"Die verletzte Diva": Und ewig lockt das Weib - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Die verletzte Diva" Und ewig lockt das Weib

Eine Ausstellung in München und Innsbruck widmet sich der Hysterie im 20. Jahrhundert als Motor der Moderne.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Verführerisch blinzelt die Schauspielerin Hedy Lamarr  auf einem postergroßen Foto von der Wand herunter. Sie wurde einst durch die erste Nacktrolle der Filmgeschichte (1933 in "Ekstase") berühmt, woraufhin man sie als "schönste Frau der Welt" feierte. Was hat die in einer Ausstellung über Kunst verloren? Ganz einfach: Der Titel "Die verletzte Diva" ist einer Hommage auf die kürzlich verstorbene Hollywood-Ikone entlehnt, die vergeblich um die Anerkennung als Erfinderin eines bis heute gebräuchlichen Fernsteuerungssystems für Torpedos kämpfte. Klingt gut, dieser Titel, der vollständig "Die verletzte Diva. Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20.Jahrhunderts" lautet. Das weckt alles mögliche an Assoziationen und vermittelt eine Ahnung von dem Ehrgeiz, mit dem die Ausstellungsmacher hier ein Thema zu formulieren versuchen: Die Hysterie als Motor der Moderne.

In ihrem Drang, das Unterbewusste für die Kunst nutzbar zu machen, erklärten die Surrealisten die Hysterie (sie galt seit der Antike als Frauenleiden, "Hystera" ist das griechische Wort für Gebärmutter) zur "größten poetischen Entdeckung des 19.Jahrhunderts". Ihnen gefiel, wie sich bei hysterischen Anfällen das Innere nach Außen kehrt. Eine kreative Entgrenzung, die eindringlich in der Installation von Douglas Gordon zum Ausdruck kommt: Auf zwei Leinwänden zeigt er einen historischen Filmausschnitt, in dem ein Nervenarzt den Anfall einer Hysterikerin vorführt, als handle es sich dabei um eine Maschine, die auf Knopfdruck zu zucken beginnt.

Auch den Künstlern des Expressionismus, Futurismus und Dadaismus galt die Hysterie als Sinnbild der Ekstase. Doch auch ihnen dient immer nur der weibliche Körper als Projektionsfläche. Das ändert sich erst in den fünfziger Jahren mit dem Aufkommen von Happenings und Performances: Mit dem Schritt, den Körper selbst zum künstlerischen Material zu erklären, wird nun - zum Beispiel bei Yves Klein - auch der männliche Körper inszeniert. Von den fließenden Grenzen zwischen den Geschlechtern handeln die verstörenden Fotoarbeiten von Urs Lüthi oder Candice Breitz, die die Oberkörper Eingeborener mit Unterkörpern aus Pornomagazinen montiert. Die Deformation des Körpers wird bei Francis Bacon ("Study for Portrait of Henrietta Moraes") und Bruce Nauman ("Studies for Holograms") thematisiert, während Künstler wie Cindy Shermann und Marlene Dumas mit weiblichen Selbstdarstellungen und deren Klischees spielen.

Das ist alles sehr schön anzuschauen, und immer sprechen die Werke für sich, allzuoft aber verlieren sie sich in der Vieldeutigkeit des Themas. Ein weiteres Problem dieser Schau besteht in den vier Ausstellungsorten: In München zeigt das Lenbachhaus Bilder vom Surrealismus bis zum Wiener Aktionismus, der Kunstverein präsentiert überwiegend Fotoarbeiten seit den 60er Jahren, in der Siemens-Rotunde flimmern die Videos von Twin Gabriel. Und wer will, kann dann noch nach Innsbruck zur Galerie im Taxipalais fahren. Das kostet mehr Zeit, als die meisten Besucher wohl in ein bißchen schöne Hysterie investieren wollen.

"Die verletzte Diva. Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20.Jahrhunderts", bis 7.Mai, Ausstellungsorte: Städtische Galerie im Lenbachhaus (München), Kunstverein (München), Rotunde Siemens Kulturprogramm (München), Galerie im Taxispalais in Innbruck. Der Katalog ist im Oktagon-Verlag erschienen und kostet 38 Mark.