Dicken-Talk: Hart aber fettig - DER SPIEGEL
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Dicken-Talk Hart aber fettig

Deutschland, ein Schlemmermärchen. "Wer ist schuld, dass wir so dick sind?", wollte Frank Plasberg von seinen Talk-Gästen wissen. Kartoffelchip-Fabrikant Werner Wolf und Minister Horst Seehofer machten gar keine gute Figur - die Debatte endete zäh wie Formfleisch.
Von Christoph Cadenbach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Deutschen sind zu fett. Für diese Feststellung braucht es nicht Frank Plasberg. Im März 2007 fiel uns ja beinahe der wurstige Zeigefinger in die Friteuse, als eine Studie aufdeckte, dass nicht mehr die ungesunden Engländer, sondern wir die dicksten Europäer sind.

Im vergangenen Monat gab's dann - sozusagen als Nachschlag - die "Nationale Verzehrstudie" von der Bundesregierung aufgetischt: Jede zweite Frau und fast zwei Drittel der Männer sind übergewichtig.

Plasbergs Thema "Dick, dicker, deutsch" war am Mittwochabend also schon ein wenig angegammelt und medial durchgekaut. Der anfängliche Sturmlauf des Intersnack-Geschäftsführers Werner Wolf (Chio-Chips, Goldfischli) ließ Ödes ahnen. "Worüber wir noch gar nicht gesprochen haben", sagte er nach fünf Minuten, "die Menschen bewegen sich zu wenig." Doch Plasberg blieb wie immer Chefkoch im Studio und spielte das Konfliktpotential seiner Talkrunde "Hart aber fair" aus. Es ging - zumindest in der ersten halben Stunde - um das schwierige Verhältnis von Eigenverantwortung der Konsumenten und Informationspflicht der Lebensmittelindustrie.

Wer ist schuld am teutonischen Rettungsring?

Thilo Bode, Chef der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, schoss diskurssicher vor allem gegen die Knabber- und Süßwarenhersteller. Als Beweis holte er den Kindermilchdrink "Biene Maja" aus dem Rucksack. Dessen Verpackung erweckt den Anschein, hier sei Kalzium und Nahrhaftes drin - er enthalte aber fast doppelt so viel Zucker wie die immer gerne verteufelte Cola.

Bodes Botschaft: Die Lebensmittelindustrie verschleiert Dickmacher als ausgewogenes und gesundes Essen. Ganz bewusst würden Fett- und Zuckeranteile von den Unternehmen nicht auf die Etiketten gedruckt, um den Kunden im Unwissen darüber zu lassen. Der ehemalige Greenpeace-Chef forderte daher ein Auszeichnungsverfahren, wie es die Engländer seit 2006 vorschreiben: die Ampel.

Farben gegen Fett

Bunte Signalfarben sollen Fett-, Zucker- und Salzgehalt auf einen Blick erkennbar machen. Grün bedeutet "okay", gelb "geht so" und rot "bitte Vorsicht". Nach 15 Minuten Sendung stand bei "Hart aber fair" ein erster, zwar nicht ganz neuer, aber sehr konkreter Verbesserungsvorschlag zur Diskussion, der genau dort ansetzt, wo es am notwendigsten scheint: bei den Kindern und Jugendlichen. Seit den neunziger Jahren ist der Anteil Übergewichtiger bei den Minderjährigen immerhin um 50 Prozent gestiegen.

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU), der so eine Ampelkennzeichnung durchsetzen müsste, hat sich allerdings mit seinen EU-Kollegen für ein anderes Modell entschieden. Keine Farben, sondern Zahlen sollen in Zukunft über die speckbringenden Nahrungsbestandteile aufklären.

Dass dies nichts bringt, führte Plasberg dem Minister sogleich mit einem Einspielfilm vor Augen. Bei der Chips-Marke "Funny Frisch", ebenfalls ein Produkt aus dem Hause Intersnack, müsse man den Salzgehalt aus dem Natriumanteil errechnen, hieß es in dem Film.

Es fehle außerdem schlichtweg an Vergleichsmöglichkeiten. Ist ein Anteil von 10 Prozent ungesättigter Fettsäuren nun viel oder wenig? Farben sind plakativ, das müsste der alte politische PR-Profi Seehofer wissen. Und es wäre endlich ein Kampf mit gleichen Waffen. Die Lebensmittelindustrie buhlt mit frühlingshimmelblauen Plastiktüten um den kalorienbewussten Niedrigfett-Kartoffelchips-Esser. Verständlicherweise, denn sie will ja Geld verdienen. Gleichzeitig wäre es nur gerecht, wenn sie den immer noch hohen Fettanteil mit der Warnfarbe rot auf dem Etikett eingestehen müsste, ähnlich wie der Warnhinweis auf Zigarettenschachteln.

Zähe Beilage ohne künstliche Aromen

Vielleicht hatte die mitredende Promi-Köchin Sarah Wiener eingangs gar nicht mal so Unrecht, als sie den Minister als Lobby-Arbeiter abwatschte. Denn wie der Knabber-Mann Wolf versteifte sich auch Seehofer im Laufe der Sendung immer mehr auf die These des mündigen Konsumenten. "Nicht nur die Politik ist schuld, man muss auch auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen."

Das Problem ist nur: Wie soll ein Mensch mündig urteilen, wenn ihm Informationen bewusst vorenthalten werden?

Seehofers eigene Verzehrstudie besagt, dass überhaupt nur zehn Prozent der Bundesbürger ihren Kalorienbedarf richtig einschätzen können. An dieser Stelle hätte man sich eine Vertiefung gewünscht, einen zweiten Gang sozusagen, in dem all die anderen, dem Durchschnittsverbraucher unbekannte Inhaltsstoffe auf den Tisch kommen. Künstliche Aromen zum Beispiel, die den Geschmacksnerven und dem Gehirn vorgaukeln, man esse gerade eine Pizza. Der Magen, ein Muskelsack, weitet sich in Vorbereitung einer großen Portion aus, aber es kommen nur frittierte Kartoffelscheibchen mit Oregano-Würze durch die Speiseröhre nach unten gerutscht. Ein Sättigungsgefühl stellt sich frühestens nach zwei Packungen und Kalorien für drei Tage ein.

Aber Plasberg wollte seine Sendung wohl nicht zu wissenschaftslastig werden lassen. Nach einer halben Stunde war es vorbei mit der informativen Unterhaltung - dann folgte Hausmannskost.

Die Gäste degustierten sich durch zwei Sorten Bierschinken und wussten zwischenzeitlich auch nicht so recht, wie man die statistische Konvergenz von niedrigem Bildungsgrad und Fettleibigkeit charmanter auflösen kann als "dick, dicker, doof".

Am Ende musste dann, um wenigstens etwas Top-Aktuelles in der Show zu haben, die neue ARD-Sensation Bruce Darnell herhalten, um auf den Schlankheitswahn und krankhafte Körperideale zu sprechen zu kommen. Auch der gerne und gut essende Schauspieler Rainer Hunold hatte sich nun nicht ganz umsonst an den Talk-Balken gestellt. Er konnte noch loswerden, dass auch dicke Menschen sich gut und gesund fühlen, wären da nicht diese Lästermäuler.

Fazit nach 75 Minuten: Eine halbe Stunde harte Sendung, danach zähes Formfleisch. Da hätte man auch eine Runde joggen können.

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