Die Grünen im Theater: Anzug oder Leinenponcho - DER SPIEGEL
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Die Grünen im Theater: Anzug oder Leinenponcho

Foto: Maurice Korbel

Die Grünen im Theater Anzug oder Leinenponcho

Was für ein Schauspiel! Keine Partei zelebriert ihre Parteitage so theatralisch wie die Grünen. In Baden-Württemberg schaffen sie es nun sogar ins Theater - passend zum ersten grünen Ministerpräsidenten. Eine Liebeserklärung voller Kehrtwenden und Grobstrick.
Von Laura Hamdorf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Farbbeutel zischt über seine Schulter, klatscht auf seine Haut. Im nächsten Moment presst Joschka Fischer sich die Hand aufs Ohr - rote Farbe rinnt seinen Kragen hinab. "Mörder"-Rufe, Pfiffe und Applaus. Ein Transparent wirft dem Außenminister seine eigenen Worte entgegen: "Mit Verlaub Herr Minister, Sie sind ein Arschloch."

Die Szene ereignete sich auf dem Kosovo-Sonderparteitag der Grünen 1999, auf dem sich Befürworter und Gegner des Bundeswehreinsatzes bekämpften. Sie blieb nicht nur im Gedächtnis haften, sie ist bühnenreif - findet jedenfalls das Theater Freiburg und lädt ein zur Uraufführung mit dem Titel "Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte".

Ringen um Ideale

Der Vorhang hebt sich für lange Männerhaare, für Palästinenser-Tücher und für Geflochtenes aus Filz und Zweigen. Für ein Resümee einer Parteigeschichte und für ein unaufhörliches Ringen um Ideale und Tagespolitik.

"Wir haben absichtlich kein Fragezeichen hinter den Titel gesetzt", sagt die Dramaturgin und Schauspieldirektorin Viola Hasselberg. "Das heißt aber nicht, dass keine Fragen aufgeworfen werden - dafür steht das Theater." Mit dem Regisseur Jarg Pataki hat sie 2010 bereits "Die Buddenbrooks" inszeniert, nun gestalten beide gemeinsam das Grünen-Stück. Geplant sind zehn Gruppenszenen, die jeweils eine Situation aus der Parteigeschichte herausgreifen.

Abgesehen vom rot beklecksten Joschka Fischer tauchen keine prominenten Personen der Parteigeschichte auf, stattdessen beschränken sich Viola Hasselberg und Jarg Pataki auf abstraktere Themen wie die Grenze des Wachstums und die Umweltverschmutzung. "Es geht uns um den Organismus der Partei, um den Konstituierungsprozess", sagt Pataki, "und der spiegelt sich in der Diskrepanz von utopischen Anfangsvorstellungen und der Realpolitik."

Eine politische Kampagne?

Zwei Jahre hat die Recherche gedauert: Flugblätter, Aufzeichnungen von Fraktionssitzungen, Interviews mit Politikern wie Jürgen Trittin, Claudia Roth und Cem Özdemir. Die Bühnenfassung transportiert diese Inhalte eher nicht in Dialogen, sondern in Monologen - ähnlich wie manch Parteitag.

Die Zeichen stehen auf Grün. Auf der Bühne in Freiburg - und seit der Wahl des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Da ist die Versuchung groß, dem Theater eine politische Kampagne zu unterstellen. Nicht zuletzt, weil die Vorstellungen von Publikumsgesprächen mit Grünenpolitikern begleitet werden, zum Beispiel mit dem Gründungsmitglied Lukas Beckmann und der ehemaligen Gesundheitsministerin Andrea Fischer.

"Wir bedienen keinesfalls die Wähler-Klientel", sagt Hasselberg. "Wir nutzen sogar die Kritik aus den eigenen Reihen der Grünen. Viele Quellen haben uns sehr persönlich auf unsere Fragen geantwortet."

Und außerdem: Im Saal sind Transparente und Farbbeutel untersagt.


Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte. Uraufführung am 10.6. im Theater Freiburg/Breisgau . Auch am 15., 16., 18., 21. und 24.6. Karten: Tel. 0761/201 28 53.