Die wahre Love Parade Wo die Berliner Szene feiert
Berlin - Seht her, wir können feiern, und zwar uns selbst, dachte sich eine Splittergruppe der Berliner Szene in den neunziger Jahren und hatte mit ihren Straßenumzügen über den Ku'damm großen Erfolg. Doch mit der Verlegung in den Tiergarten 1996 wurde die Love Parade immer größer: In Scharen strömten Techno-Jünger aus Ingolstadt oder Peine wie auch aus Holland, England und Japan in die Hauptstadt. Das ursprüngliche Love-Event verkam zum Drogen-Umzug mit Musik und Knutschen. Zwar schneiden noch keine betrunkenen Sekretärinnen in Anbahnung eines One-Night-Stands ihren Chefs die Krawatten ab, doch längst ist an der Spree eine Art rheinischer Karneval ausgebrochen. Inzwischen hat eine Gegenbewegung eingesetzt. Gemeinsames Feiern ist eine schöne Sache, aber bitte im kleinen Kreis, mögen sich die Macher der "Fuck Parade" gedacht haben und organisierten einen eigenen Umzug. Doch nicht nur sie lässt die Einheitsparole "One World - One Love Parade" völlig kalt. Auch die Berliner Szene selbst hat dem Massenauflauf längst den Rücken zugekehrt. Wie soll man sich von 1,3 Millionen Menschen abheben, fragten sich Partygänger in der Identifikationskrise. Die Lösung lag nahe: Man zelebriert unter sich. Wer etwas auf sich hält, mischt sich gerade nicht unters Volk der Love Parade. Ein Teil der jungen, hippen Partykönige tanzt auf den Techno-Trucks, um auf den Party-Pöbel herabzusehen und sich gebührend feiern zu lassen. Im Schrittempo bahnen sich die Wagen den Weg durch die Massen; hier und da wird ein hübsches Mädchen aus der Menge hinaufgezogen. Das darf dann bleiben, bis es nicht mehr tanzen kann oder zu den Freunden aus Gera oder Donau-Eschingen zurück möchte. Doch der Weg auf einen der begehrten Wagen ist schwer erkämpft. Entweder man kauft sich einen Platz oder tanzt vor (beides genauso peinlich wie den Platz bei einer Verlosung zu gewinnen), oder man kennt die richtigen Leute aus der besagten Szene. Dann kann man das Gefühl erleben, daß Cäsar gehabt haben muss, als er beim Triumphzug auf dem Streitwagen von hunderttausenden bejubelt wurde. Stundenlanges Durchtanzen auf einer beweglichen 30-Quadratmeterfläche mit 300 anderen ist nicht jedermanns Sache. Zumal nicht alle Trucks über eine Toilette verfügen. Die bequemeren Szenegänger suchen sich ein Plätzchen im "CanS". Das "Café am Neuen See" liegt mitten im Tiergarten, in Hörweite der Umzugs-Strecke.Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat: von den Local Heroes des Nachtlebens bis hin zu Jenny Elvers oder Fred Kogel. Prominente dienen bei solchen Events als Blickfang und als Bestätigung für den Partyhungrigen: "Wenn die hier sind, dann gibt es nichts exklusiveres im Moment. Also bin ich hier richtig." Veranstaltet werden diese Partys jedes Jahr vom Flyer, der Szene-Bibel, die alle zwei Wochen erscheint. Darin enthalten sind Party-Termine sowie Fotos von den letzten Events und ihren Besuchern. Auch in diesem Jahr bot das "Café am neuen See" die Möglichkeit, sich abzugrenzen: ein großer öffentlicher Biergarten mit tausenden von Ravern und direkt dahinter, nur durch einen hüfthohen Zaun und bullige Security-Beißer getrennt, der VIP-Bereich mit Tanzfläche und kostenlosen Getränken. In der Szene kennt jeder jeden, und trotzdem sind nicht alle eingeladen. Begehrt ist also der Einlass, doch dazu braucht man ein Bändchen um das Handgelenk, das zeigt: "ich gehöre dazu". Diese Bändchen haben einen Spezialverschluss, der einmal zugeschnappt, nur mit der Schere wieder zu entfernen ist. Um auf jeden Fall hineinzugelangen, werden alle erdenklichen Tricks angewandt: Der Plastikreif wird Bekannten mit Geduld und Spucke noch einmal vom Handrücken geschoben oder man versucht, mit einem geliehenen Presseausweis die Mädchen am Akkreditierungs-Schalter zu beeindrucken. Schließlich kann man einem unbeobachteten Moment auch über den Zaun zu springen. Etwas billig, aber effektiv. In Berlin hat sich eine eigene Party-Hacker-Szene herausgebildet, die sich in jede Veranstaltung einschleust. Da werden Eintrittskarten gescannt, Bändchen in den USA bestellt und dann selbst bedruckt, oder manchmal einfach der Hintereingang geentert. Der Nachmittag gehört also dem Flyer mit seiner Party - aber wohin am Abend?Etwa auf die riesigen Events mit einem DJ-Aufgebot, das sich liest wie eine VIVA-Playlist?Im Angebot ist die "No Ufos"-Veranstaltung im Dresdner Bahnhof oder der "Lovestern Galactica" draußen in Spandau, fast vor den Toren Berlins? Nein, für die Szene Berlins gab es spätestens ab zwölf keine Alternative mehr zur Party von 3000 und Sat.1 in der Schwangeren Auster. Ebenfalls nur Meter von der Strecke der Parade entfernt, zogen Laserlicht und scheppernde Bässe die Menschen aus dem Tiergarten vor die Kongresshalle mit dem berlintypischen Spitznamen.Doch auch hier wollte die Szene unter sich bleiben. Für nicht Eingeladene war es selbst per Bezahlung kaum möglich, hineinzukommen. Die Draußengebliebenne störte es wenig: sie nutzten die dröhnende Musik aus und tanzten vor dem Haus zu tausenden auf der grünen Wiese.Währenddessen vergnügte sich drinnen die Szene, durchsetzt mit den Machern aus Medien, Werbung und Internet-Landschaft. Auf drei Tanzflächen feierten sie sich selbst, so ekstatisch wie auf den ersten Love Parades. Das sprach sich offenbar schnell herum, denn viele DJs wie Dr. Motte hatten ihren Auftritt auf den Massenparties kaum zu Ende gebracht hatten, als sie auch schon auf dem Weg in die Schwangere Auster waren.