Outdoor-Ausstellung an der Emscher Ein Strommast tanzt aus der Reihe
Die "Kloake des Ruhrgebiets", die Emscher, hatte das einzige überirdische Abwasserkanalsystem Europas und war der dreckigste Fluss Deutschlands: Bis in die siebziger Jahre konnte sich die Emscher noch mit diesen negativen Superlativen "schmücken". Doch das ist nach aufwendigen Renaturierungsarbeiten vorbei, die 2020 beendet sein sollen. Jetzt ist das Gelände auf dem Weg zu einem Vorzeigeareal für Naturerkundung mit hohem Freizeitwert. Und es ist - nach seiner Premiere 2010 im Rahmen der Kulturhauptstadt-Aktivitäten - mit der zweiten Emscherkunst-Ausstellung zu einer fast 50 Quadratkilometer großen "Bühne für internationale und nationale Künstler geworden", so Kurator Florian Matzner.
Das "größte Outdoor-Kunstareal der Welt" ist jetzt der neue Superlativ für die Region, dem die Auswahl an Künstlern nicht nachsteht. Allen voran Ai Weiwei, der seine Arbeit "Aus der Aufklärung" nennt. Dafür stellt er rund tausend Zelte mit zehn verschiedenen Designs zur Verfügung, die von Besuchern gegen eine geringe Gebühr entliehen werden und an ausgewiesenen Zeltplätzen entlang der Emscher zur Übernachtung aufgestellt werden können. Sein Projekt soll damit das gesamte Ausstellungsareal umfassen, und die Benutzer sollen selbst Teil seines Kunstwerks werden. Am Ausstellungsende können alle Bürger übrigens an einer Lotterie teilnehmen, in der die Zelte verlost werden.
Rehbergers swingende Brücke wurde zur Ikone
Auch der Argentinier Tomás Saraceno und der "Altmeister der Konzeptkunst" Daniel Buren zählen zu den "Künstlerstars". Saracenos monumentaler Flugdrachen kreist über einem ehemaligen Kohlebunker im Gelsenkirchener Nordsternpark und komponiert mit den Fluggeräuschen eine eigene Symphonie, während Buren im ruinös anmutenden Möllerbunker in Duisburg mit wenigen ästhetischen Eingriffen einen Farbraum entstehen lässt, der abhängig von Tageszeit, Lichteinfall und Sonnenstärke ständig seine Wirkung und Atmosphäre verändert. Spaziergänger und die Fahrradfahrer können ihn wie einen überirdischen Tunnel passieren.
Zu sehen sind auch die Arbeiten aus der letzten Emscherkunst-Schau, denn Nachhaltigkeit war und ist auch in der Kunst gefragt. Hundertprozentig nachhaltig ist die bunte, swingende Brücke bei Oberhausen von Tobias Rehberger, die längst zur Ikone des Ruhrgebiets geworden ist. Statt solch großer Arbeiten und Gesten werden in diesem Jahr allerdings bewusst mehr leisere, bisweilen poetische Positionen in die neue Kunst-Landschaft gesetzt.
So installiert Reiner Maria Matysik zum Beispiel eine Art Wolkenmaschine, die aus Emscherwasser Wolkendampf macht. Die hierfür benötigte Energie wird aus dem Fluss selbst gewonnen - ein natürlicher Energiekreislauf entsteht: Die Emscher endet so nicht einfach, indem sie im Rhein aufgeht, sondern ein Teil von ihr fährt als Wolke zum Himmel. Und Michael Sailstorfer hat sich auf einem Rheindeich einen einzeln stehenden Baum ausgesucht, dessen abfallende Blätter wieder mit feinem Draht an die Äste geheftet werden. Eine echte Sisyphus-Arbeit, die filmisch dokumentiert wird.
Aus Sperrmüll werden Tische, Stühle, Hocker
Auch partizipative Projekte gibt es, die dann ihre Brisanz entfalten, wenn der Naturraum direkt an den urbanen stößt und hier wie zum Beispiel in Duisburg soziale Brennpunkte streift. Die slowenische Künstlerin und Architektin Apolonija Šušteršič ersetzt zum Beispiel einen Jugendtreff, der wegen des Emscher-Umbaus abgerissen werden muss, durch eine "Re-Konstruktion", in die sie in Workshops Kinder, Jugendliche und deren Eltern mit in die Gestaltung des Areals einbezieht und mit ihnen gemeinsam das neue Spielplatzgelände sowie einen neuen Skaterpark plant. In einem Bau-Camp mit Jugendlichen werden die gesammelten Ideen schließlich handwerklich umgesetzt.
Und Anna Witt hat in Zusammenarbeit mit der schwedischen Designergruppe Uglycute das Projekt "Breaking new" entwickelt. In Duisburg-Marxloh mit seiner hohen Leerstandsrate steht häufig nächtlich abgeladenes Sperrgut am Straßenrand. Eine Gruppe Einheimischer agiert hier als mobiles Konstruktionsteam mit einem kreativen Werkzeug-Kit: Weggeworfene Materialien werden in funktionale Objekte transformiert - in Stühle, Tische oder Hocker, die jetzt als frisch recyceltes Möbel draußen zum Sitzen und Verweilen einladen.
Subversive Transformation ist auch das Thema der Berliner Künstlergruppe "Inges Idee". Sie lassen einen Strommasten buchstäblich aus der Reihe seiner Artgenossen tanzen - wie elektrisiert bricht der 35 Meter hohe, weithin sichtbare Solist in swingender Bewegung aus dem einheitlichen Corps der steifen Stahlgerüst-Gesellen aus. Und scheint so die ganze Landschaft in neue Schwingungen zu versetzen. Ein schönes Bild, das den Geist des gesamten Projektes in sich aufzunehmen und wieder auszusenden scheint.