Digitale Spiele Diskret Daddeln
Zeitung lesen, aus dem Fenster stieren, gelangweilt eine Puderdose auf- und zuklappen das sind so ziemlich die Zeitvertreibsoptionen, die eine lange Zugfahrt bietet, wenigstens für Erwachsene. Wehmütig denken Menschen jenseits der 20 zurück: In den Achtzigern vertrieben kleine Handvideospiele die Ödnis langer Reisen. In den Neunzigern machte dann der Game Boy mit seinen auswechselbaren Steckmodulen nicht nur Zugfahrten, sondern auch große Pausen, Familienspaziergänge, Mittagessen und Theaterbesuche zur Spielzeit und wurde zum meistverkauften Videospielsystem aller Zeiten. Die junge Kundschaft von einst ist nun erwachsen, spielt aber eigentlich immer noch gern aber welcher Erwachsene traut sich, seinen Spieldrang öffentlich auszuleben?
Nintendo hat sich für dieses Problem eine Lösung überlegt: Unter dem lieblosen Namen Game Boy Advance SP tritt ein schicker Winzling in mattem Metallic-Look die Nachfolge des bonbonfarbenen Daddelbriketts an. Der SP ist etwa halb so groß wie sein Vorgänger und erinnert mit aufklappbarem Display mehr an eine überdimensionierte Puderdose, ein Handy, einen Personal Digital Assistant oder sonst ein Erwachsenen-Gadget als an eine Videospielkonsole für die Manteltasche. Mit dem "modernen Retro-Design" wolle er Spieler erreichen, die vielleicht seit "Tetris" keinen Game Boy mehr in der Hand gehalten haben, sagt Axel Herr, Chef von Nintendo Deutschland.
Rund ein Drittel teurer als der Vorgänger, wurden beim SP mit robustem Akku und beleuchtetem Display die ärgsten Funktionsdefizite beseitigt. Ausgerechnet eine simple Kopfhörerbuchse fehlt dem Daddel-Designobjekt jedoch das macht den Wiedereinstieg für erwachsene Spielkinder nicht eben einfacher. Wer nicht allein im Zugabteil sitzt, muss seinen Edel-Game-Boy diskret auf stumm stellen.
Stefan Schmitt
Game Boy Advance SP. (Ab 28. März, zwischen 130 und 140 Euro).