"Die Palette" Spurensuche in der Subkultur
Es war einmal "Die Palette". Als die Subkultur der "Gammler" und "Freaks" noch eine risikoreiche Veranstaltung für wenige war, existierte ausgerechnet in der heute nach Geschäftsschluss so öden Hamburger Innenstadt jenes Kellerlokal als Zufluchtsort und Einstiegstor. Der Autor Hubert Fichte meißelte der "Palette" vier Jahre nach ihrer Schließung einen literarischen Grabstein. Sein gleichnamiger Roman, epochemachend durch die drastische Darstellung von Homosexualität im Epochenjahr 1968, ist nicht mehr lieferbar - spurlos verschwunden fast, wie die Kneipe.
So spurlos vielleicht doch nicht: Unterm Publikum vor der Probebühne des Hamburger Schauspielhauses saßen hörbar viele gereifte Kenner des Ortes und des Buches. Und die betrachteten voller gemischter Gefühle den Akt vergleichender Archäologie, mit dem der Popmusiker ("Die Goldenen Zitronen") und Clubbetreiber ("Golden Pudel") Schorsch Kamerun in seinem Debüt als Theaterregisseur behutsam den Staub von den Erinnerungen pinselte.
Denn Kamerun und der Dramaturgin Stefanie Carp ging es in ihrer Romandramatisierung nicht um eine folkloristisch-nostalgische Rekonstruktion. Vielmehr ist Fichtes dreiviertelschwule Hauptfigur Jäcki - kaum verhülltes Alter Ego des Autors - ein Beispiel dafür, wie dünn die Trennlinien zwischen pubertärem Egoismus und intellektueller Nonkonformität sind. Andreas Grothgar spielt ihn ohne Fichte-Bart, aber mit künstlich-vollem Haupthaar wie kürzlich Tilo Werner in "Parasiten" - es scheint, als wolle Intendant Frank Baumbauer zum Ende seiner Amtszeit unbedingt den Perückenfundus leeren.
Der Nachwuchsregisseur Kamerun reflektiert die Distanz zu den Sechziger Jahren und nutzt dies wiederum zur Spiegelung seiner eigenen Position als Exponent einer neueren Subkultur, die längst von Industrie-Scouts als Imageressource entdeckt wurde. Dabei ist es ihm allerdings zu selten gelungen, die Sprache des Romans in Theater umzusetzen. Ausgerechnet der ehemalige Grünen-Politiker Thomas Ebermann umschifft mit seinem Auftritt als "staatstragendes Mannsbild", das den gesellschaftlichen Konsens der Sechziger Jahre in einer Textcollage aufruft, dank großer Zurückhaltung geschickt die Klippen des Kabaretts. Vom Rest bleiben lediglich Momente in Erinnerung wie der Anblick von Peter Brombacher als Reimar Renaissancefürstchen, dem man beim Tanzen zur Bühnenmusik von "Mouse on Mars" stundenlang hätte zusehen können.
Beim Heimweg durch die Mönckebergstraße erblicken wir eine Schaufensterpuppe, die aussieht wie eine jüngere Freundin, die die "Paletten" von heute besucht. Die Subkultur kehrt zurück in die Innenstädte der Metropolen als zombiehaftes Replikat aus den Labors der weltumspannenden Trendindustrie.
"Die Palette", Große Probebühne im Hamburger Schauspielhaus, 4., 14., 15., und 25. Juni, 3. Juli 2000