Dior-Designer Hedi Slimane: Schneider der Popstars - DER SPIEGEL
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Dior-Designer Hedi Slimane Schneider der Popstars

Hedi Slimane gilt als einer der innovativsten Modemacher der Welt, Mick Jagger und David Bowie zählen zu seinen Fans. Wenn der Dior-Designer die Schere aus der Hand legt, greift er zum Fotoapparat. Sein Bildband "Stage" nähert sich der Popkultur von einer ganz unmodischen Seite: als Szenario zwischen Kabeln und Kulissen.
Von Ulf Lippitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Musik plus Mode ist gleich Ruhm. Diese vereinfachte Formel bildet das Fundament von Popstar-Karrieren. Ein ausgefallenes Outfit erzeugt Aufmerksamkeit, edle Marken strahlen Glamour aus. Einen traditionell exzellenten Namen hat das Haute-Couture-Haus Christian Dior in Paris. Hedi Slimane arbeitet dort seit vier Jahren als Chefdesigner für die Herrenlinie. Der scheue Franzose kleidet Künstler wie David Bowie und Mick Jagger ein, arbeitet am Set-Design für die französische Band Air und hält so ziemlich alles in Bildern fest, was ihn in seinem Leben bewegt. Unlängst erschien sein dritter Fotoband "Stage" - eine stilsicher kompilierte Bestandsaufnahme des Popkosmos.

Symbiose von Musik und Mode

Hat man einen in der Branche wohl klingenden Namen wie Slimane, lassen sich die Künstler nicht lange bitten. Man wird förmlich dazu eingeladen, auf Konzerten und in Studios der Kamera-bewehrte Zaungast zu sein. Schließlich gilt der 1968 geborene Modeschöpfer als Shooting-Star der Modeindustrie. Er trimmte die Herrenmarke "Rive Gauche" bei Yves Saint-Laurent auf Erfolg, verließ 1999 die Firma nach der Übernahme durch die Gucci-Gruppe und wurde anschließend kreativer Kopf bei Konkurrent Dior.



Seine schwarzen Anzüge und lässigen Jeans sind begehrt und berühmt. Einem Gerücht zufolge soll Karl Lagerfeld 30 Kilo abgespeckt haben, nur um in die schlanken Anzüge Slimanes zu passen. David Bowie widmete ihm einen Auftritt bei den New Yorker Fashion Awards 2002 - den Titel "Designer Of The Year" nahm er am selben Abend mit nach Hause.

Der so Geadelte genießt die Symbiose von Musik und Mode. David Bowie, The Clash und Paul Weller waren seine frühen Helden - alles Musiker, die neben der Musik einen eigenen Stil in Szene setzen. "Kleidung gehört zur Mythologie der Rockmusik", meint Hedi Slimane. "Man spürt die Transformation von Rockstars, wenn sie das Bühnenoutfit anziehen - es ist als zögen sie in den Krieg." Er entwirft Anzüge, während die Stereoanlage läuft. Momentan kreischen die Gitarren der Rockband The Libertines im Atelier an der Seine. "Elektronische Musik kann ich nicht mehr hören", sagt er - womit er im allgemeinen Trend liegt.

Der Sohn einer Italienerin und eines Tunesiers spielt grundsätzlich eine Rolle: die des introvertierten Künstlers. Er grübelt lange und redet kurz, unternimmt einsame Spaziergänge und schaut Interview-Partner mit seinen großen dunklen Augen selten an. Er ist der Thom Yorke des Laufstegs - wie der Sänger der britischen Band Radiohead versteht es Slimane, charismatisch, verrückt und entrückt zugleich zu sein. Als er 2001 ein Jahr in einem Atelier der Berliner Galerie Kunstwerke lebte, faszinierte ihn vor allem die sprachbedingte Isolation. "Ich war so autistisch dort", sagt er im Rückblick.

Erfrischend anders ist sein Blick auf die Welt der Rockstars. Kein Glamour verschleiert die harten Schwarzweiß-Kontraste. Slimane interessiert sich für Instrumente, Beleuchtung oder Studioausstattung. In dem aufwendigen Bildband ikonisiert er die Technik, schafft eine Galerie der Produktionsmittel. Er nennt das "die semantischen Zeichen, die eine Performance artikulieren". Kabel erinnern plötzlich an eine Schlangengrube, Mischpult-Knöpfe an eine Lego-Soldatenarmee und Mikrofone an moderne Statuen. Stört ein menschliches Wesen die Komposition, reagiert Hedi Slimane mit der Verschlussklappe - er lässt sie länger offen, so dass sich Musiker wie Blondie, Peaches oder Franz Ferdinand höchstens erahnen lassen.

Entmenschlichte Kulissen-Kunst

Dutzende Konzerte hat er für das Buch besucht. Über drei Jahre hinweg hielt er Auftritte in Sydney, New York oder Berlin mit der Kamera fest, bannte Plattenaufnahmen von Beck und den White Stripes auf Zelluloid. "Es fühlte sich am Ende wie Routine an", sagt er. Das letzte Konzert war ein Gig von Iggy Pop. "Er hatte diese besondere Energie, als er aus dem Umkleideraum kam", erzählt Slimane. "Er war halbnackt, ging schnurstracks in Richtung Bühne, nahm von nichts Notiz - und machte es dem Team sehr schwer ihm zu folgen. Es war wie ein Ringkampf."

In Musikern entdeckt der Designer Gleichgesinnte. "Es gibt bei vielen einen Hauch von zerbrechlichem Heldentum", sagt er - eine Eigenschaft, die er gerne für sich in Anspruch nimmt. "Sie werden von einer natürlichen Schüchternheit ins unbarmherzige Rampenlicht geworfen. Wunderschön! Das ist wie eine Opferung oder eine Beichte."

Wie heilige Objekte behandelt auch Slimane seine Motive. Der Ziegelstein-große Bildband ist eine Verbeugung vor der technisch-industriellen Umgebung, die Musik erst möglich macht. Das Studio, die Arena - sie werden zum sakralen Raum, in dem das Publikum nur stört. Es darf lediglich in Andeutungen erscheinen. Die Darstellung von Massenhypnose, die mit einem Konzert fast zwangsläufig einhergeht, fehlt. Erst am Ende finden sich Bilder von Händen, die in der Luft um etwas ringen. Es könnte sich auch um Fotos von kirchlichen Messen handeln.

Hedi Slimane gelingt mit "Stage" ein individueller Einblick in das Alltäglich-Heilige von Rockmusik. Er macht den Betrachter mit der unscheinbaren Seite eines scheinbar glamourösen Lebens vertraut - mit den zahllosen Mischpultreglern und -knöpfen, den Kabeln und Mikrofonen, den endlosen Stuhlreihen in Konzertsälen, dem ganzen Inventar, aus dem die Kulissen des Pop zusammengesetzt sind. So entsteht, auf fast 400 Seiten, ein Panorama der Popkultur und ihrer technischen Bedingungen - ein Laufsteg, über den Bilder paradieren, die nicht mit der Mode gehen und deshalb um so moderner sind.


Hedi Slimane: "Stage". Steidl Verlag, Göttingen 2004, 396 Seiten, 80 Euro