"Die Möwe": Tod einen Theatermachers - DER SPIEGEL
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"Die Möwe" Tod einen Theatermachers

Thomas Langhoff muss am Deutschen Theater Berlin das Feld räumen. Nun gelang ihm mit der Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" doch noch eine Überraschung.
Von Simone Kaempf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Das Theater braucht neue Formen. An dieser Gedanken arbeiten sich seit einigen Jahren junge Theatermacher ab, denen die Konventionen eines plüschigen Klassikertheaters ein Gräuel sind. Vor hundert Jahren war es nicht viel anders. Kostja etwa: Der Jungdichter hat ein Stück geschrieben, in dem er geheimnisvoll über Materie und Weltseele grübelt. Er misstraut den althergebrachten Versprechungen des Theaters und schimpft über die Routiniers unter den Schauspielern.

Nützen wird es ihm nicht viel. Am Ende von Anton Tschechows "Die Möwe" zerreißt er seine Manuskripte und erschießt sich mit der Gewissheit, dass sein unermüdliches Werben um die junge Schauspielerin Nina genauso vergeblich war, wie sein jahrelanges Hinterherjagen nach seinem poetischen Talent.

Das Stück um die verlebten und verfehlten Leben ist auf den deutschsprachigen Bühnen das Stück der Stunde. Fast überall sind Figuren angetreten, die Kostja sehr ähneln, um das Theater mal wieder zu erneuern. Vielleicht ist "Die Möwe" deshalb in den vergangenen Monaten an vielen kleinen und den großen Häusern in Wien, Frankfurt, Zürich und Hamburg inszeniert worden.

Eine Klamaukversion hatte das Berliner Maxim-Gorki-Theater vorgelegt, ausgerechnet das Haus, aus dem Bernd Wilms kommt, der im Sommer Thomas Langhoff am Deutschen Theater ablösen wird. Langhoff hatte sich in der vergangenen Spielzeit seinen Ruf mit der Müdigkeit eines angestaubten Plüschtheaters verdorben, vor dem Kostja Reißaus nehmen möchte. Bevor sich Langhoff im Mai mit einer Inszenierung des "König Lear" endgültig verabschiedet, hat er sich an "Die Möwe" gemacht. Und siehe da: Eine seelenvolle Inszenierung ist ihm gelungen, mit der niemand mehr gerechnet hat.

Leichtfüßig hält sie das Gleichgewicht zwischen der russischen Datschen-Melancholie und einem lakonischen Blick auf die vergeblichen Aufbrüche in ein anderes Leben. Für das Landgut der alternden Schauspielerin Irina ist eine schlichte, hell erleuchtete Bühne eingerichtet, auf der ein paar Holzbänke oder Sonnenstühle als Requisiten ausreichen, um das russische Landleben nachzustellen. Hier zerren und rucken die jungen Menschen an ihren Leben, um sich mit viel Reden die Türen in eine neue, bessere Welt zu öffnen.

Auf einer kleinen Bühne studiert Irinas Sohn Kostja sein erstes geschriebenes Stück mit der jungen Nina ein, der diese Rolle die Möglichkeit eröffnet Schauspielerin zu werden. Mit ihrem Streben wollen sich die Heranwachsenden aus der ständischen Zugehörigkeit befreien. Ein Weg, der ihnen schwer gemacht wird. Viel hält man hier nicht von Kostjas Talent. Um so mehr ist der reife Schriftsteller Trigorin in die junge Nina vernarrt. Sie wird ihm in die Stadt nachreisen, ein Kind von ihm bekommen und auf drittklassigen Provinzbühnen spielen.

Am Ende versammeln sich alle noch einmal auf dem Landgut, auf dem jetzt ein düsteres Licht angeknipst ist. Die geblümten Sommerkleider sind symbolisch in dunkle, schwere Röcke und schwere Strickjacken getauscht. Immer noch kommen die Herzen nicht zueinander, weil ein Herz immer ein anderes liebt, das sich bereits nach einem dritten Herz verzehrt. Kostja wird sich umbringen, der Generationenkampf endet in Vergeblichkeit. Das Leben bleibt, wie es vorher war, nur noch ein wenig aussichtsloser.

Langhoff hat für die Inszenierung noch einmal die besten der älteren Schauspieler aus dem Ensemble vereint. Dieter Mann spielt den Arzt Dorn, der zeigt, dass man das Leben trotz einer berufsmäßigen Beschäftigung mit dem Tod mir Heiterkeit ertragen kann. Christian Grashof gibt kindlich-naiv den Greis Sorin, der sich umständlich zwischen Rollstuhl und Chaiselounge hin- und herhievt. Jörg Gudzuhn spielt einen abgestumpften alternden Schriftsteller, der erst auflebt, wenn er seinen Bleistift zückt, "um ein Sujet für eine kleine Erzählung" zu notieren. Einen großen Auftritt hat noch einmal Dagmar Manzel, die eine damenhafte alternde Irina abgibt, die sich immer im richtigen Moment schnippisch zu wehren weiß.

Sie alle spielen mit einer Leichtigkeit, die von erlesender Schauspielkunst zeugt und eine tiefere Bedeutung nicht herbeizwingen muss. An diesem Abend war das ein Spiel mit den höheren Standards wie man sie an dem Haus lange nicht mehr gesehen hat.

"Die Möwe" wird wieder gespielt am 21.1., 24.1. und 5.2., jeweils 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Berlin.

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