Kunst im Bunker Wie die Leuchtstoffröhre brummt
Die Glocke von Kris Martin im Eingang des Bunkers, die vier Jahre lang lautlos über den Köpfen der Besucher an einem dicken Balken hin- und herschwang, ist weg. Im Eingangsbereich liegen jetzt fünf unterschiedlich große Baumstämme aus Sibirien, die in Island angeschwemmt wurden und die der Künstler Olafur Eliasson von dort mitgebracht und in Berlin vor zwei Jahren als "Berliner Treibholz" irgendwo im Stadtraum abgelegt hat. Jeder konnte sie mitnehmen - was allerdings bei dem Ausmaß und Gewicht so eines Stammes nicht ganz leicht war. Oder sagen wir mal so: Es war mindestens genauso schwer, wie die herumliegenden Baumstämme überhaupt erst mal als Kunst zu identifizieren.
Christian Boros, Berliner Sammler, Besitzer des Hochbunkers und zusammen mit seiner Frau Karen und Sohn Anton Bewohner des Hauses auf dem Dach des Bunkers, hat sie natürlich als Kunst erkannt. Finden musste er sie nicht, er wusste, wo er sie abholen konnte. Denn einem Sammler seines Kalibers verrät selbst ein bekannter Künstler wie Eliasson schon mal sein Konzept.
Und der konnte sich sicher für seine Baumstämme keine bessere Situation vorstellen, als die zwischen den ruppigen und dicken Mauern des Bunkers und unter seiner hängenden Spiegelarbeit "Orientation Star", die mit ihren eleganten Materialien - Bronze und glatte, gläserne und verspiegelte Oberflächen - das völlige Gegenteil zum rauen, lange vom Wasser aufgeweichten Holz der Stämme ist.
Generalstabsmäßige Planung und viel Glück
Natürlich ist im Bunker nicht nur der Eingang neu, Karen und Christian Boros zeigen 130 Arbeiten von 22 zeitgenössischen Künstlern aus den rund 700 Werken ihrer Sammlung. Und das bedeutet: Sie, die Künstler und alle Mitarbeiter haben drei Monate lang geschuftet. Sie haben die Arbeiten der alten Schau abgebaut, eingepackt und in ein Lager abtransportiert, sie haben Türen eingebaut und Wände neu gezogen, abgeschliffen oder mit Stoff bespannt, wenn es die Künstler so wollten. Sie haben alte Löcher in den dicken Wänden unsichtbar gemacht und neue Löcher mühsam reingehauen. Und sie haben logistische Meisterleistungen vollbracht.
Zum Beispiel als sie mit Seilen und Ketten die riesengroße Baumwurzel des chinesischen Künstlers Ai Weiwei in den dafür vorgesehenen Raum im 3. Obergeschoss zogen, wofür sogar Balkonbrüstungen weichen mussten. Glück und Überraschungen gab es auch. Zwar war "nach ganz genauem Plan", so Karen Boros, die Wurzel endlich im vorgesehenen Raum, aber als die Äste in einer Art Stecktechnik an den Baum gefügt werden sollten, "da haben alle den Atem angehalten", sagt Karen Boros. Denn keiner hatte vorher überlegt, ob der Raum für den sechs Meter hohen Baum und seine ausladenden Äste überhaupt groß genug war. Aber es passte. Nun sieht Ai Weiweis "Tree 2011" aus abgestorbenem Sumpfholz, zusammengehalten von dicken Schrauben, so aus, als sei er genau für diesen Raum entstanden.
Ploppendes Popcorn und brummende Neonlampen
Der Schwerpunkt der neuen Schau ist allerdings "Sound". Gleich im Erdgeschoss steht in drei Räumen eine tönende Installation von Alicja Kwade. Sie hat an die Leuchtstoffröhren an der Decke kleine Mikrofone angebracht, die das Brummen der Leuchtstoffröhren abnehmen und an Lautsprecher übertragen, die zwischen Kwades selbsttragenden, großen, gebogenen Stahlplatten stehen. In einem anderen Geschoss hört man die Zeit ticken. Das Geräusch kommt aus einer großen Uhr, deren Zifferblatt Kwade hinter einem gebogenen Spiegel verborgen hat.
Auch die Arbeiten von Michael Sailstorfer kann man hören. Ihre Geräusche stammen aus dem ins Skurrile umgewandelten alltäglichen Umfeld und entstehen durch Bewegung. So kommt das Rascheln von Laub von einem kopfüber hängenden, sich drehenden Baum, dessen Äste auf dem Boden schleifen. Ein Rauschen und permanentes Ploppen entsteht in einer Popcorn-Maschine, die jedes Maiskorn mit einem Föhn zum Platzen bringt, und ein hysterisches Schleifgeräusch, verbunden mit dem Geruch verbrannten Gummis, wird von einem rotierendem Autorad an der Bunkerwand verursacht, das sich sozusagen abradiert.
Man findet unter den Künstlern sehr bekannte Namen und "Shootingstars" wie Olafur Eliasson, Thomas Ruff, Wolfgang Tillmans, Klara Lidén, Cosima von Bonin, Cerith Wyn Evans, Roman Ondák, Tomás Saraceno, Rirkrit Tiravanija oder Thomas Scheibitz. Aber es gibt auch noch eher Unbekannte wie Awst & Walther, Stephen G. Rhodes oder Florian Meisenberg.
Viele haben ihre Arbeiten selber installiert wie Tillmans, von dem es 40 Fotografien zu sehen gibt, darunter frühe Ikonen wie "Kate Moss mit Brokkoli" oder ein "Würstchen"-Bild von 1988. Der Berliner Künstler Dirk Bell hat seine 35 qm große Zeichnung "The Sky will Sink", ein romantisches Universum mit Pfauenfedern, Schwänen und Fabelwesen, genau passend unter der Bunkerdecke angebracht, im Raum nebenan hängen seine zarten Zeichnungen.
Ins Grübeln und Gruseln kommt man in Klara Lidéns "Teenage Room". Man kann durch ein Loch hineinkriechen oder tritt durch eine Tür ein, an der mit Flaschenzug ein Beil befestigt ist. Wird die Tür geöffnet, zieht sich das Beil nach oben und knallt herunter, sobald man die Türklinke loslässt. "Beklemmend und seltsam ist es drinnen", sagt Karen Boros, "man hat das Gefühl, dass was Schlimmes passiert ist." Von Lidén sind dazu noch Skulpturen und ein Video zu sehen.
Darauf legt Christian Boros besonderen Wert, dass von allen Künstlern Werkgruppen zu sehen sind. Und wenn er glaubt, dass das Vorhandene nicht genug über das Werk des Künstlers aussagt, dann wird noch etwas dazu gekauft. So bekommen die Skulpturen und Bilder von Thea Djordjadze wahrscheinlich noch Gesellschaft von einem neuen Teppich der Künstlerin.
Für ein Kunstwerk war der Bunker allerdings nicht groß genug: Von der "We The People"-Skulptur von Danh Vo ist nur ein Teilstück der vom Künstler geplanten Skulptur zu sehen. Denn wäre sie zusammengesetzt, hätte sie die gleiche Größe wie ihr Vorbild, die Freiheitsstatue. Da käme dann wohl jeder Sammler an seine Grenzen.
Die Sammlung Boros im Bunker in der Reinhardtstraße 20 in 10117 Berlin ist ab dem 17.9. nach Voranmeldung zu besuchen.