"Die Hebamme": Viel Lärm um wenig - DER SPIEGEL
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"Die Hebamme" Viel Lärm um wenig

Nach seinem überzogenen Schlagabtausch mit dem Intendanten Claus Peymann inszenierte Rolf Hochhuth seine "Hebamme" dann doch am Berliner Ensemble. Überzeugen konnte lediglich Hauptdarstellerin Regine Lutz.
Von Matthias Heine
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Das interessanteste Theater fand mal wieder drumherum statt: Bevor Rolf Hochhuth sein Stück "Die Hebamme" in Berlin auf die Bühne brachte, beharkten er und Claus Peymann sich in ganzseitigen Interviews mit Breitseiten von Vorwürfen. Denn der 69-jährige Dramatiker und Autor ist über die von ihm gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung bekanntlich Eigentümer des Berliner Ensembles, dessen Intendant Peymann ist. Der Mietvertrag sieht vor, dass Hochhuth dort jährlich in der Sommerpause ein selbst finanziertes Stück eigener Wahl aufführen kann. Davon genervt, hatte Peymann ihm unter anderem untersagt, den Namen "Berliner Ensemble" zu benutzen. So muss wahrscheinlich der eine oder andere in der Theatergeschichte nicht so bewanderte Besucher rätseln, was das "Theater am Schiffbauerdamm" ist. Man kann Peymann verstehen.

Immerhin war auch schon Willy Brandt von Hochhuth genervt. Dessen Brief an Hochhuth aus dem Jahre 1973 ließ der Autor zwecks Selbstbeweihräucherung im Programmheft abdrucken - und merkt bis heute nicht, wie souverän ihn der Kanzler abblitzen ließ. Damals nervte Hochhuth immerhin noch für einen guten Zweck: Mit der "Hebamme" prangerte er die Behelfssiedlungen an, in denen die Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre eine Million Menschen ghettoisierte. Ausgerechnet eine Nonne trickst in einer hessischen Kleinstadt die Honoratioren zugunsten einer Gruppe von Obdachlosen aus.

Theaterkritiker, die heute schamlos jedes junge Talent mit dem Maschinengewehr ihres Greisenzynismus niederzumähen versuchen, verglichen diese Fleißarbeit Hochhuths 1972 mit Komödien Zuckmayers, Hauptmanns und Kleists. Nur weil er mehr als sonst bei seinen Zeitungscollagen darum bemüht war, eine Handlung und gar Witz zu schaffen: Deshalb heißt hier ein SPD-Oberstadtdirektor Gnilljeneimer und ein CDU-Richter Bläbberberg. Wenn der Bläbberberg ruft, hilft nur Flucht in die Rezensionsverweigerung: Wer wieder mal klagen wollte, dass Hochhuth keine Sprache hat, dass er seine Figuren aus der Schießbude stibitzt und dass seine Erfolge eher journalistische als dramatische sind, der liefe Gefahr, ebenso verbohrt zu erscheinen wie der Autor.

Dass der Abend wenigstens als Sittengemälde aus dem alten Westdeutschland leidlich funktioniert - eine Koproduktion mit dem nahe gelegenen Deutschen Historischen Museum wäre angemessen -, liegt an den Schauspielern, die Hochhuth nach einer Revolte zu Kürzungen und einem Minimum an Regie gezwungen haben. Sie wahren noch ihre Würde, wenn Hutablagen aus dem klapprigen Bühnenbild fallen. Und über die 72-jährige Regine Lutz, die den Part der Hebamme bereits vor 28 Jahren in Kassel spielte, muss sich jeder freuen, dem ein fühlendes Herz in der Brust schlägt.

"Die Hebamme": Theater am Schiffbauerdamm (Berliner Ensemble), bis 27. August, täglich 19.30 Uhr.

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