"Die Optimisten" Boulevard der Belämmerung
Der Autor ist bereits ein Star: Ob als kulturelle Spürnase für den Rat suchenden Bundeskanzler oder als "Nibelungen"-Autor in Worms, erfolgreicher Bühnen-Newcomer mit "Republik Vineta" oder geistreicher Reportage-Journalist - Moritz Rinke, 37, agiert wie einer, der alles kann und dem alles gelingt. Ein heller, schneller Kopf. Mit dem jüngsten Stück "Die Optimisten" bringt er Weltpolitik als großen, bunten Boulevard-Happen auf die Bühne, wirft eine gut durchmischte Truppe von Medienmenschen und Bildungsbürgern in konfliktreiches Terrain und lässt es zwischen den Generationen, Positionen und Hormonen der Protagonisten heftig krachen. Die Atmosphäre war so gespannt wie intim, zumal das Stück seine Hamburger Premiere in der kleineren Bühne des Thalia-Theaters in der Gaußstraße erlebte - immer häufiger ein Ort für Besonderes, wie schon die gelungenen Uraufführungen der Fritz-Kater-Stücke zeigten.
Polit-Touristen auf Selbstentblößertour
Fünf Reisende aus Deutschland, ihr Fahrer und der Reiseleiter hängen wegen einer Panne im Hotel im nepalesischen Dorf Lumbini fest, auf dem Weg zu einer Anti-Globalisierungs-Konferenz in Bombay, wo sie eine Petition an die indische Regierung überreichen wollen. Rechtschaffene Menschen also. Zwei Journalistinnen, eine Ärztin, ein Filmregisseur und ein Ministerialrat, unterstützt von einem Reiseleiter und einem coolen Busfahrer, der seinerzeit in Berlin schon Rudi Dutschke kutschierte. Auch als das Hotelpersonal überraschend verschwindet, wird noch süffig parliert und an der Petition gefeilt, denn man hat ja seine Mission zu erfüllen, bevor es zum Abschluss an den Strand von Goa geht. Doch mit schwindendem Komfort, ohne Telefonleitungen und mit immer weniger Wasser bröckelt die biedere Fassade des höflichen Reisegefährten. Umso mehr, als statt Wasser Whiskey, Gin und Vodka aus der üppig bestückten Hotel-Bar stibitzt werden.
Es ist eine archetypische, oft durchgespielte Situation mit immanenter Aufforderung zur Selbstentblößung, die Rinke seinen Figuren da verordnet. Und er kann sich an diesem Abend freuen, dass ein so agiles und kraftvolles Spielteam auf der Bühne agiert, das mit kontrolliertem Willen zur Burleske und wenig Scheu vor der knalligen Pointe so ziemlich alles aus dem Text herausholt, was an Wirkung zu haben ist. Denn zunächst kommen alle als oberflächiges Typentheater daher: der Alt-68er als Regierungsbeamter und Institutionendurchmarschierer, die leicht resignierte Rundfunkjournalistin mit Mitte Vierzig, die selbstgefällig politisierende keifende jüngere Kollegin, die Yoga treibende Ärztin voller sozialen Engagements und der jungdynamische Regisseur mit ironischer Distanz zur Weltenretter-Attitüde der übrigen Gruppe.
Diese theatralisch Gestrandeten agieren auf einer clever gebauten Guckkasten-Bühne mit Tiefenillusion: Hinter einem Folienvorhang fließt der Fluss, spiegelt sich der Mond, tauchen schließlich die maoistischen Rebellen aus dem Dschungel auf. Das ebenso effiziente wie prägnant schlichte Bühnenbild von Thomas Dreißigacker stellt bewusst aus, interpretiert nur wenig und setzt lediglich Akzente. Beste Basis für die routiniert funktionierende Personen-Regie von Spielleiter Hartmut Wickert, der zuletzt am Thalia Theater Sandor Marais "Die Glut" auf die Bühne gebracht hatte.
Nabelschau der Mittelschicht
Regisseur Wickert scheute sich nicht vor der Boulevard-Tonlage, die Moritz Rinkes Text über weite Strecken regiert. Er ließ den wunderbar komödiantisch kaspernden Norman Hacker in der Rolle des Zelluloid-Zynikers buchstäblich von der Leine, wenn dieser seine Journalistenfreundin Carla (Anna Steffens) eifersüchtig umwirbt, um schließlich angesichts der immer chaotischeren Lage lustvoll im Alkohol zu ertrinken. Als krasse, bei Rinke entsprechend plakativ gezeichnete Gegen-Charaktere spielen Viktoria Trautmannsdorf die melancholische Funkredakteurin Hellinger und Harald Baumgartner den altlinken Politiker Kraus, beide dem Ruhestand näher als der Revolte, doch befangen in eingespielten Denkgewohnheiten und leer gelebten Verhaltensmustern.
Hellinger fällt über den Regierungsrat her, der sie wild kämpfend abwehren muss - die groteske Umkehrung einer Vergewaltigung. Später will er Carla bespringen, die ihn jedoch mit einer Kalaschnikow in Schach hält. Ganz klar: Die Welt ist aus den Fugen, vor allem dann, wenn Karl Marx' "Kapital" zur amüsanten Fantasy-Vision für Jungmanager verkommt. Die Welt hat ein paar Pannen, wie auch die Protagonisten, die über Genfood, Handelsabkommen und Ausbeutung der Dritte-Welt-Bauern debattieren, letztlich aber nur Pointen zu einer Nabelschau des scheinbar gebildeten Mittelstands abliefern.
Nach zwei Stunden Seelenstriptease in Moritz Rinkes Nepal sind zwar alle einigermaßen bloßgestellt, im Herzen aber ungebrochen. Ein schrilles Amüsement aus der Krawallkiste des Kabarett ist auf den Zuschauer gekommen, mehr als brillante Schauspieltechnik gab's jedoch nicht zu bestaunen. Wer wie der Autor "Globalisierung" ruft und Partnerprobleme zur Antwort aus dem Hut zaubert, darf sich über Schulterzucken nicht wundern.