Die Peter-Glotz-Kolumne: Bildungshandel - DER SPIEGEL
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Die Peter-Glotz-Kolumne Bildungshandel

Auf dem Weltmarkt der Bildung geraten die deutschen Universitäten ins Hintertreffen, weil sie an ihrer traditionsreichen Provinzialisierung festhalten, statt auf die digitale Konkurrenz zu reagieren.
Von Peter Glotz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bildung gehörte über Jahrhunderte zu den "Non Tradeables", den nicht handelbaren Gütern und Dienstleistungen. Eine deutsche Universität steht auch heute noch nur sehr begrenzt im Wettbewerb zu anderen Universitäten: Die (meisten) Deutschen studieren in Deutschland, die (meisten) Amerikaner in Amerika. Bei uns kommt noch eine erschreckende Provinzialisierung dazu, die sich in den sechziger Jahren entwickelt hat. Weil die jungen Leute da studieren, wo die Waschmaschine ihrer Mutter steht, gibt es nicht einmal einen lebendigen Wettbewerb zwischen Kiel und Regensburg. So kann es einem Betriebswirt in A völlig egal sein, ob sein Kollege in B die weit bessere Vorlesung zur Kostenrechnung hält. Wer von den Studenten in A geprüft werden will, muss sich seine Ergüsse antun, ob er will oder nicht. Doch damit ist bald Schluss. Das Internet macht's möglich.

Künftig werden erhebliche Teile der Aus- und Weiterbildung auf dem Wege von "Distant Learning" stattfinden. Wichtige Module des Bildungsangebots werden on- und offline digital vermittelt; die Lerninhalte werden ins Internet gestellt oder als CD-Rom verbreitet. Das beginnt mit einzelnen "virtuellen Seminaren", die - durch Tutoren begleitet - die Präsenzveranstaltungen zuerst ergänzen und später auch ganz ablösen. Es endet mit vollständigen Kursen, die zum Beispiel mit einem Master of Business Administration (MBA) enden. Die Teilnehmer mögen noch vier Wochen in einem attraktiven Tagungshotel verbringen oder ihre Prüfung auf dem Frankfurter Flughafen ablegen. Die Inhalte kommen (zum Beispiel) aus Harvard, die Teilnehmer sitzen in Pinneberg und Murnau (oder Barcelona und Urbino).

Noch steht diese Entwicklung am Anfang. Aber schon bilden große und mächtige amerikanische Universitäten Konsortien mit der Telekommunikations- und Medienindustrie. Diese weltweit renommierten Institutionen werden ihren Markennamen, ihren "Brand", gezielt einsetzen, um die besten Studenten der ganzen Welt von ihren Heimatuniversitäten abzuwerben. Die Business Card von Harvard, Stanford, Yale und der ETH Zürich ist mehr wert als die von Hamburg, München und Hildesheim. Wenn sich die deutschen Hochschulen auf diese Entwicklung nicht vorbereiten, werden sie ihre Elitestudenten verlieren und nur noch den Oberregierungsrat fürs Landratsamt und den örtlichen Tierarzt ausbilden.

Stanford bildet schon Informatiker online aus, wenn auch sehr bewusst in kleiner Zahl. Eine neue Gesellschaft - Michael Milkens UNext.com  - will als Broker und Zertifizierer in diesen internationalen Markt. Das Massachusetts Institut of Technology (MIT) hat sich zuerst einmal mit Singapore verbündet und verkauft seine Inhalte in einer Singapore-MIT-Alliance . Andere Zielländer werden folgen. Wie wehrt sich die Universität Bayreuth gegen solche Entwicklungen?

Das gesamte deutsche Bildungswesen muss sich umstellen. Die auf Erstausbildung konzentrierten Universitäten müssen Weiterbildung - lebenslanges Lernen - anbieten. Die Industrie - Beispiel: Deutsche Telekom - muss Content-Provider, also kundiger Produzent von Lehrinhalten werden. Die Politik muss ein Finanzierungsmodell (ein Billing-System) entwickeln, das die Produktion von erstklassigen, virtuellen Seminaren ermöglicht. Die Zeit, da Bildung ein national (oder gar regional) abgeschottetes System war, geht vorbei. Der Professor aus Trier steht in Konkurrenz zu dem in Cambridge Massachusetts. Eine neue Zeit beginnt.