S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir hassen einander, weil nichts bleibt, wie es ist
Eigentlich ist die Welt unglaublich einfach geworden. Bist du für oder gegen Flüchtlinge? Für oder gegen Homosexuelle? Bist du FeministIn oder was? Zack, die Weltlage geklärt, man kann sich in Bestätigung wälzen oder das Hassen beginnen.
Zeit für komplizierte Zwischentöne gibt es nicht. Der Satz: Ja, ich bin dafür, Menschen zu helfen, aber nein, ich glaube nicht, dass unsere derzeitige Regierung eine sehr clevere Strategie fährt, ich wüsste es aber auch nicht besser - ist eine Aussage, mit der kein Blumentopf zu gewinnen ist (wozu sollte man eigentlich Blumentöpfe gewinnen?).
Wir hassen uns. Super. Das war der Plan. Wer hasst, kann nicht mehr denken. Wozu auch, die meisten Hirne sind sowieso grad überfordert, von diesem Entwicklungsschub da draußen. Es geht doch nicht um die Bewahrung von Werten, von Tradition, es geht um die Veränderung der Welt, die da gerade passiert, und die überfordert die meisten. Bald wird es keine Autos mehr geben, die von Menschen gelenkt werden, keine Zeitungen, ob online oder auf Papier, Millionen Jobs werden nicht mehr benötigt werden, Länder werden nicht mehr existieren, Krebs vielleicht auch nicht.
Alles, woran die meisten Über-40-Jährigen geglaubt haben, bricht gerade weg, löst sich auf, und viele suchen verzweifelt nach etwas, woran sie sich halten können. Was wäre da besser geeignet als die Angst vor Neuem, Unbekanntem in Hass umzuwandeln. In die einfach zu benennenden Gegner: Die Linke, die Rechte, die Männer, die Frauen, die Homosexuellen, die Anderen. Verdammt, irgendeiner muss doch schuld sein. Im Zweifel die Gutmenschen.
Ich, im Pyjama am Rechner, junge Katzen essend
Oder ich bin schuld. Ich, ein Thema, das mir sehr lieb ist.
Ab und zu wird mir von älteren Herren berichtet, die nur bei der Nennung meines Namens angeblich rot anlaufen und sich danach in minutenlangen Hass- und Gewaltausbrüchen verlieren. Süß. Wenn die mich sehen könnten, im Pyjama am Computer, junge Katzen essend! Was sie da hassen, ist ihre Unfähigkeit, Entwicklungen gelassen zu beobachten.
Ich bin nichts. Weder mächtig noch bösartig. Weder politisch noch sozial bestens informiert. Ich habe nur diese absurde Utopie, dass sich alle so behandeln sollten, wie sie gerne behandelt werden würden. In Ruhe gelassen. Akzeptiert. Gleichwertig. Eine Utopie - sagte ich gerade. Während draußen der Sturm weiter tobt. Während sich die Welt in einem Quantensprung entwickelt. Während sogenannte konservative Kräfte zitternd darauf bedacht sind, ihren Reichtum zu erhalten, die schönen Autos, die schönen Zigaretten, die wunderbaren Dinge der Welt von früher, schafft sich ein Bestandteil der alten Zeit nach der anderen ab.
Das wird nichts mehr mit dem guten Handwerk, den soliden Werten, den glücklichen Dörfern, in denen man sich kennt und Kühe melkt. Die Erde ist auf dem Weg, ein globalisiertes Silicon Valley zu werden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die die Menschen gerade damit verbringen, mit Mistgabeln aufeinander loszugehen, während das, wofür sie angeblich kämpfen, schon geraume Zeit nicht mehr existiert.