S.P.O.N. - Der Kritiker Nur die Sünde macht selig
Haben Sie schon mal versucht, Ihrer fünfjährigen Tochter zu erklären, warum es gut und richtig war von Gott, dass er sein Kind geopfert hat? Dass das ein Zeichen der Liebe war? Dass Jesus unsere Sünden auf sich genommen hat?
Aber wenn es gar keine Sünden gibt? Wäre Jesus dann umsonst gestorben? Mussten die Christen also die Sünde erfinden, damit ihr Glaube funktioniert? Mussten sie sagen, dass der Mensch schlecht ist, weil sonst die Sache mit den Sünden nicht aufgehen würde? Haben sie sich ein Menschenbild geschaffen, damit ihr Gotteskonzept hinhaut?
Der Jesus am Kreuz ist ein leidender Jesus - die Christen haben das Leiden nicht erfunden, aber sie haben es erhöht und verklärt zum Zeichen der Liebe. Ist aber damit an Ostern die Hoffnung in die Welt gekommen oder die Angst? Denn erst die Angst macht ja die Hoffnung plausibel. Ohne Angst braucht man auch keine Hoffnung. Ohne Angst kann man einfach leben, im Hier und Jetzt, ohne auf Erlösung, Vergebung, das Jenseits oder andere metaphysische Tricks zu warten.
Suche den Genuss
Hoffnung und Angst, sagt Lukrez, sind eine giftige Form des Aberglaubens - und jetzt fragen Sie sich natürlich, wer Lukrez war. Keine Sorge, ich kannte ihn auch nicht, die Christen haben schon dafür gesorgt, dass er vergessen wurde. Seine Botschaft war aber auch zu gefährlich für die Angst-und-Leidens-Religion Christentum: Suche den Genuss, sagte Lukrez, meide den Schmerz, und du wirst nicht nur ein glücklicher, sondern auch ein guter Mensch sein. Denn: Es gebe "kein höheres ethisches Ziel, als sich und anderen Genuss zu verschaffen. Alles andere, der Dienst am Staat, die Verherrlichung der Götter oder der Führer, die harten Prüfungen der Tugend durch Selbstaufopferung, ist zweitrangig, irregeleitet und betrügerisch."
So fasst der amerikanische Historiker Stephen Greenblatt die Philosophie von Lukrez zusammen, in seinem klugen, neuen Buch "Die Wende: Wie die Renaissance begann", das gerade den Pulitzerpreis gewonnen hat und nächste Woche auf Deutsch erscheint. Greenblatt erzählt darin unter anderem die Geschichte der frühchristlichen Propagandaschlacht gegen den römischen Dichter Lukrez - dessen Tod im Jahr 55 vor Christus zum Selbstmord eines Wahnsinnigen umgedeutet wurde, dessen Philosophie bekämpft wurde und dessen Welterklärungsriesengedicht "De rerum natura" nur durch Zufall das Mittelalter überlebte.
Was sollte die Kirche aber auch mit jemandem machen, der schon vor 2000 Jahren erkannte, dass die Welt aus Atomen besteht, aus Materie und sonst nichts? Der daraus schloss, dass es keinen Schöpfer gibt und der Mensch nicht im Mittelpunkt des kosmischen Geschehens steht? Der erklärte, dass die Erkenntnis der menschlichen Bedeutungslosigkeit aber kein Grund für Angst und Verzweiflung ist, sondern der erste Schritt zum Glück?
Blick auf die Gegenwart
Lukrez glaubte nicht an ein höheres Schicksal und nicht an ein Leben nach dem Tod, er dachte sich den Menschen damit im modernen Sinn frei von allen Bindungen und auch frei von Angst, sein proto-aufklärerisches Denken lebte weiter etwa in den Utopien von Thomas Morus, der gleich alles Privateigentum abschaffen wollte, und lebte auch weiter in Albert Camus' schönem und klarem Existentialismus. All das konnte natürlich nicht im Sinn der Kirche sein, die ja ihre Macht und ihren riesigen Besitz genau auf die Angst der Menschen aufbaute. Die die Frage nach Opfer und Leid stellte, damit sie sie in ihrem Sinn beantworten konnte. Die, und das macht Greenblatts Buch deutlich, eine Welt erschuf, um sie dann erklären und beherrschen zu können.
Und in dieser Welt leben wir bis heute. Oder wenigstens in den Ruinen dieser Welt. Denn auch das schafft Greenblatt: Indem er bis zur Renaissance zurückgeht, zu der Zeit, in der die Moderne entstand, legt er den Blick frei auf unsere Gegenwart, in der die Moderne taumelt, bröckelt, sich verändert, so sehr wie nie seit der Aufklärung. Was das bedeutet? Wir können uns mal kurz umschauen. Wir sehen in die Tiefen unserer Zeit. Wir erkennen, dass alles auch anders sein könnte.
Was wäre zum Beispiel, wenn wir uns die Welt als eine heitere, offene, freundliche vorstellen würden? Wäre sie dann auch heiterer, offener, freundlicher? Was wäre, wenn wir uns den Menschen als frei von Angst vorstellen würden? Wäre er dann auch frei?
Es ist ein anarchischer, poetischer, schöner Gedanke, den Lukrez da hat. Erst mal ist es nur ein Gedanke.