor "Konkurrenz" zu schützen. Als es nach geplanten Startterminen in den Jahren 2000 und 2001 für den Herbst 2002 neben ARD und ZDF auch Finanzierungszusagen von RTL und ProSieben gab, platzte die Kirch-Pleite in die Planungen. ProSieben machte einen Rückzieher, RTL folgte auf dem Fuß - die Mediathek schien mausetot.
Dass Kubitz und seine Kollegen nun loslegen können, hat mit der Zähigkeit der Stiftung Deutsche Kinemathek, deren gerade verabschiedeten Chef Hans Helmut Prinzler und einigen wenigen Mitstreitern zu tun. Das Etikett Mediathek wurde fallen gelassen, wegen der unheilvollen Vorgeschichte, aber auch wegen des geschrumpften Anspruchs und Umfangs. Statt des ursprünglich geplanten Jahresbudgets von zunächst 9 und dann 6,5 Millionen Euro steht nun knapp eine zur Verfügung. Ohne den Beitrag eines Wasser-Fabrikanten in Höhe von 600.000 Euro jährlich, der auf eine frühere Zusage an das Land Berlin zurückgeht, wäre es wieder nichts geworden.
Auf Geiz programmiert
Die Anstalten jedenfalls halten sich dezent zurück. Mit ihren Programmen sind sie gern dabei, nur finanzieren sollen die Image-Werbung für das viel geschmähte Medium und seine Programm-Marken lieber andere: Die ARD bringt vorerst 60.000 Euro auf, das ZDF 40.000 - jeweils Bruchteile ihrer früheren Zusagen. Die beiden Senderfamilien RTL und ProSiebenSat.1 (Umsatz 2005: jeweils knapp zwei Milliarden Euro) konnten sich bislang nicht durchringen, jeweils 30.000 Euro beizusteuern. ARD und ZDF machen weitere Finanzspritzen derweil vom Einlenken der Privaten abhängig: "Wir bleiben bei der Haltung, dass sich alle beteiligen müssen", so ZDF-Intendant Markus Schächter.
"Dieses mühsame Gewürge und Gezocke ist kein Ruhmesblatt für den deutschen Rundfunk", sagt der Chef der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen, Norbert Schneider, der mit den anderen Medienanstalten stellvertretend für alle Privatfunker ein Scherflein beiträgt.
Die Finanznot bringt die Kuratoren derweil an einer unerwarteten Front in Kalamitäten: Viele TV-Klassiker werden im Deutschen Fernsehmuseum nicht zu sehen sein, weil die Rechte zu teuer sind. Auch wenn die Stiftung mit dem Museum kein Gewinninteresse hat, wird sie einen Eintritt nehmen - deshalb wollen viele Rechteinhaber Bares sehen.
Die BBC berechnet für die Krönungsbilder der Queen für eine Minute 1000 Euro, was den Museumsmachern die historische Sequenz noch wert ist. Verzichten werden sie indes auf "Pan Tau" oder das "Krankenhaus am Rande der Stadt", für die ebenfalls jeweils vierstellige Summen pro Folge aufgerufen werden, vor allem aber auf Sportereignisse wie den ersten Sieg Michael Schumachers im belgischen Spa. Für den wollten die Rechte-Vermarkter 35.000 Euro berechnen - Pro Minute.
Bitter für Kubitz: Auch seine eigenen TV-Erinnerungen sind betroffen - Lassie ist noch ein Wackelkandidat, bei Fury kann einstweilen ein Ausschnitt gezeigt werden - aber ausgerechnet "Die Gentleman bitten zur Kasse", soviel steht fest, wird nicht zu sehen sein.